Zwei Wochen nachdem ihr Sohn zur Welt kommt, erhält Janine die Diagnose Brustkrebs. Während der Chemotherapie zerbricht ihre Ehe. Wie sie trotzdem Halt findet.
Zwei Wochen nachdem ihr Sohn zur Welt kommt, erhält Janine die Diagnose Brustkrebs. Während der Chemotherapie zerbricht ihre Ehe. Wie sie trotzdem Halt findet.
Als Janine ihren Sohn Collin zum ersten Mal im Arm hält, scheint für einen Moment alles genau so zu sein, wie sie es sich gewünscht hat. Sie bringt Collin nicht selbst zur Welt, doch Janine erlebt seine Geburt hautnah mit: Sie durchtrennt die Nabelschnur und trägt ihn anschließend auf ihrem Körper. „Der erste Schrei, der erste Blick – das war einfach alles perfekt“, erinnert sich die heute 37-Jährige im Gespräch mit FOCUS online. Die ersten Stunden beschreibt sie als eine „geballte Form von Glücksgefühlen“.
Nur zwei Wochen später sitzt Janine im Sprechzimmer ihrer Frauenärztin. Die Augen ihrer Gynäkologin sind glasig. „Frau Kircher, das sieht nicht gut aus“, sagt sie. Diesmal geht es nicht um Collin, sondern um Janine. Einige Monate zuvor hatte sie eine Veränderung in ihrer rechten Brust ertastet. Wie sich später herausstellt, ist es ein Tumor.
Während die Ärztin weiterredet, scheint ihre Stimme immer weiter weg. „Der Raum wird enger, der Blick wird immer enger“, erinnert sich Janine.
Die Diagnose Brustkrebs erwischt Janine eiskalt. „Das Erste, was in deinem Kopf ist, ist Tod. Du stirbst“, sagt sie. Sofort denkt sie an ihre Kinder: Wird sie sie aufwachsen sehen? Wird sie noch die Kraft und Zeit haben, ihnen das zu geben, was sie ihnen geben möchte?
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Eigentlich hat sich Janine ihre Elternzeit völlig anders vorgestellt: Babygruppen, gemeinsame Unternehmungen, unbeschwerte Zeit mit Collin. Doch von dieser Leichtigkeit bleibt wenig.
Stattdessen folgen Untersuchungen und schließlich die Behandlung: Chemotherapie, Operation an der rechten Brust und Bestrahlungen. Vor allem die Chemotherapie bringt Janine körperlich an ihre Grenzen. Zeitweise kann sie kaum essen oder trinken, muss mehrfach ins Krankenhaus, erhält Bluttransfusionen und wird künstlich ernährt. Einmal wird sie in Anwesenheit ihres Sohnes bewusstlos. „Ich lag da und habe vor mich hinvegetiert“, erinnert sie sich.
In diesen Wochen prallen für Janine zwei Lebenswelten aufeinander. Die eine beschreibt sie als „wunderbare Blumenwiese mit den bunten Blumen“, die andere als „Hölle“. Manchmal möchte sie selbst nur weinen und schreien – und singt gleichzeitig ihrem Baby Lieder vor, bis es einschläft.
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Janine hat bereits einen älteren Sohn. Während sie versucht, Erkrankung und Muttersein gleichzeitig zu bewältigen, entfernt sich ihre damalige Frau zunehmend von ihr. Janine möchte offen mit ihrer Erkrankung umgehen, spürt jedoch immer mehr Distanz.
Mitten in ihrer Chemotherapie – „ich habe um mein Leben gekämpft“ – erscheint schließlich eine lange Nachricht ihrer Frau auf Janines Handy. Darin schreibt sie, dass sie nicht mehr stark genug sei, ihre Liebe nicht mehr dieselbe sei und sie Gefühle für eine andere Person habe.
„Das hat mich am meisten getroffen, dass ich ihr nicht mal ein persönliches Gespräch wert war“, sagt Janine über diese zusätzliche seelische Belastung. Trotzdem möchte sie ihre Ex-Frau nicht verurteilen. Sie hat mittlerweile ihren Frieden damit gefunden.
