Youtuber Jean Pierre Kraemer, bekannt als JP Performace, gibt zu: Teile seiner Familiengeschichte stimmen nicht. Der Fall zeigt, wie Menschen ihre eigene Lebensgeschichte verändern
Gewaltvorwürfe gegen JP Kraemer. Nun gab der Youtuber zu: Der vermeintliche Suizid seiner Mutter war eigentlich ein Unfall. Der Fall zeigt, wie Menschen ihre eigene Lebensgeschichte erinnern, deuten und verändern.
Besonders gravierend ist eine Geschichte über den Tod seiner Mutter. Kraemer hatte bislang öffentlich erzählt und auch in seiner 2020 erschienenen Biografie „Angstgetrieben“ geschrieben, seine Mutter habe Suizid begangen: Sie sei mit ihrem Auto auf Bahngleise gefahren und dort von einem Zug erfasst worden.
Nun erklärte er öffentlich: „Meine Aussage, dass meine Mutter Selbstmord gemacht hat, ist falsch. Sie ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. Das war falsch von mir, das zu sagen.“
Zugleich räumte er ein, auch andere Dinge aus seiner Kindheit stärker dargestellt zu haben, als sie tatsächlich gewesen seien. Was genau Kraemer damals dazu bewogen hat und warum er seine Darstellung heute korrigiert, kann von außen niemand seriös beurteilen. Eine Ferndiagnose wäre hier völlig fehl am Platz.
Psychologisch interessant ist der Fall trotzdem. Denn er berührt ein Phänomen, das keineswegs nur Prominente oder Influencer betrifft: Menschen erzählen ihre eigene Vergangenheit nicht wie ein Tonband, das unverändert abgespielt wird. Sie erinnern, interpretieren, ergänzen, verdrängen, dramatisieren – und manchmal verändern sie ihre Lebensgeschichte sogar bewusst. Dabei muss man allerdings sehr genau unterscheiden.
ANZEIGE
ANZEIGE
Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Gedächtnispsychologie lautet: Erinnerungen sind keine unveränderlichen Dateien, die irgendwo im Gehirn abgelegt werden und bei Bedarf wieder geöffnet werden. Erinnern ist ein rekonstruktiver Vorgang. Beim Abrufen einer Erinnerung werden einzelne gespeicherte Elemente mit unserem später erworbenen Wissen, unseren Erwartungen und unseren Vorstellungen darüber verbunden, wie etwas wahrscheinlich gewesen ist.
Die American Psychological Association beschreibt „reconstructive memory“ entsprechend als Wiederherstellung einer Erfahrung aus nur teilweise gespeicherten Informationen. Das kennt jeder aus der eigenen Familie. Drei Geschwister erzählen von demselben Weihnachtsfest vor 30 Jahren – und am Ende könnte man meinen, sie hätten Weihnachten in drei verschiedenen Familien verbracht.
Das bedeutet nicht, dass einer von ihnen lügt. Unsere autobiografische Erinnerung ist eng mit unserer Identität verbunden. Wir erinnern nicht nur, was passiert ist, sondern geben dem Erlebten im Nachhinein Bedeutung: Was hat mich geprägt? Warum bin ich so geworden? Wer hat mich verletzt? Wer hat mich gerettet? Woher kommen meine Ängste, meine Stärke oder mein Ehrgeiz?
Aus vielen einzelnen Ereignissen entsteht auf diese Weise eine persönliche Lebenserzählung. Und genau hier beginnt die psychologisch interessante Grauzone.
Eine Lüge setzt zunächst voraus, dass ein Mensch weiß, dass etwas anders war, und trotzdem bewusst eine falsche Darstellung verbreitet. Eine falsche Erinnerung funktioniert anders. Ein Mensch kann subjektiv vollkommen überzeugt sein, etwas richtig zu erinnern – obwohl wesentliche Details falsch sind oder das erinnerte Ereignis in dieser Form überhaupt nicht stattgefunden hat.
Dass solche „false memories“, also falsche Erinnerungen, existieren, ist experimentell gut belegt. Gleichzeitig warnt die Forschung davor, daraus vorschnell zu schließen, falsche autobiografische Erinnerungen ließen sich bei jedem Menschen beliebig leicht erzeugen. Zwischen bewusster Lüge und vollständig falscher Erinnerung liegt zudem ein breites psychologisches Mittelfeld.
Ein Mensch kann beispielsweise eine reale Erfahrung zunächst etwas dramatischer erzählen. Beim nächsten Erzählen wird die zugespitzte Version erneut verwendet. Sie klingt inzwischen vertraut. Später erinnert man sich möglicherweise weniger an das ursprüngliche Erlebnis als an die Geschichte, die man darüber schon zwanzigmal erzählt hat. Die eigene Erzählung kann sich gewissermaßen vor die ursprüngliche Erinnerung schieben.
Deshalb wäre ich auch vorsichtig mit der populären Vorstellung, traumatische Erlebnisse würden vom Gehirn einfach verdrängt und später plötzlich originalgetreu wieder freigegeben. Die Forschung zu Trauma und autobiografischem Gedächtnis zeichnet ein wesentlich komplizierteres Bild. Traumatische Erinnerungen können unter anderem fragmentarisch, unvollständig oder schwer willentlich abrufbar sein. Daraus folgt aber keineswegs automatisch, dass jede später auftauchende Erinnerung historisch exakt ist.
