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Lula ist noch immer da, doch Brasilien ist längst ein anderes Land

Дата публикации: 02-10-2026 08:22:09

Lula dominiert die Politik Brasiliens seit Jahrzehnten. Jetzt will der 80-Jährige zum vierten Mal Präsident werden, am Sonntag ist der erste Wahlgang. Lula hält sich für unersetzlich – und setzt damit sein politisches Erbe aufs Spiel.

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Lula dominiert die Politik Brasiliens seit Jahrzehnten. Jetzt will der 80-Jährige zum vierten Mal Präsident werden, am Sonntag ist der erste Wahlgang. Lula hält sich für unersetzlich – und setzt damit sein politisches Erbe aufs Spiel.

02.10.2026, 10.22 Uhr

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Luiz Inácio Lula da Silva tritt im Wahlkampf oft im Nordosten Brasiliens auf, wo er die meisten Anhänger hat. Hier in Recife letzte Woche.

Luiz Inácio Lula da Silva tritt im Wahlkampf oft im Nordosten Brasiliens auf, wo er die meisten Anhänger hat. Hier in Recife letzte Woche.

Franck Dubray / Keystone

Der letzte grosse Wahlkampfauftritt sollte ein Karneval sein: Das hatte sich Janja gewünscht. Die 21 Jahre jüngere Ehefrau des brasilianischen Präsidenten hat im Wahlkampf von Luiz Inácio Lula da Silva das letzte Wort.

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Salvador, die Drei-Millionen-Einwohner-Metropole im Nordosten Brasiliens, erschien ihr als die perfekte Bühne für den Auftritt Lulas: Dort hat er bei seinen drei Wahlsiegen seit 2002 noch nie mit weniger als 70 Prozent der Stimmen gewonnen. Die Avenida entlang des blauen Atlantiks ist in ganz Brasilien bekannt für Umzüge im Strassenkarneval. Politiker lieben das Bad in der Menge dort.

Um 15 Uhr 13 soll an diesem sonnigen Dienstag die Kampagne beginnen. Auf den ersten Blick eine merkwürdige Zeitangabe in einer Stadt, in der man unentschuldigt eine Stunde zu spät kommen darf. Doch die 13 gehört seit Lulas erster Präsidentschaftskandidatur 1989 als Wahlnummer zu seiner Partei, der Arbeiterpartei PT.

Claqueure neben eingefleischten Fans

Um 15 Uhr strömen die Menschen in roten T-Shirts auf die Strandpromenade. Viele bezahlte Claqueure sind im Publikum, aber auch öffentliche Angestellte, darunter vor allem Frauen: Lehrerinnen, Gesundheits- oder Sozialarbeiterinnen.

Gekommen sind viele eingefleischte Lula-Fans: vom Alt-Hippie bis zum ambulanten Eisverkäufer aus der Peripherie, die kleine Tochter auf der Schulter und die Ehefrau an der Hand. Für Brasiliens zwischen Arm und Reich gespaltene Gesellschaft ist auffallend, dass nahezu alle Einkommensschichten im Publikum vertreten sind.

Niemand stört es, dass Lula zweieinhalb Stunden verspätet ist. Alle trinken fröhlich Bier, machen Selfies, tanzen dicht an dicht zu den Jingles, die vom Soundtruck aus die Zahl 13 in allen möglichen populären Musikstilen – Rap, Samba, Country-Music – in die Menge dröhnen.

Als schliesslich zwei grosse Helikopter eine Runde über den Parcours drehen, wird die Menge euphorisch. «Gleich werdet ihr sehen, dass der beste Präsident in Brasiliens Geschichte wie ein junger Mann im Karneval springen wird», ruft ein Einpeitscher dem Publikum zu.

Lula redet frei und kommt auf den Punkt

Lula hält eine 40-minütige Rede. Er spricht frei ohne Teleprompter, erstaunlich energiegeladen für sein Alter, und bringt seine politischen Aussagen auf den Punkt. Ab der Hälfte der Rede wird er heiser. Zusammen mit seinem traditionell starken Lispeln ist er dann schwerer zu verstehen. Das ist eine Folge seiner Kehlkopfkrebs-Erkrankung im Jahr 2011. Auf dem Kopf hat Lula einen Strohhut, den er oft trägt, seit er vor zwei Jahren nach einem Sturz wegen einer Gehirnblutung operiert wurde.

Wie im Karneval. Politiker lieben das Bad in der Menge auf Salvadors Strandpromenade.

Wie im Karneval. Politiker lieben das Bad in der Menge auf Salvadors Strandpromenade.

