Die verurteile Mörderin Christa Pike überlebte zwei tödliche Dosen Pentobarbital. Ein Anästhesist erklärt, unter welchen Umständen das Mittel versagen kann.
Die verurteilte Mörderin Christa Pike überlebte zwei tödliche Dosen Pentobarbital. Ein Anästhesist erklärt, wie das Mittel wirkt und unter welchen Umständen es versagen kann.
Der Fall einer zum Tode verurteilten Mörderin bewegt seit einigen Tagen die USA und die ganze Welt. Die 50-Jährige Christa Pike sollte am 30. September im US-Bundesstaat Tennessee mittels der sogenannten Giftspritze hingerichtet werden. Wie im Protokoll vorgesehen, erhielt sie zwei tödliche Dosen des Betäubungsmittels Pentobarbital.
Wie kann es sein, dass eine Frau gleich zwei tödliche Dosen des Mittels erhält und weiterlebt? „Wenn die erwartete Wirkung nicht eintritt, ist die wahrscheinlichste Ursache, dass die Substanz das Gehirn nicht erreicht“, erklärt Anästhesist Thomas Volk gegenüber FOCUS online. Er ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes.
Pentobarbital wirkt stufenweise, wie Volk erklärt: „Das Pentobarbital wirkt in erster Linie im Gehirn. Damit wird zunächst ein schlafähnlicher Zustand erreicht. Mit steigender Dosis wird dann die Atmung ausgeschaltet.“ Gleichzeitig werde der Kreislauf beeinträchtigt. Ohne Atmung und mit vermindertem Kreislauf würden lebenswichtige Organe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt – der Mangel führe schließlich zum Tod.
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Die US-Amerikanerin Christa Pike war 1996 für den Mord an der damals 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zur Tatzeit 18 Jahre alt. Slemmer war 1995 in einem abgelegenen Gebiet nahe Knoxville über längere Zeit gefoltert und schließlich getötet worden. Pikes Hinrichtung wäre die erste einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren gewesen.
Damit das Mittel diese Wirkungskette in Gang setzen kann, muss es über einen intravenösen Zugang direkt in die Blutbahn gelangen – und von dort ins Gehirn. Genau das scheint im Fall von Pike jedoch nicht wie vorgesehen funktioniert zu haben. Davon gehen zumindest ihre Anwälte inzwischen aus.
Anwalt Randy Spivey sagte, er habe allein im linken Arm seiner Mandantin mindestens sieben Einstichstellen gezählt – eine der Nadeln sei beim Herausziehen um 90 Grad verbogen gewesen. Während der Prozedur habe Pike geweint und gesagt: „Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich aufplatzen.“ Bei der Einlieferung ins Krankenhaus seien beide Arme geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät gewesen.
Tatsächlich sei laut Volk „das Fehlen eines sicher funktionierenden venösen Zugangs“ die wahrscheinlichste Ursache, wenn Pentobarbital das Gehirn nicht in der erwarteten Menge erreicht.
Es spricht vieles dafür, dass das Mittel stattdessen zumindest teilweise versehentlich ins umliegende Gewebe sickerte. Mediziner sprechen von einem sogenannten Paravasat. Die Folgen sind gravierend: „Wenn Pentobarbital anstatt in eine Vene in umliegendes Gewebe gespritzt wird, muss mit dem Auftreten einer Verätzung gerechnet werden“, warnt Volk. Barbiturate seien generell sehr alkalisch – sie können Proteine auflösen und damit lebendes Gewebe angreifen.
