Das zum Jahresende 2026 endende Forschungsprojekt von Associate Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK) Prof. Dr. Yaron Matras hat mehr als ein Jahr lang die öffentliche und private Sprachpraxis der vielgestaltigen Delmenhorster Sprachenlandschaft untersucht. Am 25. September 2026 präsentiert das Vorhaben seine Ergebnisse mit einer öffentlichen Veranstaltung und Filmvorführung im HWK.
Das zum Jahresende 2026 endende Forschungsprojekt von Associate Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK) Prof. Dr. Yaron Matras hat mehr als ein Jahr lang die öffentliche und private Sprachpraxis der vielgestaltigen Delmenhorster Sprachenlandschaft untersucht. Am 25. September 2026 präsentiert das Vorhaben seine Ergebnisse mit einer öffentlichen Veranstaltung und Filmvorführung im HWK.
Mobilität, digitale Kommunikationsmittel und großräumige Vernetzung führen dazu, dass Städte immer größere kulturelle und sprachliche Vielfalt aufweisen. Die Fragen, die sich dadurch für städtische Räume ergeben sind bereits seit Jahren Forschungsgegenstand, allerdings bisher nur in Metropolen. Durch das Stipendium des HWK für das Forschungsprojekt "Mehrsprachigkeit in Delmenhorst", das von Februar 2025 bis Dezember 2026 durchgeführt wird, ist Delmenhorst nun erstmals modellhaft Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung.
Das Forscherteam besteht aus Projektleiter Prof. Dr. Yaron Matras (Universität Hamburg), Prof. Dr. Jan P. Zeller, Dr. Maxim Makartsev, Forschungsassistentin Zuzanna Paradowska (Universität Oldenburg) sowie Studentinnen und Studenten der Universität Oldenburg. Beteiligt als Gesprächstpartner waren außerdem Lehrerinnen sowie Schülerinnen und Schüller der IGS Delmenhorst und des Max-Planck-Gymnasiums, das Amt für Integration der Stadt Delmenhorst und städtische Akteure.
Wesentliche Erkenntnisse
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Frage, wie eine mittelgroße Stadt mit ihrer sprachlichen Vielfalt umgeht. Insbesondere ging es dabei darum, welche städtischen Akteure auf sprachliche Anliegen eingehen und wie sie vernetzt sind, wie Sprache auf der Tagesordnung von Ämtern und Hilfsorganisationen steht und wie Einwohnerinnen und Einwohner ihre Mehrsprachigkeit pflegen. Diese Fragen lassen sich in Delmenhorst gut untersuchen, denn durch ihre Geschichte als Anwerbestandort für Industrie, Vertrieb, Logistik und andere Dienstleistungen zieht die Stadt seit mehr als hundert Jahren Zuwanderer an. Auch Flüchtlinge haben hier eine neue Heimat gefunden. Der Anteil von Einwohnern, die innerfamiliär andere Sprachen als oder zusätzlich zu Deutsch sprechen, wird auf über 50% geschätzt.
Statistiken über Sprachen werden durch öffentliche Institutionen nicht geführt. Die Forscher führten mehrere Dutzend Interviews mit Einwohnern und Vertretern von Institutionen durch. Hinzu kamen Beobachtungen in Institutionen und Vereinen, auf Märkten und in Geschäften. Die Befragungen konzentrierten sich auf die individuellen Sprachbiographien und die institutionelle Praxis im Umgang mit Mehrsprachigkeit. Das Team erstellte auch ein Datenarchiv von Dokumenten, Fotos, Social-Media-Auszügen und ethnographischen Feldnotizen sowie statistische Datensätze. Dabei ging es unter anderem um Maßnahmen zur Unterstützung regionaler Minderheitensprachen wie z.B. Romanes, Kurdisch, Aramäisch oder arabische Dialekte aus der Türkei, deren Sprecher schon vor der Zuwanderung mehrsprachig gewesen sind, sowie Fälle "importierter" Mehrsprachigkeit wie z.B. moldawisches Rumänisch und Ukrainisch.
Zwei Erkenntnisse bilden den Kern der Forschungsarbeit: Von amtlicher Seite sind in Reaktion auf die Zuwanderungswellen 2015-16 und ab 2022 kurzfristig zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden. Dabei ging es vorrangig um den Einsatz von Sprachmittlern, um die Kommunikation zwischen Neuzugewanderten und Ämtern zu erleichtern. Teilweise wurden daraus dauerhafte Strukturen, die heute von Vereinen getragen werden und auf den Sprachkenntnissen von bereits lange ansässigen Personen aufbauen. Das zeigt, dass städtische Sprachenvielfalt vonseiten der Ämter nicht mehr als Übergangsphänomen, sondern als dauerhaftes Element der Stadtgesellschaft verstanden wird.
