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Fundamentalisten auf dem Vormarsch: Wie jüdisch soll der jüdische Staat sein?

Дата публикации: 03-10-2026 06:54:01

In Bnei Brak schimpft ein Säkularer über «irre Fanatiker», in Jerusalem wähnt sich ein Rabbiner bereits in einem «Religionskrieg»: In Israel schlittern Weltliche und Ultraorthodoxe immer tiefer in einen Konflikt, der von Ängsten und Untergangsphantasien geprägt ist.

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Fundamentalisten auf dem Vormarsch: Wie jüdisch soll der jüdische Staat sein?

In Bnei Brak schimpft ein Säkularer über «irre Fanatiker», in Jerusalem wähnt sich ein Rabbiner bereits in einem «Religionskrieg»: In Israel schlittern Weltliche und Ultraorthodoxe immer tiefer in einen Konflikt, der von Ängsten und Untergangsphantasien geprägt ist.

03.10.2026, 08.54 Uhr

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Kaffeeausschank unter Polizeischutz: Ultraorthodoxe Juden protestieren vor dem Café Basimta in Jerusalem.

Kaffeeausschank unter Polizeischutz: Ultraorthodoxe Juden protestieren vor dem Café Basimta in Jerusalem.

Debbie Hill / Imago

Heisser Cappuccino und warme Croissants – mehr braucht es in Jerusalem nicht, um einen Kulturkampf loszutreten. Über Wochen hinweg zog dort ein kleines Café ultraorthodoxe Demonstranten an. Die Haredim, wie man sie im Hebräischen nennt, protestierten, randalierten und bedrohten den Betreiber Yoel Ben David. Weil er auch samstags tat, was in Cafés anderswo im Land selbstverständlich wäre: Gäste empfangen.

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Für streng religiöse Juden aber ist der Sabbat ein heiliger Ruhetag. Von Freitagabend bis Samstagabend darf weder gearbeitet noch Geld kassiert werden. In einer Stadt wie Jerusalem, wo die Ultraorthodoxen rund die Hälfte der jüdischen Einwohner stellen, nimmt man solche Regeln ernst. In letzter Zeit konnte das «Basimta» deshalb nur unter Polizeischutz öffnen. Dutzende Beamte standen vor dem Café Wache.

Selbst das hielt die frommen Demonstranten nicht ab. Sie kippten Fäkalien vor die Tür, schlugen gegen die Scheiben, spuckten in Richtung der Angestellten. «Ich habe Angst, dass ein Verrückter meine Familie angreift, mein Haus, die Leute im Café», sagte Ben David im August, als die Proteste ihren Höhepunkt erreichten.

Eröffnet hatte er das «Basimta» erst im Juni, drei Wochen später standen die ersten Demonstranten vor der Tür. Anfangs eine Handvoll, später mehrere hundert. Ben David hielt an den Öffnungszeiten fest. Wären am Sabbat keine Gäste gekommen, hätte er geschlossen. Einschüchtern lassen wollte er sich nicht: «Ich will nicht in einer Welt leben, in der sich jene durchsetzen, die am lautesten schreien.»

Wer also entscheidet, was an einem Samstag in Jerusalem möglich ist? Der Betreiber, seine Gäste, die frommen Nachbarn? Der Streit um das «Basimta» steht für einen Konflikt, der das ganze Land beschäftigt. Im Kern geht es um eine Frage: Wie jüdisch soll und muss der jüdische Staat sein?

Ein Rabbiner erklärt den Religionskrieg

Matityahu Cehin hat darauf eine klare Antwort. Der Rabbiner sitzt in einer Hotellobby nahe der Altstadt, einen Plastikbecher mit kühlem Wasser in der Hand. Wenn Israel wirklich der jüdische Staat sein wolle, müsse dort auch jüdisches Recht gelten. «Wer die Bibel zur Grundlage des Staates macht, muss sie voll und ganz beachten.» Schliesslich könne man auch vor Gericht nicht sagen: «Ihr habt 500 Gesetze, aber ich akzeptiere nur zwanzig.»

Was derzeit in Israel geschehe, sei tatsächlich ein «Religionskrieg», sagt Cehin. Ein einseitiger allerdings. Denn im Grunde haderten die Säkularen nur mit sich selbst, nicht mit ihren orthodoxen Glaubensbrüdern. Wer als Jude die Pflichten gegenüber seinem Schöpfer nicht erfülle, streite ständig mit der eigenen Seele.

«Wir bekämpfen sie nicht», beteuert Cehin. «Aber wenn ich einen säkularen Juden am Sabbat Auto fahren sehe, bin ich verpflichtet, ihm zu sagen, dass das nicht in Ordnung ist.» So stehe es in der Bibel. Und der Schöpfer sei nun einmal der Chef.

