Die Zahl der Auszubildenden in Gesundheitsberufen und insbesondere in der Pflege steigt kräftig. Reformen aus den Merkel-Jahren greifen. Hoch scheint aber auch die Unzufriedenheit: Ungewöhnlich viele Azubis brechen ihre Ausbildung ab.
Analyse Mehr Auszubildende, mehr Abbrecher Pflegefall Gesundheitsberufe
Von Oliver Noffke Wiebke Wetschera
Die Zahl der Auszubildenden in Gesundheitsberufen hat in Berlin wie in Brandenburg einen neuen Höchststand erreicht. Das zeigt eine Auswertung von Daten des für beide Länder zuständigen Amts für Statistik zu Berufen im medizinischen Bereich und der Pflege [statistik-berlin-brandenburg.de].
In Brandenburg befanden sich im zurückliegenden Ausbildungsjahr 6.881 Menschen in einer entsprechenden Ausbildung. Seit der Jahrtausendwende hat sich ihre Zahl damit mehr als verdoppelt – ein Plus von 118,7 Prozent bei den Auszubildenden in Pflege oder medizinischen Berufen in Brandenburg.
Das Gesundheitsministerium in Potsdam bezeichnet diese Entwicklung als wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Dennoch drohe eine klaffende Lücke in den Heimen und Kliniken. "Unter Status-Quo-Bedingungen besteht bis 2040 ein zusätzlicher Personalbedarf von rund 22.773 Personen", so ein Sprecher auf Anfrage von rbb|24.
In Berlin wurden zuletzt 11.622 Auszubildende in den entsprechenden Feldern gezählt. Das waren rund 86,5 Prozent mehr als im Ausbildungsjahr 2000/01. Die Senatsverwaltung für Gesundheit ging auf konkrete Fragen von rbb|24 dazu nicht ein und verwies stattdessen auf das eigene Fachkräftemonitoring aus dem vergangenen Jahr – das allerdings ausschließlich die Situation in der Pflege betrachtet [berlin.de/sen].
Darin steht einerseits, dass sich die Lage durch die steigende Zahl der Auszubildenden verbessert hat. Anderseits wird prognostiziert, dass bis 2035 in Berlin circa 22.600 zusätzliche Mitarbeitende in der Pflege gebraucht werden – was mehr als 40 Prozent des aktuellen Personalbestands entspricht.
Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe: eine Reform der Pflegeausbildung, verbesserte Arbeitsbedingungen sowie Programme, mit denen gezielt Menschen aus dem Ausland angeworben werden. Zudem sprechen Gesundheitsberufe heute deutlich mehr Männer an als noch vor einigen Jahren.
Nach wie vor arbeiten vor allem Frauen in Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Der Anteil von Männern unter den Auszubildenden hat sich aber stark verändert. Während des Schuljahres 2000/01 lag er in Brandenburg bei rund 7,2 Prozent und in Berlin bei 9,1 Prozent. Zuletzt waren in Brandenburg etwa 29,8 Prozent der Auszubildenden in der Pflege oder medizinischen Berufen Männer, in Berlin machten sie 33,9 Prozent aus.
Unter der letzten Regierung von Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin wurde die Pflege in vielen Aspekten grundlegend umgebaut. Seit 2020 wird unter anderem nicht mehr spezialisiert zur Kranken-, Kinderkranken- oder Altenpfleger:in ausgebildet. Stattdessen werden alle Bereiche gemeinsam gelehrt, was Berufswechsel vereinfacht und so ein breiteres Karrierefeld eröffnet. Zudem wurde das Schulgeld in der Pflege abgeschafft, was die Zugangsschwelle abgesenkt, und die Möglichkeit zu einem fachspezifischen Studium geschaffen hat, um das Berufsfeld aufzuwerten.
Diese Umstellung ist in Berlin bereits abgeschlossen. In Brandenburg befanden sich zuletzt noch 584 Personen in einer spezialisierten Pflegeausbildung. Es handelt sich dabei um die finalen Jahrgänge.
