Die ersten Tankstellen weisen Super-Preise von mehr als drei Euro aus. Es ist höchste Zeit für den Spritpreisdeckel.
Jeden Tag werden an mehr als 14.000 Tankstellen in Deutschland Zapfhähne in Tanköffnungen gehängt, fließen zigtausend Liter Benzin oder Diesel in große, kleine, neue, alte Autos, Vans, Laster, die aus irgendwelchen Gründen durch die Gegend bewegt werden.
Und die Summen, die für dieses Möglichmachen von Bewegung aufgerufen werden, steigen und steigen. Schon steht an den ersten Tankstellen eine Drei vor dem Komma, und der Tankstellenverband kündigt an, dass das auch flächendeckend möglich sein könnte.
Das mag für alle, die Autofahren ohnehin für Teufelszeug halten, und in steigenden Spritpreisen ein Argument fürs Umsteigen auf Bus, Bahn oder Rad sehen, ein grimmiges Vergnügen sein. Das allein ist es aber nicht. Was da an den Tankstellen Tag für Tag passiert, ist ein politisches Risiko.
Die steigenden Preise für Benzin und Diesel können bei jenen, die aufs Auto angewiesen sind, Frust, Ohnmacht oder Wut auslösen. Weil sie dieser Entwicklung machtlos gegenüberstehen und zugleich keine Möglichkeit haben, sich ihr zu entziehen. Aus Protest einfach nicht zu tanken, ist schließlich keine Alternative.
Benzin- und Dieselpreise jenseits der 2,30 Euro pro Liter sind für Haushalte mit niedrigen Budgets eine reale Bedrohung. Und auch bei jenen Autoabhängigen, die nicht jeden Euro umdrehen müssen, hauen solche Preise rein.
Dies als vorherrschende Gefühlslage mal angenommen, zeigt jeder einzelne Tag, an dem die Bundesregierung nicht entschieden regulierend in den Kraftstoffmarkt eingreift, dass es „da oben“ offenbar am Willen zur Solidarität mit der Bevölkerung fehlt.
Da beruhigt es auch nicht, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz beim Unternehmertag verlautbaren lässt, er sei der Meinung, „dass wir handeln müssen“. Genaueres soll „bald“ folgen. Das klingt angesichts der Lage zu sehr nach Einladung zur Diskussion. Es braucht aber Maßnahmen. Konkret: Wo bleibt der Spritpreisdeckel, von dem man aus Deutschlands Nachbarländern hört?
Warum ist dort möglich, was hierzulande ausbleibt? Was soll dieses ganze Problematisieren von Maßnahmen, wozu die Detailschilderungen aus juristischen Winkeln heraus, um die Schwierigkeiten regulierender Eingriffe plausibel zu machen?
Als sei die Lage an den Tankstellen in der Breite des Landes ein Thema für den Intellekt. Das ist es nicht. Umfragen von April 2026 ergaben, dass neun von zehn Deutschen besorgt auf die hohen Energiepreise als Folge des Iran-Kriegs blicken.
Drei-Euro-pro-Liter-Preisdrohungen steigern diese Ängste. Und Hinweise wie die vom ADAC, dass die steigenden Rohölpreise den Anstieg nicht allein verursachen, verärgern obendrauf. Das mögen jene, die sich um hohe Tankrechnungen nicht scheren müssen, voran Vertreter der Bundespolitik, für eine falsche Reaktion halten, aus der Welt ist es damit aber nicht.
Wer wird alleingelassen?Da hilft es auch nicht, wenn aus den Reihen der Politik im Empörungston „Übergewinne“ der Mineralölkonzerne gegeißelt werden. Denn das führt sogleich zu der Frage, warum nichts folgt, was ebendiese abschöpft. Auch die Idee von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die lieber geplagten Pendlern einzeln irgendwelche Beträge erstatten will, statt sich mit den Konzernen anzulegen, die von den Preiserhöhungen profitieren, erzeugt vor allem Stirnrunzeln. Was für ein Aufwand soll das werden? Und wo ist da der psychologische Effekt, wenn sich so an Drei-Euro-Literpreisen nichts ändert?
Spritpreise sind immer auch die Privatangelegenheit von zig Millionen Menschen hierzulande. Wenn die zum Problem werden, ist die Regierung zum Handeln aufgerufen.
Ariane Bemmer
Dass gerade erst Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gesagt hat, es gebe „zig Möglichkeiten“, wie man die Preise drücken könnte, trägt zur generellen Unzufriedenheit mit der Situation bei.
Die Frage, die am Ende übrigbleibt, ist: Wer wird hier gerade eigentlich geschützt, und wer wird alleingelassen?
Und der Eindruck fehlender Einsicht in die Not, die hohe Spritpreise für viele bedeuten, ist gerade jetzt so bitter, weil nach dem haushohen AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt viele Menschen im Land und die Regierung erschüttert sind. In so einer Lage wären Signale wichtig, die ein Miteinander verheißen, gegenseitige Rücksichtnahme und ein Zusammenstehen in Krisenzeiten.
Die Regierung könnte mit billigeren Spritpreisen eventuell viel Boden gutmachen. Da wird immer auch der Mobilitätsanspruch der Bürgerinnen und Bürger verhandelt, da geht es um Bewegungsradien, die Menschen sich leisten können, es geht um Wege zur Arbeit, zum Krankenhaus, um die Möglichkeiten von Behinderten, irgendwohin zu kommen, zumal auf dem Lande, wo es neben dem Auto fast nichts gibt.
Spritpreise sind so gesehen immer auch die Privatangelegenheit von zig Millionen Menschen hierzulande. Wenn die zum Problem werden, ist die Regierung zum Handeln aufgerufen. Es ist seltsam, darauf hinweisen zu müssen.
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