Doch anders als es Cehin schildert, bleibt es häufig nicht bei höflichen Erinnerungen. Das zeigt der Protest gegen das «Basimta». Und das zeigen viele andere Vorkommnisse im Land. In Bnei Brak zum Beispiel, einer Stadt ein paar Kilometer nordöstlich von Tel Aviv. Das Neubaugebiet Mitcham HaSofrim wurde erst 2024 fertiggestellt, vermarktet wurde es als Quartier für Ultraorthodoxe.

Sie demonstrieren für Freiheit von der Religion – auch am Sabbat: Immer mehr säkulare Israeli sehen sich durch die Orthodoxen in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Sie demonstrieren für Freiheit von der Religion – auch am Sabbat: Immer mehr säkulare Israeli sehen sich durch die Orthodoxen in ihrer Freiheit eingeschränkt.

Debbie Hill / Imago

Aus rechtlichen Gründen mussten einige der Wohnungen auch Säkularen angeboten werden. Die griffen gerne zu. Eine neue Vierzimmerwohnung kostet hier umgerechnet rund 1700 Franken Miete im Monat. In Tel Aviv reicht das für zwei Zimmer im Altbau, wenn man viel Glück hat.

Schon kurz nach dem Einzug der ersten Familien war das Verhältnis zu den frommen Nachbarn belastet. Die Haredim stiessen sich daran, dass nebenan der Sabbat nicht eingehalten wurde. Zunächst fielen nur giftige Worte. Dann zogen Demonstranten durch das Viertel, beschimpften und bedrohten Anwohner.

Auch Ronit Sabag kam wegen der günstigen Preise ins Viertel. Berührungsängste gegenüber den Frommen hatte sie keine. Sie sei in Ashdod aufgewachsen, Tür an Tür mit Haredim. Probleme habe es nie gegeben, sagt sie. «Sie haben ihr Leben gelebt, wir unseres», im Hausflur habe man sich gegrüsst.

In Bnei Brak sei das anders. Eigentlich gehe es nur um eine kleine Gruppe «irrer Fanatiker», hundert Leute vielleicht, die von ihren Rabbinern aufgehetzt würden. Sie zögen durch die Strassen und belästigten jeden, der nicht nach ihren Regeln leben wolle. Ihr Ziel, sagt Sabag überzeugt, sei es, die Nichtreligiösen aus dem Viertel zu drängen. «Hier herrscht mittlerweile Anarchie.»

Sie parkiere ihr Auto inzwischen lieber ein paar Strassen weiter und gehe das letzte Stück zu Fuss. Zu gross ist die Angst, es zerkratzt oder mit eingeschlagenen Scheiben wiederzufinden. Und freitags schaue sie genau auf die Uhr, wenn sie Termine habe, versuche sie, vor Sabbat-Beginn wieder zu Hause zu sein. Von den Demonstranten auf der Strasse umringt werden will sie nicht. «Dass ich mir mittlerweile solche Gedanken machen muss, ist verrückt.» Bitter sei zudem, dass die Aufwiegler auf die Stadtverwaltung zählen könnten.

Tatsächlich hat sich das Rathaus immer wieder auf die Seite der Frommen geschlagen. An einem Freitagnachmittag im August, kurz vor Beginn des Sabbats, fuhr ein Lastwagen zu einer der Zufahrtsstrassen des Viertels und lud dort mehrere grosse Müllcontainer ab. Kein Auto sollte mehr durchkommen. Säkulare Anwohner riefen die Polizei. Die Beamten kamen, erklärten dann aber, die Sperre lasse sich wegen der «komplexen Lage» nur schwer entfernen.

Nach dem Sabbat stellte sich heraus, dass die ultraorthodoxen Anwohner nicht etwa eigenmächtig gehandelt hatten. Die Container standen dort, weil die Stadtverwaltung es so angeordnet hatte. Die grosse Mehrheit der Bewohner halte den Sabbat und wolle den «Charakter» des Viertels am Sabbat und an Feiertagen bewahren, teilte die Stadt mit.

Zumindest bei einem Teil der Nachbarschaft trifft sie damit auf Verständnis. Zum Beispiel bei Rivka Halpern. Auch sie hat ein neues Zuhause im Viertel gefunden. Steinwürfe und Belästigungen lehnt sie ab. «Aber wer hierherzieht, sollte nicht überrascht sein, dass wir den Sabbat halten.» Jeder im Land wisse, was Bnei Brak sei. «Wer nicht bereit ist, Rücksicht zu nehmen, der ist hier einfach falsch.»

Kampf um die Wehrpflicht

Noch verbissener als um den Sabbat in Bnei Brak oder Jerusalem wird in Israel um die Wehrpflicht gestritten. Wer in einer religiösen Schule, einer Jeschiwa, die Tora studiert, war davon bislang ausgenommen. So hielten es alle Regierungen seit der Staatsgründung. 2024 aber entschied das Oberste Gericht einstimmig, dass die Praxis keine Grundlage habe, und verdonnerte die Regierung zu einer Reform.