Auffällig an den Azubi-Zahlen ist, dass die Pflegereform der Merkel-Ära die Zahl der Auszubildenden in Berlin offenbar besonders erhöht hat. Während sie Brandenburg seit der Jahrtausendwende recht konstant angestiegen ist, blieb sie in Berlin lange Zeit stabil im Bereich von 6.000 Auszubildenden. Mit dem Ausbildungsjahr 2020/21 hat allerdings ein starker Anstieg begonnen, der bis heute anhält und zum Teil deutlich über dem Bundesschnitt lag. Oder mit anderen Worten: In Berlin gab es nach jahrzehntelanger Stagnation besonders viel aufzuholen.
"Hier ist in Brandenburg offenbar etwas richtig gemacht worden", teilt Gisela Neunhöffer, Sprecherin von Verdi Berlin-Brandenburg, auf Anfrage mit. "Der kommende Bedarf wurde erkannt und Kapazitäten aufgebaut."
In Berlin hätten die großen Träger die Chancen der Pflegereform früh genutzt, so Neunhöffer. Sie verweist auf das 2020 eingeführte Pflegebudget zur Abrechnung von Leistungen. "Damit war es möglich, den massiven Pflegenotstand in Krankenhäusern durch Neueinstellungen teilweise zu mildern", so die Verdi-Sprecherin. "Und die Ausbildung wurde auch stark hochgefahren."
"Wir haben in den letzten Jahren sehr intensiv in den Aufbau von Arbeitsplätzen in der Pflege investiert", teilt die Presseabteilung der Berliner Charité auf Anfrage mit. In diesem Jahr starten 175 junge Menschen ihre Ausbildung als Pflegefachkraft im Haus, hieß es, ausgewählt aus 5.000 Bewerber:innen. Eine eher branchenunübliche Situation. Man profitiere vom "guten Ruf als Arbeitgeberin und Ausbildungsstätte", so die Charité.
Parallel haben sich in den vergangenen Jahren die tariflichen Bedingungen verbessert. Viele Ausbilder zahlen heute deutlich mehr als noch vor zehn oder 15 Jahren und versprechen verbesserte Arbeitsbedingungen bei einer Übernahme. Was Gehälter in Gesundheitsberufen angeht, liegt Berlin im Vergleich der Bundesländer aktuell meist im oberen Drittel. Brandenburg hingegen in vielen Fällen im unteren Drittel.
Der starke Anstieg der vergangenen Jahre bei den Ausbildungszahlen ist allerdings vor allem auf Bewerberinnen und Bewerber aus dem Ausland zurückzuführen. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg wertet seit 2022 ihren Anteil in beiden Ländern aus. Innerhalb von vier Jahren ist im Gesundheitsbereich Nachwuchs aus dem Ausland von einer wichtigen Gruppe zu einer unentbehrlichen geworden.
Auch das ist auf ein Gesetz aus der Regierungszeit Merkels zurückzuführen. Seit März 2020 können ausländische Fachkräfte unter bestimmten Voraussetzungen ein beschleunigtes Visaverfahren durchlaufen. Insbesondere die Pflege hat davon profitiert.
Damals hatten in Brandenburg 10,7 Prozent der Auszubildenden in Gesundheitsberufen keine deutsche Staatsbürgerschaft, im vergangenen Jahr waren es 23,5 Prozent. Die Zahl der deutschen Azubis ist unterdessen leicht gesunken. In Berlin lag dieser Wert vor vier Jahren bei 26,6 Prozent und war er zuletzt auf 39,7 Prozent angestiegen.
"Der Nachwuchs für die Kliniken der Region wird internationaler", teilt das Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel rbb|24 mit, "und das ist angesichts der demografischen Entwicklung in Westbrandenburg keine Randnotiz, sondern eine Voraussetzung dafür, die Versorgung zu sichern." Die Ärzteschaft sei allerdings weitaus stärker auf Personal aus dem Ausland angewiesen.
Auszubildende aus Vietnam, Indien und Kamerun stellen in beiden Bundesländern die größten Gruppen. In Berlin hatten im vergangenen Jahr zum Beispiel 1.007 Auszubildende in Pflege oder medizinischen Berufen einen vietnamesischen Pass. Fast jede oder jeder elfte Auszubildende in diesen Berufen stammte damit aus dem südostasiatischen Land. Der landeseigene Berliner Klinik- und Pflegekonzern Vivantes betreibt etwa eine eigene Kooperation zur Rekrutierung von Nachwuchskräften mit Vietnam.