Warum verändert ein Mensch seine Vergangenheit überhaupt? Weil wir Menschen eine enorme Sehnsucht nach Kohärenz haben. Wir möchten, dass unser Leben irgendwie zusammenpasst. Wenn ich heute erfolgreich, ängstlich, misstrauisch, besonders ehrgeizig oder besonders verletzlich bin, suche ich rückblickend nach einer Erklärung dafür.
So entstehen innere Sätze wie: „Ich musste schon als Kind immer kämpfen.“ Oder: „Ich konnte mich nie auf jemanden verlassen.“ Solche Sätze können im Kern völlig richtig sein. Problematisch wird es, wenn irgendwann alle Erinnerungen so sortiert werden, dass sie diese Lebensthese bestätigen. Die Biografie wird dann rückwärts geglättet.
Dabei können auch psychische Schutzmechanismen eine Rolle spielen. Manche Ereignisse werden kleiner gemacht, andere größer. Schuld wird verschoben, Scham abgewehrt oder eine schwer verständliche Erfahrung in eine Geschichte verwandelt, die zumindest erklärbar erscheint. Das geschieht keineswegs immer bewusst. Es gibt aber selbstverständlich auch die bewusste Dramatisierung. Und an dieser Stelle kommt ein relativ neues Phänomen hinzu: die Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Wer Freunden beim Abendessen seine Lebensgeschichte erzählt, bekommt vielleicht zehn Minuten Aufmerksamkeit. Wer seine Lebensgeschichte auf YouTube, Instagram oder Tiktok erzählt, erreicht unter Umständen Millionen Menschen. Damit verändert sich etwas. Auf Social Media konkurrieren Geschichten um Aufmerksamkeit.
„Meine Kindheit war eigentlich ziemlich durchschnittlich“ ist menschlich sympathisch, aber kein besonders wirkungsvoller Einstieg in ein Video. Krise, Trauma, Absturz, Krankheit, Verrat und anschließende Wiederauferstehung erzeugen dagegen Spannung. Die Forschung beschreibt bei Content Creators tatsächlich ein permanentes Spannungsfeld zwischen authentischer Selbstdarstellung und einer professionell konstruierten Online-Persona.
Eine aktuelle deutsche Untersuchung mit Youtube Creators zeigt, dass Authentizität, Vertrauensbildung gegenüber dem Publikum, Selbstvermarktung und die Logik der Plattform ständig miteinander ausgehandelt werden müssen. Das Interessante daran: Dieser Mechanismus betrifft längst nicht mehr nur professionelle Influencer. Auch gewöhnliche Nutzer bewegen sich in sozialen Medien zwischen dem Wunsch, authentisch zu sein, und dem Wunsch, Aufmerksamkeit zu bekommen.
Forscher sprechen deshalb von einer Spannung zwischen „authenticity and attention“, also Authentizität und Aufmerksamkeit. Daraus entsteht ein paradoxes System: Wir verlangen von öffentlichen Personen maximale Authentizität – belohnen aber häufig die spektakulärste Version dieser Authentizität. Wer die dramatischere Geschichte erzählt, bekommt möglicherweise mehr Klicks, mehr Resonanz, mehr Interviews und mehr Bestätigung.
Und irgendwann kann eine solche Geschichte Teil der eigenen Marke werden.
Bei Influencern kommt noch etwas hinzu, das psychologisch besonders interessant ist. Ein erfolgreicher Creator erzählt irgendwann nicht mehr einfach nur aus seinem Leben. Er entwickelt eine öffentliche Figur. Diese Figur trägt zwar den eigenen Namen und sieht genauso aus wie man selbst – sie ist aber trotzdem eine Auswahl.
Bestimmte Eigenschaften werden betont, andere verschwinden. Der eine wird zum kompromisslosen Unternehmer, die andere zur perfekten Mutter, der nächste zum Menschen, der sich trotz einer furchtbaren Kindheit ganz nach oben gekämpft hat. Das muss zunächst überhaupt nichts Krankhaftes oder Verwerfliches sein. Jeder Mensch präsentiert sich je nach Situation unterschiedlich. Auch ein Arzt verhält sich im Behandlungszimmer anders als beim Abendessen mit Freunden.
Problematisch wird es erst, wenn die öffentliche Figur immer stärker festlegt, welche Geschichten über die private Person erzählt werden müssen. Dann kann ein regelrechter biografischer Sog entstehen: Neue Geschichten müssen zu den alten passen. Widersprüche stören. Die eigene Vergangenheit wird zunehmend Teil einer Marke.
Bemerkenswert ist noch etwas anderes: Menschen korrigieren lange erzählte Geschichten häufig nicht in ruhigen Zeiten, sondern gerade dann, wenn ohnehin vieles zusammenbricht.
