Marlen Reusser und Noemi Rüegg wollen am Samstag um Medaillen mitfahren. Die Helferinnen stehen für den «polycycliden» Ansatz von Swiss Cycling. Ginia Caluori startete kürzlich an den Mountainbike-WM, Jasmin Liechti tut dies bald an den Bahn-WM.
Marlen Reusser und Noemi Rüegg wollen am Samstag um Medaillen mitfahren. Die Helferinnen stehen für den «polycycliden» Ansatz von Swiss Cycling. Ginia Caluori startete kürzlich an den Mountainbike-WM, Jasmin Liechti tut dies bald an den Bahn-WM.
25.09.2026, 05.30 Uhr
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Dario Belingheri / Getty
Rang vier belegt das Schweizer Strassen-Nationalteam der Frauen in der derzeitigen Weltrangliste, gleich hinter den grossen Radsportnationen Niederlande, Italien und Spanien. Die Breite von lizenzierten Radfahrerinnen mag nicht so ausgeprägt sein wie in den anderen Ländern – doch an der Spitze vermögen die Schweizerinnen seit ein paar Jahren zu überzeugen.
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Das war auch 2026 so und gilt nicht nur für Marlen Reusser, die Nummer 1 der Schweizerinnen. Da war Elise Chabbeys Sieg an der Classique Strade Bianche, bevor sie die Saison wegen ihrer ersten Schwangerschaft abbrach. Da war Noemi Rüeggs Sieg an der Tour Down Under und bei der ersten Vuelta-Etappe, oder Petra Stiasnys Triumph auf der Vuelta-Königsetappe zum Angliru, bevor sie schwer stürzte.
Nun steht am Samstag das WM-Strassenrennen in Montreal an. Während Marlen Reusser und Noemi Rüegg um die ersten Schweizer Medaillen seit Nicole Brändli (Silber 2002) fahren, kommt ihren Teamkolleginnen eine Schlüsselrolle zu. Das Interessante an diesem Schweizer Supportteam: Kaum eine der Fahrerinnen hat eine klassische Strassen-Karriere durchlaufen, es gibt nach wie vor viele Späteinsteigerinnen. Dass sie teilweise in mehreren Disziplinen brillieren, ist kein Zufall, sondern Strategie des Verbands.
Im ersten Jahr bei den Bikerinnen entdecktJasmin Liechti war Orientierungsläuferin und begann während der Covid-Pandemie als Jugendliche mit dem Radsport, gleichzeitig mit Bahn- und Strassenrennen. Nur zwei Wochen nach den Strassen-WM in Kanada fährt sie in Schanghai die Bahn-WM. Steffi Häberlin stieg über das Mountainbike in den Radsport ein, wurde dann vor ein paar Jahren für das Schweizer Nationalteam für die Tour de Romandie und die Tour de Suisse aufgeboten und entdeckte dort ihre Begeisterung und ihr Potenzial für die Strasse.


Claudio Thoma / Keystone
Auch Ginia Caluori begann mit dem Biken; die Bündnerin fuhr früher alpine Skirennen auf FIS-Niveau, nahm später aus Spass mit Freunden an ihrem ersten Bike-Rennen teil. Noch im selben Jahr wurde sie von Swiss Cycling angesprochen. Sie fuhr dieses Jahr bis zur Tour de Suisse Strassenrennen, konzentrierte sich danach aufs Mountainbike, nahm an EM und WM teil. Nun jagt sie mit dem Strassenteam Medaillen.
Swiss Cycling setzte früh auf eine Ausbildung in mehreren Disziplinen, der Verband nennt dies seine «polycyclide Philosophie». Der Gedanke dahinter ist einerseits, dass man keine Talente übersieht – die Disziplin, in der Kinder oder Jugendliche über das soziale Umfeld zum Radsport finden, ist nicht immer jene, in der eine Athletin das grösste Potenzial hat. Die Möglichkeit zum Wechsel soll offenbleiben.
Andererseits erwirbt der Nachwuchs durch das vielseitige Training eine breite Palette von sportmotorischen Fertigkeiten: auf dem Mountainbike die Gewandtheit, auf der Strasse taktisches Geschick und die Fähigkeit, sich effizient im Feld zu bewegen, auf der Bahn die Sprintfähigkeit.