Marx Vasconcelos / Reuters

Doch mit seinem vitalen Auftritt zerstreut der bald 81-Jährige letzte Zweifel daran, dass er nicht mehr fit genug sein könnte für sein Amt. Nach dem Ausfall von Joe Biden in den USA hatte sich seine Kampagne früh darauf eingestellt, Lula als besonders rüstig zu zeigen: Seine Ehefrau filmt ihn ständig im Fitnessstudio, auf dem Laufgerät, beim Gewichtestemmen. Lula sprintet auf Bühnen, hüpft frenetisch zu den Jingles. Die Strategie war erfolgreich: Lulas Gesundheitszustand ist im Wahlkampf kein Thema.

Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob Lula für eine weitere Amtszeit zu alt ist. Sondern, warum er nach fast einem Vierteljahrhundert weiterhin Brasiliens Politik dominiert. Kein Präsident seit dem Ende der Militärdiktatur 1985 hat das Land so stark geprägt. Nun will er eine vierte Amtszeit.

Dass er mit fast 81 Jahren noch immer antreten kann, zeigt sein aussergewöhnliches politisches Talent und seine Energie. Dass er noch immer antreten will, zeigt zugleich eine seiner grössten Schwächen: Lula hat weder in seiner Partei noch darüber hinaus einen Nachfolger hervorgebracht, der sein politisches Erbe weiterführen könnte. Sinnbildlich dafür ist sein Wahlkampfwagen in Salvador: Neben Lula stehen die Kandidaten für das Amt des Gouverneurs und für den Senat. Mehrere von ihnen sind weit über 70 Jahre alt. Ein politischer Erbe Lulas ist nicht darunter.

Bolsonaro ist der Grund, warum Lula noch einmal antritt

Dass Lula trotz seinem Alter noch einmal gute Chancen auf den Wahlsieg hat, verdankt er vor allem seinem Gegner. Flávio Bolsonaro bietet im Wahlkampf vor allem eines an: die Rückkehr des Bolsonarismo. Er will seinen wegen des Putschversuchs verurteilten Vater amnestieren und dessen politisches Projekt fortsetzen.

Damit stehen sich erneut jene zwei politischen Lager gegenüber, die Brasilien seit einer Dekade polarisieren. Lula und Bolsonaro liegen in den Umfragen dicht beieinander. Doch ausserhalb ihrer eingefleischten Anhängerschaft löst keiner der beiden grosse Begeisterung aus. Viele Bürger entscheiden sich weniger aus Überzeugung für einen der Kandidaten – als vielmehr gegen den anderen.

Dennoch: Dass Lula nach fast einem Vierteljahrhundert für viele Brasilianer noch immer eine fast messianische Bedeutung besitzt, hat gute Gründe. Denn er hat Brasilien als Präsident stark verändert. Seit dem Beginn von Lulas erster Amtszeit 2003 ist die Armutsrate deutlich gesunken. Die arme Mehrheit der Gesellschaft hungert heute nicht mehr. Sie hat Strom in ihren Wohnungen, Zugang zu Bildung und kostenloser Gesundheitsversorgung – das ist zu einem erheblichen Teil Lulas Verdienst.

Er ist politisch und wirtschaftlich ein Sozialdemokrat, der einen starken Staat und eine soziale Umverteilung anstrebt. Von der steigenden Kaufkraft der heute 214 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer haben auch die Unternehmen lange profitiert. In der Umweltpolitik hat der einstige Gewerkschafter dazugelernt: Er will zwar weiterhin in der Amazonasmündung nach Öl suchen lassen. Aber die unter Bolsonaro noch verbreiteten Brandrodungen im Regenwald hat er erfolgreich eingedämmt.

Brasilien fällt im Vergleich mit den Nachbarn zurück

Aussenpolitisch folgt Lula der Tradition des Multilateralismus. Unter ihm redet und handelt Brasilien mit allen Welt- und Regionalmächten ohne ideologische Präferenzen. Lula ist es mehrfach gelungen, nach Verhandlungen mit Trump Zugeständnisse bei den Zollerhöhungen zu bekommen.

Zudem ist Lula ein Demokrat: Als er 2010 nicht wiedergewählt werden durfte, trat er trotz seiner damals enormen Popularität zurück, statt wie viele andere die Verfassung zu ändern.

Auch in Rio de Janeiro hat Lula eine grosse Fangemeinde.

Auch in Rio de Janeiro hat Lula eine grosse Fangemeinde.

