Die Tessiner Skifahrerin beendet ihre grosse Karriere. Der Schweizer Skisport verliert damit nicht nur eine aussergewöhnliche Sportlerin, sondern auch eine Persönlichkeit, die stets aus der Masse herausstach.
Die Tessiner Skifahrerin beendet ihre grosse Karriere. Der Schweizer Skisport verliert damit nicht nur eine aussergewöhnliche Sportlerin, sondern auch eine Persönlichkeit, die stets aus der Masse herausstach.
05.08.2026, 19.56 Uhr
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Marco Trovati / AP
«Woran erkennt man, dass etwas zu Ende ist? Und wie lässt sich tiefe Emotion in Worte fassen?»
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So beginnt der Brief, den Lara Gut-Behrami am Mittwochabend über das Tessiner Fernsehen RSI veröffentlichen liess. In ihm teilt sie die Entscheidung mit, ihre Karriere als Skirennfahrerin zu beenden. Sie blickt darin zurück auf 19 Saisons im Weltcup, die 395 Weltcup-Rennen umfassten, 101 Podeste, 48 Siege, 9 WM- und 3 Olympiamedaillen.
All diese Zahlen zählt die 35-Jährige aber nicht auf, sie blickt auf Menschen zurück, die mit ihr den Weg gegangen sind, auf Momente, die ihr viel bedeuteten. Und auf das, wonach sie immer gestrebt hatte und was sie manchmal neu suchen musste während all der Jahre: die Freiheit auf den Ski, das Glücksgefühl, wenn es nichts anderes gibt ausser sie und die Piste.
Selbstbestimmt und gesund gehenIm vergangenen November riss sich Gut-Behrami das Kreuzband. Den Winter 2025/26 hatte sie davor als ihren letzten angekündigt, doch in jenem Moment wollte die Tessinerin nicht zulassen, dass die Verletzung ihr die Entscheidung über den Rücktritt abnimmt. Selbstbestimmt und vor allem gesund zu gehen, war ihr immer wichtig. Sie ging die Rehabilitation wie eine Profisportlerin an, stieg auch wieder ins Skitraining ein – und spürte dann, dass der Zeitpunkt da ist, um loszulassen.

Pontus Lundahl / Keystone
Woran erkennt man, dass etwas zu Ende ist? Gut-Behrami schreibt: «Vielleicht erkennt man es daran, wenn die Ziele und das ständige Streben nach Verbesserung Platz machen für Glück, innere Zufriedenheit und die Fähigkeit, den zurückgelegten Weg wertzuschätzen.»
Mit Lara Gut-Behrami verliert das Schweizer Skiteam eine der erfolgreichsten Fahrerinnen seiner Geschichte. Eine derart lange Karriere auf hohem Niveau ist fast beispiellos im Skisport; mit 16 Jahren stand sie zum ersten Mal auf einem Weltcup-Podium, mit 32 Jahren gewann sie zum zweiten und letzten Mal den Gesamt-Weltcup, der die konstanteste Fahrerin der Saison auszeichnet.
Das Umfeld als StärkeDas wurde nur möglich, weil Gut-Behrami und ihr engstes Umfeld schon früh Wert auf die langfristige Gesundheit der Athletin legten. Als sie sich noch als Teenager ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen 2010 die Hüfte auskugelte und eine konservative Behandlung die Teilnahme in Vancouver allenfalls möglich gemacht hätte, riet ihr die Familie davon ab. Sie nahm sich Zeit – und nahm später immerhin an drei Olympischen Spielen teil, wobei sie es 2022 in Peking endlich zur Goldmedaille schaffte, im Super-G.
Auch als 2017 zum ersten Mal ein Kreuzband riss, war das ein einschneidender Moment in der Karriere. Sie sah die Verletzung als Notbremse ihres Körpers. Gut-Behrami zog sich komplett zurück, lernte ihre Bedürfnisse als Mensch neben der Rennfahrerin erstmals richtig kennen, nachdem sich von klein auf alles um den Erfolg gedreht hatte. Gut-Behrami kam zur Ruhe, pflegte Freundschaften und baute sich ein Privatleben auf, in das sie sich während des Rests der Karriere immer wieder zurückzog, um aufzutanken. Zu diesem gehört auch ihr Mann, der frühere Schweizer Fussballnationalspieler Valon Behrami.

Christian Bruna / EPA
Die Gesundheit spielt nun auch beim Rücktritt der 35-Jährigen eine grosse Rolle. Sie sei dankbar, dass sie keine wiederkehrenden Schmerzen habe, mag ihre Grenzen nicht mehr um jeden Preis erreichen oder überschreiten. «Skifahren ist für mich etwas Magisches und Natürliches; meinen Körper und meinen Kopf dazu zwingen zu wollen, Schmerzen zu ertragen und zu bewältigen, wäre, als würde ich das Bild in mir trüben, das ich von dem habe, was ich mit so viel Leidenschaft getan habe.»
Lara Gut-Behrami verlässt die Bühne aber nicht nur als aussergewöhnliche Sportlerin. Mit ihr geht auch eine Persönlichkeit, die wegen ihres eigenwilligen Wegs aus der Masse hervorstach und mit ihren Auftritten oft aneckte, auch auf Unverständnis stiess. Die Karriere war früh ein Familienprojekt; Gut-Behrami wuchs nicht in den Swiss-Ski-Strukturen heran, sondern trainierte hauptsächlich mit ihrem Vater Paul, der flugs einen eigenen Skiklub gründete, um seine Ideen umsetzen zu können. Als Gut-Behrami 2007 an der Junioren-WM startete, besass sie nicht einmal ein Renndress von Swiss Ski.
Als fröhliche, strahlende Jugendliche rutschte sie im Februar 2008 ins Rampenlicht, aus dem Nichts und als fast alleinige Ski-Hoffnung im Frauenteam. Von der Aufmerksamkeit, die über sie hereinbrach, und dem Stempel des «Ski-Schätzchens» wurden sie und ihr kleines Familienteam völlig überrumpelt. Sie reflektierte später oft, wie sie sich missverstanden und alleingelassen fühlte; dass sie in jenem Alter das Familienprojekt bereits finanzierte, trug zu noch mehr Druck bei.
19 Jahre lang geliefertGut-Behrami hatte damals aber schon klare Vorstellungen davon, was sie brauchte, um erfolgreich Ski zu fahren. Das war nicht immer das, was sich Swiss Ski vorstellte. Dem Verband gelang es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gut, mit dem Team Gut eine harmonische oder zufriedenstellende Beziehung zu führen; Gut-Behrami kämpfte für ihren Weg und Sonderregelungen und lieferte in den 19 Jahren fast permanent.
«Spitzensport ist kein Märchen, genauso wenig wie das Leben», schreibt sie im Brief. Und doch: Diese fast zwei Jahrzehnte, in denen die Schweiz mit Gut-Behrami mitgelebt hat, boten mehr Stoff als manches Märchen da draussen.

Pablo Gianinazzi / Keystone
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