Die vier jungen Männer trainieren seit Jahren. Sechsmal pro Woche. Bald gibt es nur noch gefriergetrocknete Nahrung und Schlafen im Schichttakt. Im Dezember rudert die Gruppe nämlich 4800 Kilometer über den Atlantik. Chapeau. Wirklich.

Illustration: Tom Werner
Die vier jungen Männer trainieren seit Jahren. Sechsmal pro Woche. Bald gibt es nur noch gefriergetrocknete Nahrung und Schlafen im Schichttakt. Im Dezember rudert die Gruppe nämlich 4800 Kilometer über den Atlantik. Chapeau. Wirklich.
Während man weiter durch die Thurgauer Zeitung blättert, fällt einem jedoch eine weitere Geschichte ins Auge: die von André Hitter, der mit 83 Jahren immer noch Haare schneidet. Seit 1972. Man möchte die beiden Leistungen ja nicht gegeneinander ausspielen. Doch fragt sich: Wer von den beiden hat denn nun eigentlich die grössere Ausdauer?
Denn über den Atlantik rudert man in ungefähr 35 Tagen. Beim Coiffeur sitzt man zwar nur zwanzig Minuten. Dafür hört sich Hitter wahrscheinlich nun schon 54 Jahre lang an, dass sein Kunde «heute wirklich nur die Spitzen geschnitten haben möchte». Oder dass früher alles besser war.
Alle zwei Stunden zu schlafen, ist mit ungehöriger Disziplin verbunden. Jeden Montag in den geschlossenen Salon zu gehen, um zu putzen, auch. Und die Ruderer wechseln sich immer ab. André Hitter wurde seit fünf Jahrzehnten nicht abgelöst.
Die vier jungen Männer leben während ihrer Reise auf engstem Raum miteinander. Sicher lernt man sich da gut kennen. Auf der anderen Seite kennt Hitter die Familiengeschichten von drei Generationen. Bei den Ruderern müssen die Strömungen und Windstösse einberechnet werden, Hitter muss hingegen bei jedem Kunden einschätzen, was welcher Haarwirbel beim Endergebnis auslöst. Die Atlantikruderer nehmen täglich 6000 Kalorien zu sich. Ein Weinfelder Coiffeur lebt hauptsächlich von Kaffee, Gipfeli und dem Tratsch seiner Stammkunden.
Vielleicht haben die vier Sportler einfach die falsche Vorbereitung gewählt. Statt drei Jahre auf dem Mittelmeer zu trainieren, hätten sie sich lieber jeden Samstag bei Hitter in den Salon setzen sollen. Nach acht Stunden Gesprächen über Wetter, Krankenkassenprämien und die mühsamen Kinder würde ihnen der Atlantik vermutlich wie ein Wellnessurlaub vorkommen.
Man wünscht dem Quartett jedenfalls eine gute Überfahrt. In Antigua dürfen sie sich wie echte Ausdauersportler fühlen – bis sie zurück in Weinfelden angekommen sind. Und feststellen, dass André Hitter immer noch am selben Stuhl steht und fragt: «Auf der Seite so wie beim letzten Mal?»