Uschi Hirsch lebt seit fünf Jahren in ihrem Tiny House in Lippach. Warum sie den Schritt nie bereut hat – und wie sie sich ihren Alltag gestaltet.
Stand: 28.09.2026, 11:38 Uhr

Uschi Hirsch lebt seit fünf Jahren in ihrem Tiny House in Lippach. Warum sie den Schritt nie bereut hat – und wie sie sich ihren Alltag gestaltet.
Westhausen-Lippach. "Und das hier sind meine frei laufenden Erdbeeren", sagt Uschi Hirsch, lacht und zeigt auf eine Gruppe von Pflanzen auf dem Boden unter der Maulbeere in ihrem Garten. "Die haben sich selbstständig gemacht, als ich wegen der Knie-OP nicht so viel machen konnte", sagt die 77-Jährige. Seit fünf Jahren wohnt Uschi Hirsch in ihrem Tiny House in Lippach und hat sich dort ein kleines Gartenparadies geschaffen. Wer sie dort erlebt, versteht schnell, dass Lebenslust nicht viel Platz braucht – zumindest nicht auf die Quadratmeter gesehen. Das Knie ist längst verheilt und so kann Uschi Hirsch agil zwischen Felsenbirne, Josta, Aronia, Mispel, Eberesche, Rosen, Blutpflaume und Grünspargel, den sie dieses Jahr schon geerntet hat, hin- und herlaufen. Hinter ihrem 45-Quadratmeter-Häuschen beginnt das Feld, dahinter die Weite. Dass sie nun hier lebt, hat sie bisher "keine Sekunde" bereut, wie sie sagt. Die Nähe zur Natur gehört zu ihrem Lebenselixier. "Heute bin ich viel näher dran als früher", sagt sie.
Improvisation ist TrumpfDafür hat sie einen durchaus herausfordernden Weg auf sich genommen. Sie hat ihr Haus ausgeräumt und sich auch von lieb gewonnenen Erinnerungsstücken und Möbeln getrennt, damit sie es verkaufen konnte. Fünf Jahre nach ihrem Umzug aus dem großen Haus ist sie sich sicher: „Ich würde das auf jeden Fall wieder machen.“ Die Größe reiche ihr völlig, sagt sie. Wenn Besuch kommt, werden eben Tische umgestellt. Zum Geburtstag hätten auch schon 14 bis 16 Leute Platz gefunden. Dann werde geschoben, gerückt und improvisiert – so wie sie das beispielsweise auch beim Fliegengitter für die Terrassentür gemacht hat, das sie sich mangels passender Größe im Handel eben einfach selbst zusammengenäht hat.

Beweglich bleiben – sowohl körperlich als auch geistig – für Uschi Hirsch gehört dazu auch der Dienst für die Gemeinschaft: "Ich habe ein Helfersyndrom", erzählt sie. Ganz praktisch zeigt sich das auch in ihrem Alltag. Sie besucht Seniorinnen und Senioren an Geburtstagen und ist aktuell auch als Ehrenamtliche auf der Landesgartenschau in Ellwangen aktiv. Noch bevor die Gäste kommen, fährt sie an manchen Tagen mit dem Bollerwagen über das Gelände, sammelt Müll und besorgt einer 90-Jährigen, die dort nicht gut vorankommt, schon mal spontan einen der Rollstühle, die es dort zum Leihen gibt. "Das macht mir Freude, weil ich das Gefühl habe, etwas zu tun, das wichtig ist", sagt sie.

Lebenslust bedeutet für die 77-Jährige aber auch, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Eine Veeh-Harfe hat sie, zwei Gitarren hängen an einer Wand im Tiny House, eine gehörte sogar noch ihrer Großmutter. Neu hinzugekommen ist eine Ukulele. "Das gefällt mir so gut, und weil ich Gitarre spiele, ist das auch nicht so schwer", sagt sie. Unterricht hat sie trotzdem ein wenig genommen und jetzt überlegt sie sich, sich einer Ukulele-Gruppe anzuschließen. „Lebenslust, das ist für mich auch Musik“, sagt sie und gibt spontan auch mal eine kurze Einlage auf der Cajon, die gleich neben der Terrassentür steht und wirkt dabei fast wie ein junges Mädchen.

Dabei ist sie mit ihren 77 Jahren die Älteste in der Tiny-House-Nachbarschaft mit den vier Häusern, sagt sie. Vor gut einem Jahr hatte sie eine Knie-OP, inzwischen fährt sie wieder Fahrrad, schwimmt mit Freundinnen im See. Ihr Haus hat sie allerdings so geplant, dass sie sich dort später mit dem Rollator oder Rollstuhl bewegen kann. "Das ist kein Problem, dann räume ich eben den Gang leer", sagt sie und zeigt auf ein Bücherregal und eine Vitrine, die dort steht.
Lesen Sie dazu auch: Mit 77 Jahren ins Tiny House in Treppach.
Kalter Guss aus dem GartenschlauchLebenslust mit 65 plus: Messe in Aalen
Wie lässt es sich im besten Alter schöner leben? Was alles aktiv und genussvoll im Ostalbkreis geht, zeigt die neue Lebenslust-Messe von Schwäbischer Post und Gmünder Tagespost am 17. Und 18. Oktober. Die SDZ-Mediengruppe lädt ein und öffnet dafür jeweils von 10 bis 17 Uhr die Türen der ehemaligen Druckhalle in der Bahnhofstraße 65 in Aalen. Anbieter rund um Bewegung, Reisen, Wohnen, Wellness, Vorsorge und mehr präsentieren sich. Der Eintritt ist frei. Parkmöglichkeiten bestehen in der Nähe. Mehr Infos und Programm: www.schwaebische-post.de/lebenslust.
Ganz ohne Fehl und Tadel allerdings ist auch für sie das Leben in Lippach nicht. Es gibt keinen Bäcker, keinen Dorfladen, keinen Kartoffelmann, der vorbeikommt. Ein einziger Bus fahre, für Arzttermine in Ellwangen und Einkäufe brauche man ein Auto oder müsse den Rufbus organisieren. Damit sei man aber nicht so flexibel. Einen Dorfladen fände Hirsch schön.
Doch die Nachteile wiegen für sie nicht schwerer als das, was sie gewonnen hat. Die Nachbarschaft hilft, wenn es darauf ankommt – wie etwa nach ihren Knieoperationen. Familie kommt, Freundinnen kommen, sechs Enkel und vier Urenkel gehören zu ihrem Leben, auch wenn es voll wird. Und manchmal genügt ihr auch ein Guss mit kaltem Wasser aus dem Gartenschlauch hinter dem Haus, ein Blick ins Grün, ein Lied auf der Ukulele oder die Erinnerung an ein Konzert von Helge Schneider, bei dem es gewesen sei "wie Woodstock", so Uschi Hirsch, die es sich da auf der Wiese auf einer Decke bequem gemacht hatte. Denn Platz findet sie ja überall. Fast so wie ihre frei laufenden Erdbeeren.
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