Silvia Izquierdo / AP

Doch nach 18 Jahren PT-Regierungen – zwölf Jahre mit Lula und sechseinhalb Jahre mit Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff – fällt die Bilanz weniger eindrucksvoll aus, wenn man Brasilien nicht mit dem Brasilien von 2003 vergleicht. Sondern mit seinen Nachbarn von heute.

Brasiliens kaufkraftbereinigtes Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten 23 Jahren nur um knapp 40 Prozent gestiegen. Fünf der sechs grössten Volkswirtschaften Lateinamerikas wuchsen in dieser Zeitspanne stärker als Brasilien. In Peru hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt. Kolumbien lag 2003 in dieser Sparte noch deutlich zurück, hat Brasilien inzwischen aber fast eingeholt. Chile, Argentinien, aber auch Mexiko liegen beim Pro-Kopf-Einkommen heute zum Teil weit vor Brasilien.

Lula hat nie Korruption in den eigenen Reihen zugegeben

Lula hat die sozialen Fortschritte mit einer gewaltigen Staatsverschuldung erkauft. Inzwischen schnüren die hohen Zinsen und die wachsenden Steuern nicht nur den Unternehmen die Luft ab. Auch die Brasilianer sind verschuldet wie noch nie. Ein Drittel ihres Einkommens geht für Ratenzahlungen drauf.

Die andere Schwachstelle von Lulas Politik ist die öffentliche Sicherheit. Der Präsident zeigt immer wieder mehr Verständnis für Kriminelle als für ihre Opfer. Er war nicht in der Lage zu verhindern, dass die organisierte Kriminalität die Justiz, die öffentliche Verwaltung und die Politik auf allen Ebenen unterwandert hat.

Lulas grösster Fehler ist jedoch sein Verhältnis zur Korruption. Unter seinen und Rousseffs Regierungen kam es zu einem gigantischen Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras. Milliarden verschwanden in den Taschen von Bauunternehmen und Politikern. Bis heute bestreitet Lula jede Verantwortung für diesen Skandal. Das macht ihn für viele Brasilianer zutiefst unglaubwürdig. «Lula ladrão» («Lula, der Dieb») ist ein gängiges Schimpfwort der Opposition für ihn.

Lulas schwerstes Handicap liegt allerdings weniger in seiner politischen Bilanz als darin, wie sehr sich Brasilien seit dem Beginn seines politischen Aufstiegs verändert hat. Lula wirkt heute wie der Politiker aus einem vergangenen Jahrhundert, der er tatsächlich ist. Eine Kindheit mit Hunger, ein Leben als Fabrikarbeiter, das Innenleben organisierter Gewerkschaften, die Repression des Militärregimes – all das kennt Lula aus eigener Erfahrung wie kaum ein anderer Politiker. Uber-Fahrer, Influencer, Startup-Unternehmer oder Betreiber kleiner Onlineshops gab es in dieser Welt noch nicht. Mit seinem «liebe Genossinnen und Genossen» erreicht Lula diese Menschen nicht.

Niemand wolle mehr arbeiten, klagt der Baupolier

Wie stark sich Brasilien verändert hat, zeigt eine Begegnung nach dem Wahlkampfauftritt in Salvador. Jarlan, 40 Jahre alt, fährt Uber. In seinem neuen Chevrolet liegt eine grosse, zerlesene Bibel auf dem Armaturenbrett. «Ich mag Lula nicht», sagt er. «Er hält die Menschen mit der Sozialhilfe in der Armutsfalle fest.» Kinder von armen Familien sollten Sozialhilfe nur dann bekommen, wenn sie technische Schulen besuchten, fordert er.

Der 40-jährige Afrobrasilianer hat selbst sechs verschiedene Handwerkskurse belegt und wurde bereits mit 25 Jahren Baupolier. Er zeigt bei der Fahrt immer wieder auf Gebäude, an deren Bau er beteiligt war. Er hat also genau die technischen Schulen besucht, die Lula seit zwanzig Jahren massgeblich in Brasilien ausgebaut hat. Doch seit acht Jahren fährt er Uber. «Ich bekomme keine Maurer, Maler oder Elektriker mehr für meine Teams», klagt er. Niemand wolle mehr arbeiten. Er selbst verdiene mit Uber doppelt so viel wie zuvor als Polier. Er sagt: «Dass ich heute so gut im Leben dastehe, das ist das Werk Gottes – nicht das von Lula.»

Lula wird in Brasilien von seinen Anhängern teilweise messianisch verehrt.

Lula wird in Brasilien von seinen Anhängern teilweise messianisch verehrt.

Marx Vasconcelos / Reuters

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