Seither protestieren die Frommen im ganzen Land. Im Sommer blockierten sie mehrfach Autobahnen und die Zufahrten zu grossen Städten wie Tel Aviv und Jerusalem. Nicht selten setzen sie dabei auf den Tabubruch. Es sei besser, als Jude im Holocaust zu sterben, als in den «Armeelagern» spirituell zugrunde zu gehen, hiess es auf einem der Plakate.

Tabubruch: Bei Protesten gegen die Wehrpflicht in Bnei Brak wurden von den Ultra-Orthodoxen häufig auch Vergleichen zum Nationalsozialismus gezogen.

Tabubruch: Bei Protesten gegen die Wehrpflicht in Bnei Brak wurden von den Ultra-Orthodoxen häufig auch Vergleichen zum Nationalsozialismus gezogen.

Amir Levy / Getty

Einige tragen den Protest inzwischen vor die Privathäuser jener, die sie für die Einberufungen verantwortlich machen. Anfang Juni zogen Dutzende vor das Haus von Noam Sohlberg, dem Vizepräsidenten des Obersten Gerichts. Sie schlugen Fenster ein und beschädigten sein Auto, während der Richter mit seiner Frau im Haus war.

Doch was treibt diesen Widerstand an, gegen geöffnete Cafés, gegen Autofahrten am Samstag, gegen Einberufungsbescheide? Fragt man den «Basimta»-Chef Ben David, fällt die Antwort kurz aus. Es sei Angst. Alles Fremde erscheine den Ultraorthodoxen als Bedrohung ihrer abgeschirmten Welt, sagt er. Sie seien ununterbrochen damit beschäftigt, es zu verdrängen oder zu bekämpfen.

Zumindest was die Wehrpflicht angeht, widerspricht der Rabbiner Cehin dieser Diagnose nicht. «Wer als Haredi zur Armee geht, kommt religiös geschwächt zurück.» Wer vorher zu hundert Prozent religiös gewesen sei, komme danach vielleicht noch auf zwanzig Prozent, rechnet er vor.

Viele Haredim begreifen die Streitkräfte deshalb nicht bloss als Einrichtung der Landesverteidigung, sondern als Versuch der säkularen Mehrheit, sie ihrer Gemeinschaft zu entreissen. In der Schweizer oder der amerikanischen Armee mische sich niemand in die religiösen Überzeugungen der Rekruten ein, äussert Cehin seine Annahme. «In Israel haben wir hingegen eine politische Armee mit eigener Agenda.»

Tatsächlich sei die Zahl der ultraorthodoxen Rekruten in den vergangenen Jahren gestiegen, teilt die Armee auf Anfrage mit. Einige tausend Haredim dienten inzwischen in eigens für sie geschaffenen Einheiten. Was mit ihnen danach geschieht, hat die Organisation Out for Change untersucht. Unter den Männern aus ultraorthodoxen Elternhäusern, die Militärdienst geleistet hatten, bezeichneten sich 71 Prozent später nicht mehr als haredisch. Die Furcht vor Entwurzelung ist also nicht aus der Luft gegriffen.

Die Säkularen sehen ihre Mehrheit schwinden

Doch Ängste gibt es auch auf der anderen Seite. Wer mit säkularen Israeli in Tel Aviv, Haifa oder im Jerusalemer «Basimta» spricht, hört dieselbe Sorge über eine drohende Entwurzelung. Nur eben umgekehrt. Hinter dem Zorn über geschlossene Cafés steht die grössere Angst, dass die Ultraorthodoxen irgendwann auch an anderen Tagen bestimmen könnten, wie man zu leben hat.

Genährt wird diese Angst auch von Zahlen. Zum Beispiel dieser: 14 Prozent. So gross ist heute der Anteil der Ultraorthodoxen an Israels Bevölkerung. Und er wächst schnell. Während ultraorthodoxe Frauen statistisch mehr als sechs Kinder zur Welt bringen, liegt die Geburtenrate im säkularen Milieu bei knapp zwei. Bis 2050 dürfte nach Berechnungen der Statistikbehörde jeder vierte Israeli haredisch sein.

Dass darin politische Macht steckt, ist auch den Ultraorthodoxen bewusst. «Sie sehen, dass die Haredim eines Tages die grösste Gemeinschaft in Israel sein werden, und das macht ihnen Angst», sagt Cehin über die säkularen Israeli. Bei der Staatsgründung hätten diese noch gedacht, sie hätten es lediglich mit einigen Rabbinern zu tun. «Mit denen wird man schon fertig.» Doch sie hätten sich geirrt.

Der Machtkampf, der sich gerade in Bnei Brak oder in Jerusalem abspielt, ist womöglich ein Vorgeschmack auf die Zukunft des Landes.

Zumindest in diesem Fall haben sich die Haredim durchgesetzt. Im «Basimta» bekommt man samstags inzwischen keinen Cappuccino mehr. Vor zwei Wochen hat Ben David die Bewirtung am Sabbat eingestellt.

Vom Staat verschont: Wer an einer religiösen Schule die Tora studiert, wurde bislang nicht zum Wehrdienst eingezogen.

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Nir Elias / Reuters

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