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Philosoph Ernst Bloch: Sozialismus braucht Utopie

Дата публикации: 08-10-2026 05:09:00

Der Philosoph Ernst Bloch machte schon in den 1930er Jahren darauf aufmerksam, dass die Linke mehr Fantasie braucht. Was würde er wohl heute sagen? mehr...

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Enno Schöningh

Der Philosoph Ernst Bloch machte schon in den 1930er Jahren darauf aufmerksam, dass die Linke mehr Fantasie braucht. Was würde er wohl heute sagen?

Ernst Bloch, Philosoph Philosoph Ernst Bloch 1935

Foto: picture alliance

D ie Nazis sprächen „betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber von Sachen“. Dieser Satz stammt vom deutschen Philosophen Ernst Bloch, geschrieben in Zeiten der Weimarer Republik. Bloch lebte damals mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden in der „Künstlerkolonie“ im Südwesten Berlins. Laut dem heutigen Künstlerkolonie e. V. waren während der Weltwirtschaftskrise 1929 drei Viertel von ihnen arbeitslos. Man habe gerochen, erinnert sich der Schriftsteller Gustav Regler, „wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Käse und Speck zu finden war“.

Wie viele der anderen Bewohner stand Bloch den Kommunisten nahe. Gerade deshalb ärgerte ihn ihre kalte Sprache. Er warf ihnen vor, Themen wie Hoffnung, Mythen und den Wunsch nach Gemeinschaft den Nazis überlassen. Die Kommunistische Partei Deutschlands etwa sei gut im Rechnen – Profitrate, Kapitalakkumulation –, doch was fehle, sei eine eigene Erzählung. Den Weimarer Linken attestierte Bloch eine „Unterernährung an sozialistischer Phantasie“.

Bloch war überzeugt, dass die Idee, dass andere Verhältnisse möglich sind, von sich aus in den Köpfen der Menschen steckt. Zumindest sofern sie keinen Hunger leiden. Dieser Grundgedanke zieht sich auch durch sein Buch „Das Prinzip Hoffnung“ das er ab 1938 im Exil verfasste. Darin schreibt er über Tagträume, Utopien und Märchen und führt den Begriff „utopische Funktion“ ein: Sie sei der Punkt, an dem sich Sehnsüchte und Träume zu einer konkreten Hoffnung verfeinerten.

Die große Frage der Gegenwart lautet: Nun, da der Faschismus immer stärker wird, setzt er die utopische Funktion für die Linke frei, oder gibt er ihr den Rest?

Tatsächlich könnte der andauernde Siegeszug der Rechten den Wunsch nach einer besseren Welt in eine konkrete linke Hoffnung verwandelt haben. So ließe sich zumindest das Ergebnis der Berlin-Wahl lesen. Die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne, die über Mietverhältnisse unerlässlich nach oben umverteilen, als linkes Hoffnungspaket im Sinne Blochs.

Bloch attestierte der Weimarer Linken eine Unterernährung an sozialistischer Phantasie. Und sah darin eine der Ursachen für den Aufstieg der Nazis

2021 stimmten 58 Prozent der Wählenden pro Vergesellschaftung. Im Volksentscheid steckt die politische Hoffnung von mehr als einer Million Berliner*innen. Nur wurde diese Hoffnung fünf Jahre lang politisch durchgereicht, vielleicht auch mit dem Ziel, sie zu zerstören. Trotzdem gaben die Wählenden diesen September der Partei den Regierungsauftrag, die sich am deutlichsten für die Vergesellschaftung positionierte.

Bloch hielt die Nazis nie für einen Betriebsunfall der Geschichte. Er erkannte, wie es ihnen besser als den Kommunisten gelang, den krisenhaften Kapitalismus für sich zu nutzen. Wie sie es schafften, die Sehnsüchte und Wünsche der Jugend, der Bauern, des Kleinbürgertums und der verarmten Mittelschicht mit ihrer eingängigen, aufpeitschenden Sprache zu mobilisieren.

Was Bloch sich heute wünschen würde? Wahrscheinlich, den faschistischen Visionen der Gegenwart mit etwas noch Verlockenderem zu begegnen: zum Beispiel einer üppigen Diät sozialistischer Fantasie.

Enno Schöningh

Enno Schöningh Redakteur Wissen

Redakteur Wissen bei der wochentaz, davor Redakteur im taz-Klimahub. Schreibt über den Weltraum, Wissenschaft und Klima. Studierte Internationale Beziehungen in Kleve und Buenos Aires und "Anthropocene Studies" in Cambridge. Mit dem Ressort Zukunft als Team des Jahres 2025 vom Medium Magazin (Top 30 bis 30) ausgezeichnet. 2026 erhielt er das Otto-Brenner-Recherchestipendium für machtkritische Recherchen zur Infrastruktur im erdnahen Weltraum. Bild: Kim Görtz

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