Ein niedriger Rheinpegel oder ein vertrockneter Wald kann mehr auslösen als nur Sorge um die Umwelt. Manche Menschen empfinden Trauer, Wut und Hilflosigkeit.
Ein niedriger Rheinpegel oder ein vertrockneter Wald kann mehr auslösen als nur Sorge um die Umwelt. Manche Menschen empfinden Trauer, Wut und Hilflosigkeit.
Der Rhein führt derzeit an vielen Stellen extrem wenig Wasser. Bei Kaub, einer wichtigen Messstelle am Mittelrhein, sank der Pegel Ende September zeitweise auf wenige Zentimeter. Fähren mussten ihren Betrieb einstellen, Frachtschiffe können teilweise nur noch mit reduzierter Ladung fahren. Auch andere Flüsse und Seen zeigen die Folgen von Trockenheit und Wassermangel.
Für manche Menschen sind solche Bilder mehr als eine schlechte Nachricht. Sie schauen auf einen Fluss, an dem sie seit Jahrzehnten leben, sehen Sandbänke und freiliegende Steine und empfinden etwas, das sich fast wie Heimweh anfühlt – obwohl sie gar nicht weggegangen sind. Dieses Gefühl hat einen Namen: Solastalgie.
Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Begriff wurde vom australischen Umweltphilosophen Glenn Albrecht geprägt. Er beschreibt den seelischen Schmerz, der entsteht, wenn sich die vertraute Umwelt tiefgreifend verändert, während man selbst weiterhin dort lebt. Anders als beim klassischen Heimweh vermisst man also keinen Ort, den man verlassen hat. Man vermisst den Ort, an dem man noch immer lebt.
Menschen entwickeln nicht nur Bindungen zu Menschen. Wir binden uns auch an Orte. Der Wald, durch den wir seit unserer Kindheit gehen. Der Fluss, in dem wir früher gebadet haben. Der See, an dessen Ufer wir jeden Sommer verbracht haben. Landschaften gehören zu unserer persönlichen Biografie. Sie vermitteln etwas psychologisch Wichtiges: Kontinuität.
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Vieles in unserem Leben verändert sich – aber der Fluss, der Wald oder die Berge scheinen zu bleiben. Wenn sich gerade diese scheinbar unveränderlichen Orte sichtbar verändern, kann das deshalb erstaunlich tief treffen. Deutschland erlebt das momentan sehr konkret. Nach einem extrem trockenen Sommer sind die Wasserstände zahlreicher Flüsse niedrig; auch Grundwasser und Böden sind vielerorts betroffen. Im Juli wurde deshalb erstmals ein bundesweites Niedrigwasser-Informationssystem vorgestellt.
Meine Mutter ist am Rhein geboren und eine Verwandte von mir, eine alleinstehende Frau Ende 50, nennen wir sie Susanne, lebt seit ihrer Kindheit in einer kleinen Stadt am Rhein. Wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt beginnt ein Wald. Fluss und Wald sind für sie seit Jahrzehnten Rückzugsorte. Fast jeden Tag geht sie dort spazieren. Sie kennt bestimmte Bäume, beobachtet Wasservögel und hat ihre festen Plätze am Ufer. Gerade weil sie allein lebt, bedeutet ihr diese Verbindung zur Natur viel.
Doch in den vergangenen Jahren verändert sich ihr Erleben. Im Wald sieht sie immer mehr trockene und geschädigte Bäume. Noch stärker trifft sie der Fluss. Wo früher Wasser war, liegen plötzlich Kies, Sand und Steine frei. „Manchmal stehe ich am Ufer und denke: Wo ist mein Rhein geblieben?“, erzählt sie mir. Sie beginnt, immer häufiger die Pegelstände zu kontrollieren.
Sie liest über Dürre, Waldsterben und Klimawandel. Wenn Regen angekündigt wird, hofft sie darauf – und ist enttäuscht, wenn nur wenige Tropfen fallen. Ihre Freunde verstehen ihre Traurigkeit nur bedingt. „Der Rhein ist doch noch da“, sagt eine Freundin.
Aber genau das beschreibt das Paradox der Solastalgie: Der Rhein ist noch da – und trotzdem erlebt Susanne einen Verlust. Der vertraute Ort, der ihr über Jahrzehnte Sicherheit und Beständigkeit vermittelt hat, verändert sich vor ihren Augen.
Klimaangst richtet sich vor allem auf die Zukunft: Was kommt noch auf uns zu? Wie werden unsere Kinder leben? Welche Katastrophen drohen? Solastalgie betrifft dagegen stärker einen Verlust, den wir bereits erleben. Das zentrale Gefühl ist deshalb häufig Trauer. Hinzukommen können Angst, Wut und vor allem Hilflosigkeit.
Dabei ist wichtig: Solastalgie ist zunächst keine psychische Erkrankung. Wenn ein Mensch traurig darüber ist, dass ein vertrauter Wald vertrocknet oder ein Fluss außergewöhnlich wenig Wasser führt, muss diese Reaktion nicht pathologisiert werden. Trauer bedeutet zunächst einmal, dass einem etwas wichtig ist.
Problematisch kann es werden, wenn die Beschäftigung damit das Leben zunehmend beherrscht. Wer morgens als Erstes den Rheinpegel kontrolliert, tagsüber Klimanachrichten liest und abends Videos über Waldbrände und Dürren anschaut, kann in einen Kreislauf geraten. Diese Sorge führt zu mehr Informationssuche – und die Informationssuche wiederum zu mehr Sorge.
Aus psychotherapeutischer Sicht ist vor allem das Gefühl der Ohnmacht problematisch. Kein einzelner Mensch kann den Klimawandel stoppen oder den Rheinpegel steigen lassen. Wir brauchen aber die Erfahrung, etwas bewirken zu können. Das kann bedeuten, sich in einem Naturschutzprojekt zu engagieren, einen Garten naturnah zu gestalten, Bäume zu pflanzen oder sich gemeinsam mit anderen um einen Bach, einen Wald oder eine Streuobstwiese zu kümmern.
Auch Susanne will sich jetzt sich in einer örtlichen Naturschutzgruppe zu engagieren. Bei Aktionen im Wald und bei der Pflege eines Feuchtbiotops. Am Wasserstand des Rheins wird das zunächst nichts ändern. Das ist ihr bewusst. An ihrem eigenen Erleben sehr wohl – hofft sie zumindest. Sie ist dann nicht mehr ausschließlich Beobachterin eines Verlustes, sondern erlebt sich wieder als Handelnde.