Vor dem Bezirksgericht Weinfelden haben Betroffene und Angehörige mit einer Mahnwache auf sexuelle Gewalt an Kindern aufmerksam gemacht. Sie fordern mehr Gehör für betroffene Kinder.
Für die Mahnwache montierten die Teilnehmerinnen Plakate und deponierten Plüschtiere.Bild: Sara Niederer
Die Nachmittagssonne scheint auf den Betonplatz vor dem Bezirksgericht Weinfelden. Eine Gruppe Frauen hat sich dort für eine Mahnwache versammelt. Einige hängen Plakate auf, andere verteilen Teddybären oder schreiben Botschaften mit Kreide auf den Asphalt.
Einige Passanten kommen vorbei und bleiben stehen, um die Botschaften zu lesen. «Eigentlich schon krass», sagt eine junge Frau zu ihrem Begleiter. Für die Frauen, die sich an diesem Freitagnachmittag vor dem Bezirksgericht versammelt haben, steht hinter diesen Botschaften ihre eigene Geschichte.
Betroffene machen aufmerksamOrganisiert wird die Mahnwache von einer losen Gruppe Betroffener aus verschiedenen Kantonen. Gemeinsam wollen sie auf sexuelle Gewalt an Kindern und den Umgang der Justiz mit solchen Fällen aufmerksam machen.
Mahnwache vor dem Bezirksgericht Weinfelden gegen sexuelle Gewalt an Kindern, IG Schützt-unsere-Kinder hat die Mahnwache organisiert.Sara Niederer
Kennengelernt haben sie sich in einer Selbsthilfegruppe für Eltern, deren Kinder mutmasslich Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Aus diesen Kontakten ist inzwischen die Interessengemeinschaft «Schützt unsere Kinder» entstanden.
Die Ortswahl fiel auch deshalb auf Weinfelden, weil der Ort für mehrere Teilnehmerinnen sinnbildlich für ihre Erfahrungen mit Behörden und Gerichten steht. Mit der Mahnwache wollen sie auf das aufmerksam machen, was sie als Mängel im Umgang mit Verdachtsfällen von sexueller Gewalt an Kindern wahrnehmen. Nach ihrer Auffassung würden betroffene Eltern und Kinder in solchen Verfahren häufig nicht ausreichend gehört.
Hinter jedem Plakat steckt eine eigene Geschichte«Kinder werden den Tätern ausgeliefert. Es ist absurd», sagt eine junge Mutter, die wie alle anderen Teilnehmerinnen zum Schutz ihres Kindes anonym bleibt. Trotzdem möchte sie weiterkämpfen.
Und auch Angehörige wollen mit ihrer Teilnahme Solidarität zeigen. «Du kannst vielleicht nicht helfen, aber du kannst für sie da sein», sagt die Begleiterin einer Teilnehmerin.
Mahnwache vor dem Bezirksgericht Weinfelden gegen sexuelle Gewalt an Kindern, IG Schützt-unsere-Kinder hat die Mahnwache organisiert.Sara Niederer
Hinter jedem Plakat, jedem Kreidezitat, steht eine eigene Geschichte. Eine Frau erzählt, ihre Tochter sei mutmasslich von einem deutlich älteren Mann vergewaltigt worden. Eine andere sagt, die Behörden hätten die Aussagen ihres Sohnes nicht ernst genommen. So unterschiedlich ihre Geschichten sind – ihr Anliegen verbindet sie.
Gruppe fordert mehr Gehör für KinderTrotz der persönlichen Schicksale richtet sich die Mahnwache nicht gegen einzelne Richterinnen, Richter oder Behörden. Die Teilnehmerinnen wollen auf Fälle aufmerksam machen – auch innerhalb der Selbsthilfegruppe –, in denen Verfahren eingestellt wurden oder es nie zu einer Anklage kam, weil die Beweislage aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden nicht für ein Strafverfahren ausreichte. «Es geht darum, die Gesellschaft wie auch Fachpersonen zu sensibilisieren», sagt eine Teilnehmerin.
Mit Kreide schrieb die Gruppe Botschaften auf den Asphalt.Bild: Sara Niederer
Die Teilnehmerinnen wünschen sich sorgfältigere Abklärungen bei Verdachtsfällen, besser geschulte Fachpersonen und schweizweit einheitliche Standards bei Opferhilfe und Behörden. Aus ihrer Sicht scheitern viele Verfahren an der schwierigen Beweislage, zudem würden Kinder häufig nach den gleichen Massstäben wie Erwachsene beurteilt. «Wir müssen mehr auf die Kinder hören», sagt eine junge Mutter.
«Alleine dafür hat es sich gelohnt»Langsam färbt sich der Himmel dunkelorange. Die Gruppe steht noch immer auf dem Platz, als zwei junge Frauen auf die Gruppe zutreten. «Ich finde es super, was ihr hier macht. Das ist ganz wichtig», sagt eine von ihnen.
Die Teilnehmerinnen lächeln. «Allein für diese eine Reaktion», sagt die junge Mutter aus der Ostschweiz, «hat es sich gelohnt, heute hier zu stehen.»
Die IG plant, weitere Mahnwachen zu veranstalten. Mehr Infos dazu gibt es unter www.schuetzt-unsere-kinder.ch.
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