Vor zehn Jahren begannen die Dreharbeiten zu "Babylon Berlin". Eine der erfolgreichsten deutschen Serien, weltweit ausgezeichnet. Liv Lisa Fries spielt von Beginn an eine der Hauptrollen: Charlotte Ritter. Figur und Serie seien ein großes Geschenk gewesen, sagt sie.
Interview Liv Lisa Fries über "Babylon Berlin" "Diese zehn Jahre waren ein großes Geschenk"
"Babylon Berlin" ist eine der erfolgreichsten deutschen TV-Serien der vergangenen Jahre. Ab sofort ist die fünfte und letzte Staffel zu sehen. [ardmediathek.de] Die erste Folge erzählt davon, wie Kriminalkommissar Gereon Rath und Ermittlerin Charlotte Ritter die Machtübernahme durch Adolf Hitler erleben. Liv Lisa Fries ist für die Rolle der Charlotte bereits mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet worden.
rbb: Frau Fries, die fünfte Staffel von "Babylon Berlin" beginnt düster - mit der Machtübernahmen durch Adolf Hitler. Haben Sie in dieser letzten Staffel nochmal neue Seiten an Charlotte Ritter kennengelernt? Die Figur ist Ihnen ja mittlerweile gut vertraut.
Liv Lisa Fries: Ja, wie Sie schon anmoderiert haben, wird es natürlich alles in dieser Zeit sehr viel rougher und somit auch für sie ernster. Dadurch werden andere Töne angeschlagen. Es ist nicht mehr der Tanz auf dem Vulkan. Die Figur ist zwar in prekären Verhältnissen groß geworden und es war nie so, dass sie nur dem Hedonismus gefrönt hat. Ihre Umstände sind strenger geworden.
Aber ich finde auch, von den Charaktereigenschaften, die wir von Charlotte Ritter kennen, enttäuscht sie uns nicht. Sie hat weiterhin Rückgrat. Trifft Entscheidungen, die auch schwer sind. Macht das aber so, wie wir sie kennen: wirklich integer und aufrichtig. Das ist, was mich immer wieder so begeistert hat. Es gibt jedoch nicht mehr so viele private Momente. Im Koppeneck mit Jackie oder mit Gräf gibt es einen Tanz. Aber das sind eher sehr kleine Momente geworden, weil einfach die politische Situation sich so zuspitzt. Aber wenn sie da sind, ist das total schön und herzerwärmend. Das wird weniger.
Schauspielerin Liv Lisa Fries wurde 1990 in Berlin-Pankow geboren. Ihr erste Hauptrolle hatte sie 2006 als Jugendliche in der ARD-Serie "Schimanski" neben Götz George. Zwei jahre später folgte ihr erster Kinofilm: In der Neuverfilmung des 1981 erschienen Romans "The Wave" von US-Autor Morton Rhue. Seither hat Fries in Dutzenden Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, wurde mit dem Deutschen Schauspielpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. 2021 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Berlin.
Ohne jetzt zu viel vorwegzunehmen: Die Machtergreifung von Hitler kriegen die natürlich in der Mordkommission zu spüren. Es wäre eine Lüge zu sagen, ach ja, das ist alles noch so flockig und leicht wie am Anfang. Das erklärt sich in der Serie – und gleichzeitig kann es einem trotzdem auffallen und irgendwie fehlen.
rbb: Die Charlotte Ritter ist im Laufe dieser fünf Staffeln älter geworden. Die erste spielte im Jahr 1929, die neue 1933. Passt sich die Rolle da an? Bedenken Sie das beim Spielen mit?
Sie ist allerdings weniger gealtert als ich. Es sind jetzt zehn Jahre für mich, wir haben 2016 angefangen. Das denke ich eher, sagen wir mal, immanent mit. Das fühle ich, wenn ich es lese. Zum Beispiel, wie sich die Beziehung zwischen Rath und Charlotte verändert. Und es ist für mich ganz klar spürbar in ihrer Arbeit als Kriminalassistentin. Oder Kriminalkommissarin… ist sie jetzt eigentlich Kriminalkommissarin? [lacht verlegen]
rbb: Das wissen Sie am besten.
Das müsste ich am besten wissen, ja. In diesem Punkt hat sie jedenfalls eine andere Souveränität entwickelt. Da kriege ich auf jeden Fall mit, dass sie älter wird. Sonst kriege ich es bei mir selber mit, dass ein paar graue Haare dazugekommen sind. Die hatte ich am Anfang nicht. Überhaupt: Wenn ich mich sehe in den Anfängen, alte Fotos anschaue oder so, dann ist das irgendwie verrückt.
Das erzählt die Serie natürlich auch über Mode. Das finde ich ganz spannend. In der Mode der Zwanzigerjahre waren die Schnitte noch ein bisschen weiter und eher gerade. Jetzt in den Dreißigerjahren wird es ein bisschen taillierter. Die Hosen gehen ein bisschen höher. Es wird sozusagen auch ein bisschen erwachsener. Und das unterstreicht die Entwicklung der Rolle.
rbb: Sie haben vor Kurzem die Hauptrolle in dem Film "In Liebe, Eure Hilde" gespielt. Eine Geschichte, die ebenfalls von der Nazizeit handelt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie für Ihre Arbeit immer wieder in diese Zeit eintauchen? Vergleichen Sie das mit der Gegenwart?