Auch dafür gibt es eine plausible psychologische Erklärung. Eine Krise erschüttert das bisherige Selbstbild. Strategien, mit denen ein Mensch jahrelang funktioniert hat, funktionieren plötzlich nicht mehr. Beziehungen zerbrechen, berufliche Konstruktionen geraten ins Wanken oder das öffentliche Bild stimmt nicht mehr mit dem privaten Leben überein. Das erzeugt eine enorme innere Spannung. In solchen Situationen entsteht häufig der Wunsch nach einer Art psychischer Inventur: Was stimmt eigentlich noch? Was will ich weitertragen? Was muss ich endlich aussprechen?
Hinzu kommt etwas sehr Menschliches: Geheimnisse und Unwahrheiten benötigen psychische Energie. Man muss im Kopf behalten, wem man welche Version erzählt hat. Man muss Widersprüche vermeiden. Man muss eine Fassade stabilisieren. Wenn diese Fassade ohnehin Risse bekommt, kann die Wahrheit plötzlich entlastender erscheinen als ihre weitere Verteidigung.
Das kann sich wie ein Großreinemachen anfühlen: Wenn schon alles auf dem Prüfstand steht, dann soll wenigstens jetzt alles heraus. Ob das im konkreten Fall JP Kraemer eine Rolle spielt, wissen wir nicht. Dass er seine frühere Darstellung gerade in einer massiven persönlichen und öffentlichen Krise korrigiert, macht den Vorgang psychologisch jedoch besonders interessant.
Sie kennen die Situation aus Ihrem eigenen Umfeld? Dann würde ich zunächst von einer Konfrontation nach dem Motto „Du lügst doch!“ abraten. Denn damit zwingt man den anderen fast automatisch in die Verteidigung. Hilfreicher ist es, bei konkreten Widersprüchen zu bleiben: „Du hast mir das früher anders erzählt. Ich bin gerade irritiert. Wie erklärst du dir den Unterschied?“
Dann sollte man beobachten, wie der Betreffende reagiert. Kann er Unsicherheit zulassen? Sagt er vielleicht: „Ich weiß es selbst nicht mehr genau“? Kann er eine frühere Übertreibung eingestehen? Oder produziert er sofort eine neue Geschichte, um die alte zu retten?
Entscheidend ist außerdem, ob die verfälschte Lebensgeschichte überhaupt Konsequenzen für andere hat. Nicht jede ausgeschmückte Anekdote ist ein psychologisches Drama. Menschen erzählen seit Jahrtausenden Geschichten und machen sie beim Erzählen manchmal schöner, lustiger oder dramatischer.
Eine Grenze ist allerdings erreicht, wenn mit erfundenen oder verfälschten Geschichten andere Menschen beschuldigt, manipuliert oder öffentlich beschädigt werden – oder wenn Nähe und Vertrauen in einer Beziehung zunehmend davon abhängen, eine offensichtlich widersprüchliche Realität mitzutragen. Dann geht es nicht mehr um die Fehlbarkeit unseres Gedächtnisses. Dann geht es um Verantwortung.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre solcher Fälle. Wir alle besitzen zwei Biografien: diejenige, die tatsächlich stattgefunden hat – und diejenige, die wir uns selbst und anderen darüber erzählen. Im Idealfall liegen beide möglichst nah beieinander. Vollkommen identisch werden sie niemals sein. Denn Erinnern bedeutet immer auch interpretieren.
Problematisch wird es dort, wo aus Interpretation systematische Erfindung wird – und besonders dort, wo die erfundene Version irgendwann wichtiger wird als die Wirklichkeit. Die Fähigkeit, die eigene. Lebensgeschichte zu korrigieren, kann deshalb durchaus etwas Gesundes haben. Der entscheidende Satz lautet dann nicht: „So war es.“ Sondern manchmal auch: „So habe ich es lange erzählt. Aber so war es offenbar nicht.“
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Familienleben | 0 | 2.5 | 26-02-2026 |
| 2 | Kommentar zu 🚀 🇺🇸 Amerika kann Geld drucken – aber nicht die Raketen, die es braucht von Jeronimo | 0 | 8.26 | 10-10-2026 |
| 3 | Психолог назвал способы не повторить ошибок родителей в браке | 0 | 8.17 | 03-10-2026 |
| 4 | Book excerpt: "Narratives" by Nancy Colier | 0 | 7.79 | 04-10-2026 |
| 5 | André (29) ist homosexuell: „Ich wollte nicht schwul sein. Ich wollte dazugehören“ | 0 | 6.62 | 15-09-2026 |
| 6 | Number of Germans who change their minds about refusing military service grows | 0 | 7.35 | 10-10-2026 |
| 7 | Tauziehen im Kopf statt fehlende Disziplin: Warum Sie wirklich Dinge aufschieben | 0 | 11.54 | 22-09-2026 |
| 8 | Psychotherapie: Menschen, die sich mit ihrer eigenen Psyche beschäftigen, verstehen ihre Gefühle und Verhaltensweisen besser. | 0 | 5.95 | 15-09-2026 |
| 9 | Эксперт Перцель объяснил, почему родители боятся вести детей к психотерапевту | 0 | 8.52 | 09-10-2026 |