Mehrere Millionen Muslime leben in Deutschland. Doch wie glaubwürdig vertreten ihre Verbände eigentlich die Werte des Grundgesetzes?
Der 3. Oktober ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern seit 1997 auch der „Tag der offenen Moschee“. Das Datum ist natürlich kein Zufall, sondern mit Bedacht gewählt: Die Muslime in Deutschland wollen damit zeigen, dass sie zu diesem Land gehören.
Rund 1000 Gemeinden öffnen bundesweit ihre Türen, es gibt Führungen, Tee und Gebäck. Das Motto lautet in diesem Jahr „Moscheen als Träger gesellschaftlicher Verfasstheit“. Das klingt nach Verfassungstreue. Nach diesem Sommer fällt es mir allerdings noch schwerer, das zu glauben.
In Deutschland leben bis zu sieben Millionen Muslime: Die allermeisten arbeiten, zahlen Steuern und wollen weder Gottesstaat noch Kalifat. Der Verfassungsschutz zählt dennoch 28.645 Islamisten, das Bundeskriminalamt führt 410 von ihnen als Gefährder. Einer davon war Abdul B.
Das Problem begann aber lange vor dessen Gewalttat am CSD in Berlin. Der Osnabrücker Theologe Bülent Uçar sagt offen, die Mehrheit der Muslime lehne Homosexualität ab. Ohne eine neue Deutung der Tradition wirke der Satz, der Islam habe mit Terror nichts zu tun, nur wie ein Lippenbekenntnis. Laut Religionsmonitor waren 2017 aber 70 Prozent der hier geborenen Muslime für die Ehe für alle. Viele Gläubige scheinen also weiter zu sein als ihre Funktionäre, die sich offenbar weigern, ihr Gedankengut einer Prüfung zu unterziehen, um in der Gegenwart anzukommen.
Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie MehrWohin dies führt, hat dieser Sommer gezeigt. Am 25. Juli fuhr der in Berlin geborene Abdul B. am Rande des CSD im Tiergarten in eine Menschenmenge. Eine Frau starb, rund 30 Menschen wurden teils schwer verletzt. Die muslimischen Verbände verurteilten die Tat, nicht prompt, sondern pflichtschuldig und per Pressemitteilung.
Mehr kam von den großen Verbänden nicht: kein Protestmarsch, keine Menschenkette, kein „Nicht in unserem Namen“. Beim Gedenken eine Woche später waren sie kaum präsent. Wer Minderheiten nur in Pressemitteilungen verteidigt, verteidigt sie nicht. Diese Zurückhaltung hat mein Vertrauen in eine gelungene Integration stärker beschädigt als die Tat selbst.
Ausgerichtet wird der 3. Oktober vom Koordinationsrat der Muslime. Dazu gehört die Ditib, der größte Moscheeverband des Landes. Ihr oberster Dienstherr sitzt in Ankara: die Religionsbehörde Diyanet. 2020 predigte deren damaliger Chef, der Islam „verdammt die Homosexualität“. Die Ditib schwieg. Und der deutsche Staat? Er fördert seit 2025 ihre Imamausbildung. Hamburg und Rheinland-Pfalz haben Verträge mit ihr geschlossen. Man kann also Terror verurteilen und trotzdem die Haltung pflegen, aus der er erwächst.
Der Staat hat zu lange weggesehen. Imame müssen hier ausgebildet werden, auf Deutsch und unabhängig von fremden Regierungen. 2023 wurde vereinbart, die Imame aus der Türkei schrittweise zu ersetzen. Das bleibt Kosmetik, solange Diyanet-Funktionäre im Ditib-Beirat sitzen. Wer Staatsgeld oder Staatsverträge will, muss Bedingungen erfüllen, die man überprüfen kann. Wer sie bricht, verliert beides. Ein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels verlangt das Innenministerium bereits. Dasselbe muss für die Rechte queerer Menschen gelten.
Mehr BekenntnisWer die deutsche Verfassung mittragen will, muss sich trauen, dort zu widersprechen, wo es wehtut: in der Freitagspredigt, in den Familien, in der eigenen Theologie. Die Mehrheitsgesellschaft muss Muslime vor Generalverdacht schützen. Die Verbände aber müssen sich bekennen, laut und sichtbar, nicht nur einmal im Jahr bei Tee und Gebäck. Sonst bleibt ihr Motto, was es heute ist: ein schöner Satz an einer offenen Tür ohne Nachhall. Ernst nehmen kann man das nicht.
Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet ein Ex-Salafist. Der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss galt bis 2014 als einer der bekanntesten salafistischen Prediger des Landes. Heute leitet er die Stiftung Islam in Deutschland. Sie bekennt sich zum Grundgesetz und tritt gegen Antisemitismus und Homophobie ein. Dafür bekam Kamouss Morddrohungen. Dass ein früherer Salafist vormacht, was die etablierten islamischen Verbände nicht schaffen, ist ein Armutszeugnis.
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