Das erklärt die von Pikes Anwälten beschriebenen schweren Verbrennungen und Blasenbildungen an beiden Armen. Außerdem habe sie Blutgerinnsel in einem ihrer Arme und könne keine der Gliedmaßen bewegen. „Wir wissen nicht, ob und inwieweit sie die Funktion wiedererlangen wird“, sagte Spivey. „Ihre Hände sahen aus, als hätte man einen OP-Handschuh aufgeblasen.“
Pike wurde nach der gescheiterten Hinrichtung in ein Krankenhaus gebracht und künstlich beatmet. Die medizinische Versorgung folge in solchen Fällen einem klaren Prinzip, erklärt Volk: „Im Krankenhaus wird immer versucht, zunächst alle lebenswichtigen Organfunktionen zu prüfen und aufrechtzuerhalten.“
Das bedeute konkret: Die durch das Pentobarbital ausgeschaltete Atmung und der verminderte Kreislauf würden durch künstliche Beatmung und Kreislauftherapie kompensiert. Anschließend würden Leber-, Nieren- und Hirnfunktion geprüft.
Ein entscheidender Punkt: „Für Barbiturate gibt es kein Gegengift.“ Man könne laut Volk zwar versuchen, die Elimination zu beschleunigen. Allerdings sei unklar, wie wirksam diese Maßnahmen sind. „Man kann also schlicht abwarten, bis die Leber und die Nieren das Pentobarbital entfernt haben“, bilanziert Volk.
„Am Montagabend gingen wir davon aus, dass Christa hirntot war und dass die lebenserhaltenden Maßnahmen am nächsten Tag abgeschaltet werden würden“, erklärte Anwalt Spivey bei einer Pressekonferenz eine Woche nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch. Zur „großen Überraschung aller“ sei Pike aufgewacht und habe begonnen zu sprechen. Ihr Zustand sei allerdings „kognitiv immer noch sehr verwirrt“. Zudem habe sie eine Lungenentzündung.
Ob sie bleibende Schäden davontrage, entscheide laut Volk die Antwort auf eine Frage: Wie lange war das Gehirn unterversorgt? „Die Langzeitschäden hängen davon ab, wie stark ein Sauerstoffmangel das Gehirn oder andere Organe bereits geschädigt hat. Im günstigsten Fall bleiben keine dauerhaften Schäden“, erklärt der Anästhesist.
„Das gilt nicht für das wahrscheinliche Paravasat, also das Pentobarbital, das möglicherweise ins Gewebe gelangte“, stellt er klar. „An den Stellen ist mit einer bleibenden Gewebeschädigung zu rechnen.“
Barbiturate sind synthetische Stoffe. Sie wirken dämpfend auf das zentrale Nervensystem. Die Stammverbindung Barbitursäure wurde schon 1864 von dem deutschen Chemiker Adolf von Baeyer hergestellt. Bis diese seinen Weg in die Medizin fand, dauerte es allerdings noch ein paar Jahre: Ab 1904 kam das erste Barbiturat als Schlaf- und Beruhigungsmittel zum Einsatz – über Jahrzehnte hinweg kamen Barbiturate in verschiedenen Formen in diesem Bereich zum Einsatz. Da der Grat zwischen wirksamer und tödlicher Dosis jedoch sehr schmal ist und die Stoffe abhängig machen, wurden sie zunehmend von den sichereren Benzodiazepanen verdrängt. Seit 1992 sind Barbitorate in Deutschland nicht mehr als Schlafmittel zugelassen.
Einige US-Bundesstaaten setzen Pentobarbital zudem bei Hinrichtungen mittels Giftspritze ein. In der Schweiz verwenden es auch Sterbehilfeorganisationen wie EXIT und Dignitas – allerdings unter deutlich anderen Bedingungen. Der Wirkstoff wird dort als Trinklösung eingenommen, nicht intravenös verabreicht. Dabei liegt die Dosierung mit 15 Gramm dreimal so hoch wie bei dem Protokoll in den USA. Auch bei der Qualität gibt es Unterschiede. In der Schweiz stammt das Mittel aus regulierter pharmazeutischer Herstellung. US-Bundesstaaten greifen dagegen häufig auf sogenannte Compounding-Pharmacies zurück – Apotheken, die den Wirkstoff als Einzelrezeptur herstellen –, weil sich Pharmahersteller weltweit weigern, Pentobarbital für Hinrichtungen zu liefern. Die Qualität dieser Präparate ist unter Experten umstritten, berichtet zum Beispiel der SRF.
mit Material der dpa.
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