Krebsdiagnose, die Geburt ihres Sohnes, Chemotherapie und Trennung – Janine beschreibt das, was in ihr passiert, als einen Sturm. „Und was macht man beim Sturm? Man sucht sich etwas, wo man sich verstecken kann, was windgeschützt ist, was einen nicht mitreißt.“
Diesen Schutz findet Janine vor allem bei ihrer Familie. Ihre Eltern und ihr Bruder tragen sie durch die schwersten Monate. Während der Chemotherapie lebt sie zeitweise wieder bei ihren Eltern. Sie kümmern sich um das Baby, wenn Janine körperlich nicht mehr kann. „Ohne meine Eltern hätte ich das nicht geschafft.“
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Dabei fällt es Janine schwer zu sehen, was ihre Erkrankung mit den Menschen macht, die sie liebt. Als sie ihren Eltern erzählt, dass sich der Verdacht auf Brustkrebs bestätigt hat, sitzen diese bedrückt vor ihr. Janine selbst bleibt gefasst – und versucht, die Schwere des Moments mit Humor zu brechen. „Soll ich eine Brühe kochen?“, fragt sie. Als ihre Eltern sie irritiert ansehen, ergänzt sie: „Na ja, für die Trauerklöße, die jetzt hier rumsitzen.“
Ihre beiden Kinder geben Janine in dieser Zeit auf besondere Weise Halt. Janine beschreibt ihr Leben als ein Schiff, das von Eltern, Bruder und Freunden getragen wird. „Aber der Anker, das sind meine Kinder.“
Vor allem Collin führt ihr immer wieder vor Augen, dass sie gebraucht wird. Gleichzeitig verklärt Janine diese Zeit nicht: Ihre Kinder geben ihr Kraft, kosten aber auch Kraft, die sie während der Behandlung oft kaum hat. Wenn ihr älterer Sohn mit ihr spielen möchte, muss sie ihm erklären, warum das gerade nicht geht. Doch der Wunsch, für beide da zu sein und noch möglichst viele gemeinsame Momente zu erleben, gibt ihr einen Grund durchzuhalten.
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Neben dem Halt durch ihre Familie sucht Janine einen eigenen Weg, das Erlebte zu verarbeiten. Sie arbeitet an einem Buch. Das Niederschreiben hilft ihr, Gedanken zu ordnen und sich mit Gefühlen auseinanderzusetzen, die während der Behandlung oft keinen Raum hatten.
Ihre Gedanken bringt Janine auch in Zeichnungen zum Ausdruck. Eine ihrer Illustrationen zeigt sie mit geöffnetem Kopf. Darin sind Schreibtische, Akten und umherfliegende Unterlagen zu sehen.
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Die Zeichnungen machen sichtbar, was Janine über Monate zu bewältigen versucht: Krebs, Therapie, Trennung und Muttersein – alles gleichzeitig.
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Heute sagt Janine, dass es ihr gesundheitlich grundsätzlich gut geht. Sie erlebt weiterhin Nebenwirkungen und auch „schwarze Tage“, zudem ist ihre Behandlung noch nicht vollständig abgeschlossen. Trotzdem blickt sie anders auf ihr Leben als noch unmittelbar nach der Diagnose.
Die alte Janine sei gestorben. Doch dann hält sie kurz inne und findet ein anderes Bild: „Ich bin das Update von der alten.“ Ihre „Software“ sei komplett überholt. Sie habe sich durch das Erlebte weiterentwickelt und blicke heute anders auf sich und ihr Leben. Die Erkrankung habe ihr viel Schmerz gebracht, aber auch Menschen in ihr Leben geführt, die sie sonst vermutlich nie kennengelernt hätte.
Ein besonderer Moment auf diesem Weg ist für Janine ein Fotoshooting. Es soll ihr nach den körperlichen und emotionalen Strapazen der Krebstherapie einen Moment schenken, in dem nicht die Erkrankung, sondern sie selbst im Mittelpunkt steht.
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Wenn Janine heute auf die Frau zurückblickt, die wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes im Sprechzimmer ihrer Ärztin sitzt und mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, würde sie ihr sagen: „Glaub an dich, du bist stärker, als du denkst.“
Menschen, die mitten in einer Krise stecken, sollten wissen, dass sie möglicherweise mehr aushalten können als sie selbst gerade glauben. „Die Stärke kann man nicht sehen“, sagt Janine. „Aber man spürt sie.“
Brustkrebs, medizinisch Mammakarzinom, ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Laut Deutscher Krebshilfe erkranken jährlich rund 75.000 Frauen daran. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 65 Jahren.
Zu den bekannten Risikofaktoren gehören unter anderem:
Ein häufiges erstes Anzeichen ist ein neu ertasteter Knoten in der Brust. Auch Veränderungen der Brust oder Brustwarze, Einziehungen der Haut oder Flüssigkeitsaustritt aus der Brustwarze sollten ärztlich abgeklärt werden. Solche Veränderungen können jedoch auch andere Ursachen haben.
Brustkrebs kann unterschiedliche biologische Eigenschaften aufweisen. Bei einem invasiven Mammakarzinom sind Krebszellen in das umliegende Gewebe eingedrungen. Für die Behandlung werden laut S3-Leitlinie Mammakarzinom unter anderem die Rezeptoren für Östrogen und Progesteron sowie der HER2-Status bestimmt.
Sind alle drei Merkmale positiv, spricht man von triple-positivem Brustkrebs. Der Rezeptorstatus ist für die Therapie wichtig: Bei hormonrezeptorpositiven Tumoren können antihormonelle Behandlungen, bei HER2-positiven Tumoren gezielt gegen HER2 gerichtete Medikamente zum Einsatz kommen. Welche Therapie geeignet ist, hängt von weiteren Tumormerkmalen und der individuellen Erkrankungssituation ab.