Der Deutsche bezwingt Ben Shelton im US-Open-Final und erringt seinen zweiten Major-Titel. Unverhofft und spät wandelt Zverev doch noch auf Boris Beckers Spuren.
Der Deutsche bezwingt Ben Shelton im US-Open-Final und erringt seinen zweiten Major-Titel. Unverhofft und spät wandelt Zverev doch noch auf Boris Beckers Spuren.
14.09.2026, 13.00 Uhr
5 Leseminuten

Frank Franklin II / AP
Vor exakt sechs Jahren, auf den Tag genau, stand Alexander Zverev an einem Wendepunkt. Er hätte daran zerbrechen oder stärker zurückkommen können, sagte der deutsche Tennisspieler später. Zverev war damals 23 Jahre alt, hatte in Flushing Meadows gerade seinen ersten Major-Final erreicht.
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Die Tribünen im Arthur-Ashe-Stadion waren wegen der Covid-Pandemie leer; die Eltern, sonst immer an seiner Seite, fehlten. Die Nervosität lähmte Zverev. Gegen Dominic Thiem verspielte er eine 2:0-Satzführung, lag im fünften Satz mit Break vorne – und verlor doch im Tie-Break.
Zverev musste sich zuerst selbst befreienNun kehrte Zverev zurück an den Ort des «heartbreak», wie er es nannte. Und spielte mit einer solchen Ruhe und Konzentration, dass er gar nicht merkte, dass er schon Champion war. Erst als er das Publikum jubeln sah und seine Box ihn vor Freude anschrie, schaute der 29-Jährige irritiert zur Anzeigetafel. Dann realisierte er es, grinste und riss die Arme hoch. Er hatte geglaubt, es stehe 5:1 für ihn, doch Sheltons Schlag ins Aus hatte die Partie beendet.
6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 bezwang Zverev den Jungstar vor heimischer Kulisse. Zverev gewann damit das US Open, seinen zweiten Major-Titel, und merkte es erst nicht. «Das ist die Szene des Jahres für mich im Sport», sagte Boris Becker bei Sporteurope.tv.
Zverev wandelt gewissermassen doch noch auf Beckers Spuren, wie es sich eine ganze Nation stets gewünscht hat. Zumindest, was Titel anbelangt. Er ist der erste Deutsche seit Becker 1989, der in New York im Einzelturnier triumphiert. Zuvor hatte er in Roland-Garros als erster deutscher Mann seit 1996 einen Major-Titel gewonnen.
Paris war für Zverev einer Befreiung gleichgekommen. Auch dort realisierte er seinen Erfolg erst, als er seinen Vater jubeln sah – und liess sich danach in den Sand fallen. Das zermürbende Etikett des besten Tennisspielers ohne Major-Titel haftete ihm endlich nicht mehr an. Er sagte selbst, dass ihm der Major-Titel nie mehr genommen werden könne, dass ihm das Freiheit gebe.

