Manche Menschen bleiben in größeren Runden auffällig still und gelten als schüchtern oder sogar desinteressiert. Doch die Psychologie zeichnet ein ganz anderes Bild.
Sie sitzen mittendrin, hören zu, sagen aber kaum ein Wort. Manche Menschen bleiben in größeren Runden auffällig still und gelten als schüchtern oder sogar desinteressiert. Doch die Psychologie zeichnet ein ganz anderes Bild.
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum: Wer in einer Gruppendiskussion schweigt, sei nicht bei der Sache. Die Realität könnte laut Psychologie ganz anders aussehen. Die Beteiligung an einem Gespräch lässt sich nicht am Redeanteil messen. Menschen können einer Unterhaltung hochkonzentriert folgen, zentrale Argumente erfassen und sich gedanklich intensiv beteiligen – ganz ohne selbst das Wort zu ergreifen. Das schreibt das französische Nachrichtenmagazin „Linternaute“.
Schon 1991 wiesen die Psychologen Garold Stasser und Laurie Taylor in einer Studie im „Journal of Personality and Social Psychology“ darauf hin, wie ungleich Gespräche in Gruppen tatsächlich verteilt sind. Sie setzten Gruppen mit jeweils sechs Personen zusammen und werteten die Gesprächsmuster aus. Knapp die Hälfte (49 Prozent) aller Wortbeiträge entfielen auf Zweiergespräche – zwei Personen redeten miteinander, während die anderen vier zuhörten.
In größeren Runden verstärkte sich dieser Effekt noch, wie die Kommunikationsforscher Nicolas Fay, Simon Garrod und Jean Carletta einige Jahre später im Fachjournal „Psychological Science“ schreiben: In kleinen Gruppen mit fünf Personen funktioniere Kommunikation eher wie ein Dialog zwischen Paaren. „In großen Gruppen mit zehn Personen gleicht die Kommunikation hingegen einem Monolog, und die Mitglieder werden am stärksten von einem dominanten Sprecher beeinflusst“, schreiben die Autoren.
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„Linternaute“ vermutet dahinter: Je größer die Runde, desto mehr Informationen müssen gleichzeitig verarbeitet werden. Etwa:
Für bestimmte Persönlichkeitstypen werde das bewusste Beobachten deshalb zur natürlichen Strategie. Erst verstehen, dann sprechen. Und der Kontext spiele eine enorme Rolle. Dieselbe Person, die in einem Meeting mit 15 Kollegen kaum ein Wort sagt, kann im kleinen Kreis stundenlang angeregt diskutieren. Denn weniger Leute bedeuten weniger Konkurrenz ums Wort, überschaubarere Dynamiken, mehr Vertrautheit.
Im Berufsleben kann das Schweigen allerdings einen Preis haben . Eine 2020 im Fachjournal „The Leadership Quarterly“ veröffentlichte Studie bestätigt das Phänomen der sogenannten „Babble-Hypothese“. 33 Gruppen mit jeweils vier bis zehn Teilnehmern sollten ein Problem lösen. Es zeigte sich: Die bloße Redezeit einer Person bestimmt demnach maßgeblich, ob eine Gruppe sie als Führungsfigur wahrnimmt. Intelligenz oder tatsächliche Kompetenz spielen dabei keine messbare Rolle.
Die Psychologin Mallory McCord von der Old Dominion University im US-Bundesstaat Virginia ging 2025 noch einen Schritt weiter. In drei unabhängigen Erhebungen (veröffentlicht im Journal „Occupation Health Science“) zeigte sie: Introvertierte Mitarbeiter werden systematisch als weniger warmherzig und weniger kompetent eingeschätzt. Sogar von Kollegen, die sich selbst als introvertiert beschreiben. Die Vorurteile sitzen offenbar so tief, dass nicht einmal die eigene Betroffenheit davor schützt.
Doch was passiert eigentlich im Kopf der Menschen, die in Gruppen lieber beobachten als reden? Neurowissenschaftliche Forschung liefert Hinweise. Eine Studie vom Kings College in London zeigt im „Journal of Neuroscience“: Das Gehirn introvertierter Menschen ist bereits im Ruhezustand etwas aktiver, besonders in Hirnarealen, die mit Informationsverarbeitung zusammenhängen.
Bei anspruchsvollen Denkaufgaben schnitten Introvertierte und Extrovertierte gleich gut ab, nur mussten die introvertierten Probanden dafür weniger Ressourcen mobilisieren. In anderen Worten: Ihr Kopf arbeitet nicht erst auf Kommando, er arbeitet ständig.
Die klassische Psychologie kennt vor allem zwei Pole: Introversion und Extraversion. Doch viele Menschen finden sich in keiner der beiden Kategorien wirklich wieder. In einem Beitrag auf FOCUS online verweist der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Stefan Woinoff auf einen Begriff, der zunehmend in sozialen Netzwerken und Podcasts auftaucht: „otrovertiert“. Das Wort setzt sich aus dem spanischen „otro“ (der andere) und der lateinischen Endung „-vertiert“ (wenden) zusammen und geht auf den US-Psychiater Rami Kaminski zurück.
Wie Woinoff erklärt, beschreibt der Begriff Menschen, die nach außen offen und gesellig wirken, soziale Situationen aber gleichzeitig als anstrengend empfinden.
Laut Woinoff zeigen diese Menschen typische Merkmale:
Der entscheidende Unterschied zur sogenannten Ambiversion: Es handelt sich weniger um ein flexibles Wechseln zwischen den Polen als vielmehr um einen inneren Widerspruch. Man gehört dazu, fühlt sich aber fremd. Man beherrscht Small Talk, erlebt ihn aber als hohl. Man genießt Gesellschaft – und braucht danach ungewöhnlich viel Rückzug.