Demgegenüber ermittelten die Forscher Gesellschaftsbereiche, in denen Herkunftssprachen alltäglich verwendet werden und so die soziale und gewerbliche Integration unterstützen ("mehrsprachige Wohlfühlbereiche"). Dazu gehören beispielsweise ein mehrsprachig agierender Einzelhandel, soziale Medien, Kulturveranstaltungen, Werbung und Medienkonsum sowie Initiativen, Herkunftssprachen an jüngere Generationen weiterzuvermitteln. So berücksichtigt der Einzelhandel die Sprachenvielfalt seiner Kundschaft oft durch mehrsprachiges Personal und Firmen publizieren Anweisungen mehrsprachig. Im Gesundheitswesen fehlt eine systematische Berücksichtigung, jedoch werden Praxen von Patienten häufig entsprechend der anzunehmenden Sprachkenntnisse ihrer Mitarbeiter aufgesucht.
"Herkunftssprachen sind mehr als nur kulturelles Erbe. Sie spielen eine aktive Rolle bei der sozialen und kommerziellen Vernetzung vor Ort. So stehen der Erwerb der deutschen Sprache und der Erhalt der Familiensprache nicht im Gegensatz zu einander, sondern sie bauen aus einander auf", fasst Yaron Matras die Erkenntnisse zusammen.
Schülerinnen und Schüler als Wissenschaftler
Parallel zur Forschungsarbeit bot die Universität Oldenburg vier Semester lang eine thematische Lehrveranstaltung an, die Studentinnen und Studenten aller Fächer offenstand. Auf schulischer Ebene haben das Max-Planck-Gymnasium und die Integrierte Gesamtschule (IGS) Delmenhorst anderthalb Jahre lang ein entsprechendes Seminarfach angeboten sowie Projekttage und Diskussionsrunden veranstaltet. An der IGS wurde unter Anleitung des Projektteams außerdem eine Umfrage unter ca. 540 Schülern und Schülerinnen über Sprachkenntnisse und Sprachgebrauch durchgeführt.
Die Umfrage bezog Angaben über drei Generationen ein und ergab dadurch einen repräsentativen Einblick sowohl über die Präsenz einzelner Sprachen, als auch über die Praxis der Mehrsprachigkeit und die Sprachübertragung innerhalb von Familien. Es ist die erste derartige Umfrage, die von Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Jugendlichen durchgeführt wurde.
Die befragten Jugendlichen sprechen im Durchschnitt 3-4 Sprachen: neben Deutsch und Englisch meist eine oder zwei Herkunftssprachen und zuweilen eine weitere Fremdsprache wie Französisch oder Spanisch. Über 45% der Befragten gaben eine andere Sprache als Deutsch als Herkunftssprache an, von denen zu Hause am häufigsten Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch, Kurdisch, Rumänisch, Aramäisch, Albanisch, Ukrainisch and Bulgarisch genannt wurden. Herkunftssprachen werden am häufigsten mit der Mutter gebraucht, in zweiter Linie mit dem Vater, weniger häufig mit Geschwistern und Freunden.
Englisch bleibt unter den Befragten dennoch besonders verbreitet: Über 80% von ihnen gaben an, Englisch zu können. Viele von ihnen gebrauchen es im Alltag mit Freundinnen und Freunden und im Rahmen ihrer Mediennutzung. Der Medienkonsum in den Herkunftssprachen findet insbesondere in Polnisch, Russisch, Rumänisch, Arabisch and Türkisch statt. Das weist darauf hin, dass Medienkonsum eine wichtige Rolle beim Erhalt von Herkunftssprachen spielt.
Das Forschungsprojekt wurde vom Verein der Freunde und Förderer des Hanse-Wissenschaftskollegs mitfinanziert.
Dokumentarfilm
In Zusammenarbeit mit Radio Weser TV hat das Projektteam den Dokumentarfilm "Viele Stimmen, Eine Stadt" produziert, der einen menschlichen Blick auf die sprachliche Vielfalt der Stadt und den institutionellen Umgang mit ihr eröffnet. Seine Vorführung im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen an Schulen, in der Stadtbücherei, an der Volkshochschule Delmenhorst und in anderen Einrichtungen ist geplant.
Der Dokumentarfilm wurde vom Verein der Fellows und Gäste des Hanse-Wissenschaftskollegs e.V. finanziell unterstützt.
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Sprache / Literatur
überregional
Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
Deutsch
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