Kirsty Wigglesworth / AP
Ab 2019 glich die Karriere des aufstrebenden Tennisstars einem Auf und Ab aus sportlichen Erfolgen und Tiefs. Immer wieder scheiterte er knapp an seinem grössten Ziel: 2020 in New York, 2024 in Roland-Garros an Carlos Alcaraz, 2025 am Australian Open an Jannik Sinner. Doch dazwischen gelangen ihm auch grosse Erfolge: Olympiagold, ein zweiter Sieg an den ATP-Finals. Aber dann: wieder eine Zäsur. Eine schwere Knöchelverletzung.
In dieser Zeit sah sich Zverev überdies mit Vorwürfen häuslicher Gewalt konfrontiert, die er stets bestritt. Eine unabhängige ATP-Untersuchung fand im ersten Fall nicht genügend Belege, die die Vorwürfe erhärtet hätten; Sanktionen gab es keine. Das Strafverfahren im zweiten Fall wurde 2024 ohne Urteil und ohne Schuldfeststellung gegen eine Geldauflage eingestellt. Während die jüngeren Tennisspieler wie Alcaraz und Sinner an ihm vorbeizogen, sprach Zverev vor einem Jahr in Wimbledon offen über Einsamkeit und psychische Belastungen.
Doch all das schien am Sonntag im Arthur-Ashe-Stadion weit weg. Zverev verwandelte das Fragezeichen, ob es sein Jahr werden würde, in ein Ausrufezeichen. Er erreichte drei von vier Major-Finals, gewann deren zwei. Weil er in diesem Jahr plötzlich mutiger spielte: näher an der Grundlinie, aggressiver mit der Vorhand, häufiger am Netz. Zverev variierte öfter, sein chronisch anfälliger zweiter Aufschlag wurde zur Stärke.
Ist er mehr als «the best of the rest»?Im US-Open-Final zeigte sich auch, dass Zverev dem 23-jährigen Ben Shelton einiges an Erfahrung voraushat. Er nutzte die Nervosität des Amerikaners, dem Doppelfehler unterliefen, dominierte den ersten Satz mit seinem Aufschlag und behielt im Tie-Break des zweiten die Oberhand. Shelton kämpfte, nahm Zverev im dritten Satz erstmals den Aufschlag ab. Doch der ruhte weiterhin in sich, machte die Hoffnungen des Publikums auf den ersten amerikanischen Titelträger seit 23 Jahren zunichte.

Kirsty Wigglesworth / AP
Zverev lobte das Publikum, das nach über dreieinhalb Stunden auch ihn mit riesigem Applaus bedachte. Vor allem aber lobte er sein Team: «Dreissig Jahre lang haben wir keinen Grand-Slam-Titel gewonnen. Und jetzt haben wir innerhalb von drei Monaten zwei gewonnen», sagte er in seiner Siegerrede nach dem Final.
Besonders dankte der Deutsche auch seiner Mutter. Sie habe ihn immer ermutigt, an seine Träume zu glauben, und sei die «wichtigste Person in meinem Leben». Seit seiner Kindheit leidet Zverev an Diabetes. Seine Mutter habe ihn vor Ärzten verteidigt, die gesagt hätten, dass sein Leben eingeschränkt sein werde und Sport nur bedingt möglich sei.
Harte Arbeit, Schmerz und das Überwinden von Leid machten sein Tennis aus, sagte Zverev. Und genau diese Tugenden stünden auch am Ursprung seines erfolgreichen Jahres. «Ich denke nicht, dass ich der Talentierteste bin. Ich habe kein gottgegebenes Talent wie andere», sagte er. Also verbrachte Zverev auch während des Turniers in New York viele Stunden auf dem Court, um zu trainieren.
Dabei wird er wohl auch ein wenig an Sinner und Alcaraz gedacht haben. Denn: Ob Zverev die Lücke zu den Dominatoren tatsächlich schliessen kann, konnte er bisher noch nicht beweisen. In Paris fehlte der verletzte Alcaraz, Sinner schied wegen der Hitze angeschlagen früh aus. In New York fehlte Sinner wegen einer Knieverletzung, Alcaraz unterlag nach fast fünfmonatiger Turnierpause Zverevs späterem Finalgegner Ben Shelton im Viertelfinal.
Zverev ist sich dessen bewusst. Als er nach dem Match an der Medienkonferenz gefragt wurde, ob er momentan der beste Tennisspieler der Welt sei, musste er überlegen. Lange überlegen. «Ich weiss nicht, wie ich das beantworten soll», sagte er dann. Im Moment lautete seine Antwort: «Ja.» Doch: «Wenn alle gesund sind, denke ich, dass Jannik immer noch vorn liegt. So einfach ist das.»
Doch Zverev wird das als Ansporn auffassen. Er ist Sinner auch in der Weltrangliste auf den Fersen – die Nummer eins war Zverev noch nie. Seine verbissene Jagd nach Major-Titeln scheint gesünderem Ehrgeiz gewichen zu sein. Im nächsten Jahr kann er beweisen, dass er mehr ist als «the best of the rest».

Adam Hunger / AP