Wenn es eine rein historische Arbeit ist, die einen bestimmten Zeitraum betrifft, dann denke ich nicht zwangsweise über die Gegenwart nach. Dann versuche ich, mich mit dieser Vergangenheit so zu beschäftigen, dass ich das porträtiere. Aber ich muss leider sagen, dass es mittlerweile eigentlich fast nicht mehr geht, diese Parallelen nicht zu ziehen. Das ist aber eher etwas, was dann im Nachhinein passiert. Während ich mich wirklich der Arbeit widme, ist das weniger ein Thema.
Verändert das Ihren Blick vielleicht auf diese Zeit?
Es wird, wenn überhaupt, nur noch dramatischer. Gerade die Nazizeit wurde bei mir in der Schule viel behandelt. Gefühlt auch mehr als alles andere. Ich fand das immer schrecklich und beklemmend, was wir für eine deutsche Geschichte haben. Auf jeden Fall sind das leider irgendwie immer noch wichtige Themen. Für mich ist es immer wieder unvorstellbar, dass uns diese Geschichte nichts, wie soll ich sagen: lehrt? Oder das ich das irgendwie nicht begreifen kann.
Aber zum Beispiel so ein Film wie "In Liebe, Eure Hilde" ist etwas, wo ich denke: Okay, vielleicht verändert das auch nochmal was. Diese Filme sind sozusagen auch wichtig, weil sie ein Bewusstsein schaffen und bestimmte Dinge aufzeigen, die vielleicht in dem Ausmaß nicht klar war. Das geht mir ja selber auch so.
Mich dann damit zu beschäftigen: Was heißt denn das eigentlich konkret? Was bedeutet das für Menschen? Das ist immer das, was mich in der Arbeit mit am meisten interessiert. Und auch irgendwie meine Arbeit ist. Weil ich keine Politikerin bin oder so, versuche ich über emotionale Themen Dinge nachzuvollziehen. Ich kenn das ja selbst, wenn ich Filme sehe, dass ich manchmal nochmal anders Themen fühle. Andere Dinge versteht man über den Verstand und das kann dann vielleicht eher so in der Gefühlswelt landen.
Das ist jetzt die die letzte Staffel von "Babylon Berlin". Wie ist das für Sie beim Dreh gewesen? Sie haben zehn Jahre lang an dieser Serie gearbeitet. Sind Sie auch traurig über dieses Ende?
Ja, traurig auf der einen Seite. Ich bin das eigentlich gar nicht gewöhnt. Normalerweise mache ich eine Rolle nach der nächsten und habe immer eine neue Inspiration, neue Kolleg:Innen. Manchmal sind natürlich auch gleiche Leute in einem Team, auch unter Schauspielenden sind manchmal Menschen, mit denen man schon gespielt hat. Aber an sich mache ich eigentlich immer was Neues.
Das ist total außergewöhnlich, dass wir das so lange machen und dass ich so lange an einer Figur mit drei Regisseuren gearbeitet habe. Die Kommunikation ist sehr unkompliziert und wir haben uns auch gegenseitig begleitet in unseren Entwicklungen. In zehn Jahren haben wir uns alle persönlich als auch in der Arbeit weiterentwickelt. Das ist manchmal total toll, das wirklich mitzubekommen. Diese zehn Jahre waren ein großes Geschenk.
Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) verarztet in der 5. Staffel von "Babylon Berlin" Gereon Rath (Volker Bruch) nach einem brutalen Kampf. (Quelle: ARD/Achim von Borries)
War es für Sie schwierig, in andere Rollen zu schlüpfen, wenn Sie immer wieder zu Charlotte Ritter zurückgehen?
Gar nicht eigentlich. Ich habe ja viele andere Rollen zwischendurch gespielt. Und dann wieder Charlotte. Nee, ich finde sie auch nicht schwer. Ich habe, glaube ich, einfach eine Nähe zu ihr und mag sie sehr gerne. Das war nicht so schwierig. Das sind dann eher so Feinjustierungen, kleine Stellschrauben die verändert werden. Das hat mir eigentlich immer sehr viel Spaß gemacht.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die fünfte und finale Staffel der Serie "Babylon Berlin" wird ab 19. September im Ersten ausgestrahlt. Alle Folgen können bereits über die ARD-Mediathek gestreamt werden [ardmediathek.de].
Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine leicht gekürzte und redigierte Version des Gesprächs. Sie können es auch anhören durch Anklicken des Kopfhörer-Symbols im oberen Beitragsbild.
Sendung: Radio3 vom rbb, 10.09.2026, 9:10 Uhr
Audio: Radio3 vom rbb, 10.09.2026, Massimo Maio im Gespräch mit Liv Lisa Fries
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