Während Russells Mercedes-Teamkollege Kimi Antonelli in Baku eine Schlappe einzieht, fährt auch Max Verstappen wieder einmal aufs Formel-1-Podest. Wird das WM-Rennen doch noch spannend?
Während Russells Mercedes-Teamkollege Kimi Antonelli in Baku eine Schlappe einzieht, fährt auch Max Verstappen wieder einmal aufs Formel-1-Podest. Wird das WM-Rennen doch noch spannend?
Elmar Brümmer, Baku
27.09.2026, 13.23 Uhr
4 Leseminuten

Jakub Porzycki / Reuters
Die Formel 1 ist nicht nur in die entscheidenden, sondern auch in die härtesten Wochen der Saison gestartet: neun Rennen innerhalb von elf Wochen, jeweils drei direkt hintereinander. Schon der Grosse Preis von Aserbaidschan hat gezeigt, dass es dabei auf die nötige Resilienz der Piloten ankommt. Auf dem Podium von Baku standen drei Fahrer, die dort in letzter Zeit kaum jemand gemeinsam erwartet hätte.
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Der Mercedes-Pilot George Russell hat nach sechs sieglosen Rennen endlich wieder gewonnen. Max Verstappen fuhr vom achten Startplatz auf den zweiten Rang, in einem der knappsten Zieleinläufe der Geschichte musste er sich nur um 0,196 Sekunden geschlagen geben. Sein Red-Bull-Teamkollege Isack Hadjar meldete sich nach sechswöchiger Verletzungspause zurück. Der Stadt-Grand-Prix in Baku war ein Rennen der Rückkehrer.
Ist das nur eine Momentaufnahme in einem Titelrennen, das schon als entschieden galt – oder eine Trendwende? Der WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli wurde nach einem verpatzten Qualifying vom 16. Startplatz aus Fünfter, der Italiener führt insgesamt aber immer noch mit komfortablen 66 Punkten Vorsprung auf Russell.
Doch das interne Kräftemessen spitzt sich zu. Zwischen Jäger und Gejagtem kommt es schon am kommenden Sonntag in Malaysia zur nächsten mentalen Auseinandersetzung. «Crunch time» nennen das die Briten. Russell mit seiner Erfahrung aus acht Rennjahren, einige davon an der Seite des Champions Lewis Hamilton, weiss, dass es dabei nicht nur auf den Schub des Autos ankommt, sondern auch auf das innere Momentum.
Russell: Stolz auf die WiderstandsfähigkeitFür George Russell waren die Tage in Baku mehr als das dominanteste Rennwochenende seiner Karriere, es war ein Befreiungsschlag. Der 28-Jährige bedankte sich direkt nach seinem achten Sieg in acht Jahren Formel 1 für den Beistand seiner Ingenieure in schwierigen Zeiten. «Ich bin sehr stolz auf die Widerstandsfähigkeit, die ich und mein enges Team in den schwierigen Phasen dieses Jahres bewiesen haben.»
Der Brite gehört zu jenen Piloten, die sich nach dem einschneidenden Reglementswechsel zu dieser Saison besonders schwertun, ihren eigenen Fahrstil der neuen Fahrzeuggeneration anzugleichen. Nach seinem Grand Slam am Kaspischen Meer aus Pole-Position, schnellster Rennrunde und Start-Ziel-Sieg bekannte Russell, durch harte Arbeit zur nötigen Anpassungsfähigkeit gefunden zu haben: «Ich fühle mich wieder mehr wie ich selbst in diesem Auto. Und ich habe das Gefühl, dass ich aus der Krise heraus bin.»
Dreimal in den vier Rennen nach der Sommerpause stand der 28-Jährige in der ersten Reihe, dreimal schaffte er es aufs Podium. Das ist ein klarer Aufwärtstrend. Verbunden mit einer klaren Ansage an den erstmals in diesem Jahr gestrauchelten Antonelli: «Jetzt geht es ans Eingemachte.» Geschickt verschiebt er damit den eigenen Druck auf den Teamkollegen.
Das um einige Grad härter gewordene interne Duell wird schon beim nächsten WM-Lauf am Sonntag in Malaysia fortgesetzt, wenn die Silberpfeile eine technische Rundumerneuerung erfahren. Russell wird dabei auf seine zurückgewonnene Souveränität setzen können, Antonelli hält mit seiner noch jugendlichen Leichtigkeit dagegen, die auch der Rückschlag von Baku kaum erschüttert hat. Eine Auseinandersetzung zwischen Mut und Demut. Ausschlaggebend wird sein, wer der beiden die nötige Aggressivität am besten kontrollieren kann.
Verstappen wird zum Antreiber des ganzen RennstallsUnfreiwillig routiniert, was den Kampf mit und gegen das eigene Auto angeht, ist Max Verstappen. Der Niederländer läuft Gefahr, zum ersten Mal seit dem Jahr 2015 ohne einen Saisonsieg zu bleiben. Obwohl er als WM-Sechster kaum noch aktiv in das Titelrennen eingreifen kann, treibt er seinen Red-Bull-Rennwagen trotz dessen technischen Schwächen kompromisslos nach vorn.
Er wisse, dass die Mängel am Auto in diesem Jahr kaum zu beheben sein würden, sagte er. Aber er spürt auch, dass er bereits jetzt wieder um Podiumsplätze mitfahren kann. Das ist zumindest eine persönliche Genugtuung, nachdem er an den weit höher eingeschätzten Gegnern von McLaren und Ferrari mehr oder weniger mühelos vorbeikommen konnte.
Verstappen wird ähnlich wie Russell zum Antreiber des ganzen Rennstalls. In der Lauerstellung und der Rolle des Angreifers fühlt er sich am wohlsten, im Vorjahr hatte er nach einem aussichtslosen Rückstand zur Saisonmitte am Ende den WM-Titel nur knapp verpasst. In dieser Form ist er noch nicht wieder, aber so nah an einem Sieg und an Mercedes war er in diesem Jahr eben auch noch nicht. Der Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies empfindet den Kampfgeist als richtungsweisend: «Wir kennen Max. Er ist am besten darin, jede sich ungeahnt bietende Gelegenheit auszunutzen.»
Hadjar: Motivationsschub und VertragsverlängerungDas Podium des persönlichen Ehrgeizes wurde durch Isack Hadjar komplettiert. Die sechs Wochen Zwangspause nach einer Handverletzung machte er im Nu vergessen. Der 21-Jährige entpuppt sich von der Leistung her als der stärkste Teamkollege, den Max Verstappen bislang hatte. Das wurde unmittelbar vor dem Grossen Preis von Aserbaidschan mit einer Vertragsverlängerung belohnt.
Für den ungeheuer selbstkritischen Franzosen ein zusätzlicher Motivationsschub. Er erzählt, dass er es kaum ausgehalten habe, so lange zugucken zu müssen, aber er habe sein Selbstvertrauen über das Rennwochenende Stück für Stück wieder aufbauen können – ohne es zu übertreiben. Er sagte bilanzierend: «Das war meine erste Podiumsplatzierung in der Formel 1, die ich aufgrund meiner reinen Leistungsfähigkeit erringen konnte.» Die Schnelligkeit, zurück zu sich selbst zu finden, muss nun Kimi Antonelli beweisen. Vorbilder genug hatte er in Baku.
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