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Ein 4000 Jahre altes Sonnenritual im Berghain: Diese Kunst führt zu produktiver Überforderung

Дата публикации: 02-10-2026 13:54:29

Zwei Künstler tauchen ab in einen Höhlentempel im antiken Iran und kommen im Berghain wieder heraus. Dabei lassen sie uralte Sounds erklingen.

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Zwischen diesen dicken Mauern ging es schon immer um Energie und Hitze. Die Halle am Berghain befindet sich im ehemaligen Heizkraftwerk Friedrichshain, in dem zu DDR-Zeiten Kohle in Wärme und Strom umgewandelt wurde. Nur durch eine Eisentür von der Halle getrennt, liegt der legendäre Club Berghain, in dem zu Technobeats die Nächte durchtanzt und die Zeit vergessen wird.

Dieses Ambiente fanden die Künstler Ala Roushan und Charles Stankievech ideal für ihre neue Ausstellung, die sich mit Energiewandel und kosmischer Zeitlosigkeit beschäftigt: Sie transferieren ein Sonnenritual aus dem antiken Iran mithilfe von 3D‑Scans, einem Video-Loop, antiken Sounds und einer verlorenen Sprache in die Gegenwart. Schon unten am Eingang dringt weißer Nebel aus der Tür.

Zähmung der Sonne

Um das alte Kesselhaus mit den dicken Betonpfeilern zu erreichen, steigt man ein paar Treppen hinauf. In der riesigen Halle ist es stockdunkel und fast leer, es riecht nach Räucherkraut, das auf einem Stein langsam verbrennt. Auf einem Curved-Screen, der nahtlos mit dem Raum zu verschmelzen scheint, läuft ein Film, der eine Wanderung durch eine schwarz-weiße Höhlenlandschaft suggeriert.

Ausstellung "A Shroud Woven Of Solar Threads", Halle am Berghain, 3. Oktober bis 18. Oktober 2026 Die Künstler Ala Roushan und Charles Stankievech, Foto: Noshe

Die Künstler Ala Roushan und Charles Stankievech.

© Noshe

Im Zentrum der neuen Ausstellung des Künstlerduos steht der älteste bekannte mithräische Höhlentempel der Welt. Die beiden haben die Höhle im Nordwesten Irans nahe der armenischen Grenze tatsächlich besucht, 3D-Scans erstellt. Alles im Stillen, denn die Machthaber Irans schätzen weder zeitgenössische Kunst noch die Kultstätte aus vorislamischer Zeit.

Das nur als schwarz-weiße Schemen erkennbare Felsenlabyrinth löst sich im Verlauf des Films in einen Strudel aus Partikeln auf, am Ende steigt eine gigantische Korona auf, im Zentrum eine schwarze Sonne. Aus fünf Lautsprechern ertönt ein ritueller Gesang zu Ehren des Sonnengottes Mithra. Früher wurde er von Priesterinnen performt. Man fühlt sich eingesogen in diese Welt, umhüllt von Materie und Licht.

Ausstellung "A Shroud Woven Of Solar Threads", Halle am Berghain, 3. Oktober bis 18. Oktober 2026 "A Shroud Woven Of Solar Threads", Halle am Berghain, Foto: Noshe

Archäologische und technologische Spuren: Darstellung der Gottheit Mithra in Form von Glas- und Steinreliefs.

© Noshe

In dieser Installation stecken historisches Wissen über Glaubenssysteme und Riten, aktuelle Wissenschaft und neueste Technik. Der Weg von der antiken Sonnenverehrung bis zum solaren Geoengineering der Gegenwart ist für die Künstler nicht weit. Für sie sind die antiken und die zeitgenössischen Atmosphären verbunden.

Ritual für die Götter

In der Antike wird Mithra angerufen, um Schutz vor der Sonne zu erbitten, die Dürren hervorrufen konnte; in der Gegenwart versucht der Mensch, die Wirkung der Sonne mithilfe von Klimamodellen und Geoengineering zu kontrollieren, indem Partikel in die Atmosphäre eingebracht werden, die einen Teil des Sonnenlichts reflektieren sollen. Beide Male geht es darum, sich den Kräften der Natur nicht einfach auszuliefern, sondern sie zu kontrollieren; einst unter Anrufung einer Gottheit, jetzt unter Einsatz der Technologie, die selbst die Rolle einer Gottheit einzunehmen scheint.

Es ist eine spannende Gedankenmatrix, die die beiden Künstler entwickeln. Die physische Komponente reicht von der Atmosphäre bis hinab in die Tempelhöhle, die zeitliche überdauert alles. Man muss die Einzelheiten ihrer akribischen Recherche, die Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Sprachwissenschaftlern, den Einsatz eines eigens entwickelten Language-Modells, das eine seit über 4.000 Jahren verlorene Sprache rekonstruiert, nicht zwingend kennen – aber es steigert die Faszination für die künstlerische Alchemie, die Roushan und Stankievech hier betreiben.

Die Arbeit berührt uns als fühlende, intellektuelle und körperliche Wesen, als Clubgänger, Medienkonsumenten und ums Klima besorgte Bürger. Sie führt zu produktiver Überforderung. Die Wahrnehmung schärft sich auf ähnlich magische Weise, wie sie es etwa unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen tun könnte. Man begreift, ohne zu verstehen. Kaum ist man aus der Tür, weiß man allerdings schon nicht mehr, was man da eigentlich begriffen haben will.

Der kanadische Künstler Charles Stankievech hat sich schon öfter mit zeitüberdauernden Phänomenen, tiefenökologischen Zusammenhängen sowie mit Höhlen oder Kratern beschäftigt. Er ist außerordentlicher Professor an der University of Toronto.

Ala Roushan forscht an derselben Universität, arbeitet außerdem an Forschungsprojekten wie „Shaping Atmospheres“, das die komplexen Beziehungen zwischen Luft und Architektur und deren Auswirkungen auf unsere planetare Umwelt untersucht. Es ist faszinierend, wie die beiden Künstler das Wissen unterschiedlicher Disziplinen und Jahrtausende zu einem sinnlichen Bewusstseinsstrom verbinden. Der wiederum verweist auf unser extraktives Verhältnis zur Natur. Das passt gut in unsere zukunftslose Gegenwart.

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Классификация: Культура. Схожих патентов: 0. Схожих новостей: 10. Тональность: 0. Информативность: 10.97. Источник: www.tagesspiegel.de.