Der Strassen-Nationaltrainer Edi Telser kam 2014 zu Swiss Cycling, wo er mit einem Projekt für die Juniorinnen startete. Unter anderem war dort Sina Frei dabei, die Mountainbike-Weltmeisterin. Er ist nach wie vor überzeugt vom Ansatz. Ein Beispiel: «Im Mountainbike sind die Rennen heute viel schneller. Wenn man sieht, wie Sina Frei Rennen fährt, hat sie sehr viel profitiert vom Strassentraining, etwa wie sie sich taktisch bewegen kann. Für reine Bikerinnen ist das schwierig.»
Der Knackpunkt bei mehreren Disziplinen ist die Planung. Es besteht die Gefahr, sich insgesamt zu viele Wettkämpfe zuzumuten. Jasmin Liechti hat dieses Jahr auf den Bahn-Weltcup verzichtet, um sich auf die Strasse zu fokussieren. «Es ist eine Gratwanderung: Wie viel mag es leiden, damit ich topfit am Start stehen kann?», sagt die 23-Jährige. «Aber bisher konnte ich es gut balancieren.»


Claudio Thoma / Keystone
Für Spitzenleistungen auf der Bahn ist es nicht unbedingt notwendig, jede Woche im Rund zu trainieren. Sie verbringt im Schnitt einmal pro Monat ein paar Tage im Velodrom, dazu absolviert sie vor Grossanlässen ein paar spezifische Trainings für die kurzen, hochintensiven Belastungen. Liechti setzte in letzter Zeit vor allem auf die Einzel- oder Teamverfolgung, die viele Parallelen zum Zeitfahren auf der Strasse aufweisen; die Sicherheit in den Massenstartdisziplinen fehlt ihr ein wenig, wenn sie wenige Bahnrennen fährt. Im Zeitfahren hat Liechti vor zwei Jahren in Zürich WM-Silber bei den U 23 gewonnen.
Das doppelgleisige Fahren würde Liechti nächste Saison gerne beibehalten, auch wenn der Fokus noch stärker auf der Strasse liegen wird. Sie hat den Sprung in die World Tour geschafft, für zwei Jahre bei Canyon/Sram unterschrieben. Ihre sieben Siege auf der Strasse in diesem Jahr geben ihr Selbstvertrauen. Sie spürt, dass sich die Teilchen zusammensetzen, das taktische Verständnis, das Sich-Bewegen im Feld. Das Lernen erleichtert haben ihr die beiden Jahre im Nexetis-Team von Swiss Cycling, «wo ich alles aufsaugen konnte, ohne den Druck von Resultaten zu haben».
Das Fördergefäss fällt 2027 wegDas Team wurde als Begleitprojekt der Rad-WM 2024 in Zürich aufgebaut, um den Radsport der Frauen zu fördern; für sie gibt es in der heiklen Phase im Übergang zu den Profis immer noch weniger Strukturen als für ihre männlichen Kollegen. Ein grosser Vorteil des Teams war, dass die Verantwortlichen die Saisonplanung kontrollieren konnten. Verträge bei zwei unterschiedlichen Teams können zu Konflikten führen.
Das Team Nexetis wird es nächstes Jahr nicht mehr geben; die Bundesgelder für die WM-Begleitmassnahmen laufen aus, neue Sponsoren konnte der Verband nicht gewinnen. Eine zweite Fahrerin aus dem Team hat für 2027 aber den Sprung in die World Tour geschafft: Ginia Caluori fährt nächstes Jahr bei Movistar, dem Team von Marlen Reusser.
2023 gewann sie WM-Silber bei den U 23 im Cross-Country, fuhr dann mit dem Schweizer Nationalteam und Nexetis die ersten Strassenrennen. Wie Liechti musste sie die Balance finden zwischen den beiden Disziplinen, mit ihren Batterien haushalten und auf das eine oder andere Rennen verzichten. Sie hofft, dass auch nächstes Jahr noch ein Block Mountainbike Platz hat. «Und falls nicht, ist es auch okay. Hauptsache, es macht Spass.» Die Helferrolle für Marlen Reusser, die kann sie am Samstag schon einmal üben.