Die Charité hat eigene Stabsstelle aufgebaut, um vor Ort selbst Fachkräfte und potenziellen Nachwuchs zu rekrutieren, statt auf Agenturen angewiesen zu sein, heißt es auf Anfrage. "Sie sichern die Kontinuität und Qualität der Patientenversorgung und stärken die kulturelle Kompetenz unseres Hauses." Die Charité verbindet das, wie andere Kliniken auch, mit diversen Integrationsmaßnahmen: Unterstützung bei Behördengängen, Sprachkurse, Mentoringprogramme, Wohnangebote. So teilt etwa das Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam mit: "Unser Personalmanagement integriert internationale Kolleginnen und Kollegen fachlich, sprachlich und sozial."
Die Zahl der Berufsabschlüsse ist ebenfalls angestiegen – allerdings werden Ausbildungen auch öfter abgebrochen. In beiden Bundesländern steigt sowohl die absolute Zahl der Ausbildungsabbrüche in Gesundheitsberufen als auch die Abbruchquote – insbesondere seit der Corona-Pandemie.
In Berlin haben zuletzt im vierten Jahr nacheinander mehr als 1.000 Menschen ihre Ausbildung in einem Gesundheitsberuf abgebrochen. In Brandenburg – wo Abrecher:innen erst seit 2015 erfasst werden – ist ein entsprechender Hügel in der Statistik ebenfalls sichtbar, allerdings weniger stark ausgeprägt.
"Die Unzufriedenheit mit den Ausbildungsbedingungen ist in der Pflege deutlich höher als in anderen Berufen", so Verdi-Sprecherin Neunhöffer. Eine Studie der Gewerkschaft habe festgestellt, das die Zufriedenheitswerte in der Pflege nur etwa halb so hoch ist wie in anderen Berufen. "Nur gut ein Drittel der Auszubildenden aus Krankenhäusern, stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen ist demnach mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden." In den vergangenen Jahren habe sich dies verschärft.
Bei Problemen und Konflikten können sich Azubis an die Ombudsstelle der Pflegeausbildung [www.berlin.de] wenden.
Das ist nach den Angaben auf der Website zufolge bei verschiedensten Schwierigkeiten möglich, etwa bei Streit mit Vorgesetzten, Kollegen oder bei Probleme mit dem Ablauf der Ausbildung.
Das Anliegen wird demnach vertraulich beraten, damit eine gemeinsame Lösung gefunden werden kann.
Die Ombudsperson spricht Empfehlungen aus. Die Beratung ist für alle Beteiligten kostenlos.
"Die generalistische Ausbildung wirft eine Reihe von Problemen auf", so Neunhöffer, "weil sie zu wenig Zeit für Vertiefung einzelner Fachgebiete lässt." Daraus resultiere zum einen ein Mangel in den Spezialisierungen vor allem in der Kinderkrankenpflege. Zum anderen fühlten sich Auszubildende vor allem in praktischen Phasen oft allein gelassen. "Gerade in Berufen, die hohe Verantwortung und die Konfrontation mit Leid und Tod beinhalten, ist eine engmaschige Praxisanleitung unabdingbar. An dieser fehlt es viel zu oft", so die Verdi-Sprecherin.
Unklar ist allerdings, wie genau sich all diese Veränderungen auf die Qualität der Ausbildung ausgewirkt haben. Die hohe Abbrecherquote ist ein deutliches Alarmsignal. Das Fachkräftemonitoring für Pflege der Berliner Senatsverwaltung warnt zudem vor einem weiteren Problem: Es fehlen Lehrkräfte. Seit Jahren können demnach Ausbildungsstätten offene Stellen nicht besetzen.
Die Veränderungen konkret in der Pflegeausbildung und ihre Auswirkungen werden in Brandenburg wissenschaftlich untersucht durch ein Projekt an der BTU Cottbus-Senftenberg, so das Gesundheitsministerium. Seit diesem Jahr hätten die gesundheits- und Pflegeschulen im Land außerdem die Möglichkeit Sozialpädagog:innen einzustellen. "Damit sollen Auszubildende bei persönlichen, sozialen und schulischen Herausforderungen unterstützt und Ausbildungsabbrüche reduziert werden."
Sendung: rbb|24, 03.09.2026, 6:26 Uhr
Audio: rbb|24, 03.09.2026, Sebastian Hampf