Seit 30 Jahren betreibt er die Citybuchhandlung: Jorgos Flambouraris wurde vom Rat als Literaturexperte berufen. Der Vollblut-Buchhändler verrät, was er konkret umsetzen will, was seine Lieblingsbücher sind – und warum der Hype um den Kinofilm „Die Odyssee“ gut für junge Leser ist.
Dormagen · Seit 30 Jahren betreibt er die Citybuchhandlung: Jorgos Flambouraris wurde vom Rat als Literaturexperte berufen. Der Vollblut-Buchhändler verrät, was er konkret umsetzen will, was seine Lieblingsbücher sind – und warum der Hype um den Kinofilm „Die Odyssee“ gut für junge Leser ist.
01.08.2026 , 06:00 Uhr
Klassiker haben es ihm angetan: Thomas Manns „Der Zauberberg“ gehört zu den Lieblingsbüchern von Jorgos Flambouraris.
Foto: Luis KuminkaIn die Wiege gelegt wurde ihm seine Liebe zur Literatur nicht – und doch hat Jorgos Flambouraris sein Leben den Büchern verschrieben. Seit exakt 30 Jahren führt der 62-Jährige die City-Buchhandlung in der Kölner Straße. 10.000 Bücher stehen hier, zu Hause füllen weitere 6000 Exemplare die Regale. „Ich bin ein Bücher-Nerd“, beschreibt er, der meistens mehrere Bücher parallel liest, von sich selbst. „Ich entscheide je nach Stimmung und Gefühl, was ich gerade lesen will.“
Künftig soll Flambouraris neben seinem Job als Vollblut-Buchhändler die Literaturszene in Dormagen noch stärker prägen und gestalten: Seit Juli ist Flambouraris offiziell sachkundiger Bürger für das Thema Literatur im Kulturausschuss, mehrheitlich bestätigt durch den Rat. Die Stadtverwaltung begründet den Schritt mit Flambouraris’ Rolle als „eine prägende Persönlichkeit im literarischen und kulturellen Leben von Dormagen“, lobt ihn als einen „Kenner der lokalen Literaturszene, ein Netzwerker (...) und ein Vermittler, der durch Lesungen, Buchvorstellungen und Veranstaltungen immer wieder neue Impulse setzt“.
„Dass ich dieses Amt ausüben darf, ist eine Ehre“, sagt Flambouraris. Aber wie genau will er seine neue Rolle ausfüllen?
„Ich will Literatur in den Vordergrund rücken, auf verschiedensten Wegen. Bücher sind ein Kulturgut, das es zu schätzen und zu schützen gilt.“ Doch die Begeisterung der Deutschen für das gedruckte Wort sinkt: „Jedes Jahr lesen in Deutschland sieben Prozent weniger Menschen“, sagt Flambouraris.
Gegen diese Entwicklung kämpft er bereits seit Jahren: ob durch Veranstaltungen gemeinsam mit der Stadtbibliothek, den literarischen Diskussionspodcast „2 Köpfe 1 Buch“, oder regelmäßige Lesungen in der Stadt, sogar mit Autorengrößen wie der portugiesischen Schriftstellerin Lídia Jorge. „Ich will vermitteln, wie faszinierend Bücher sind. Wir können damit dem Alltag entfliehen und in Geschichten eintauchen, die wir uns durch unsere Fantasie ganz individuell gestalten können“, sagt Flambouraris. „Das will ich den Dormagenern auch in meiner neuen Funktion nahebringen.“
Dass Kinder und Jugendliche immer weniger lesen würden, sei eine „fatale Entwicklung“. Die Gründe für diesen Trend seien vielfältig: Eltern lesen nicht mehr vor, konsumieren selbst immer weniger Bücher. Auf Social-Media sich berieseln zu lassen, sei für viele angenehmer, als sich bewusst auf eine Geschichte einzulassen. Aber nur meckern will er nicht, „Erfolgserlebnisse“ wie er sagt, hat er auch mit jüngeren Kunden immer wieder. „Wenn sich Jugendliche nach einem Klassiker erkundigen, das freut mich besonders.“ Bei den zeitlosen Werken gefragt ist aktuell vor allem „Die Odyssee“. Befeuert wird der Hype um griechische Mythologie durch die aktuelle Kino-Adaption von Odysseus‘ zehnjähriger Heimreise von Troja auf seine Heimatinsel Ithaka, umgesetzt von Regisseur Christopher Nolan (“Inception“). Dass der Film nur wenig mit dem Originalwerk von Homer zu tun hat, sei unwichtig, sagt Flambouraris. „Alles, was junge Menschen zum Lesen animiert, ist erstmal positiv.“
„Bücher sind Wissen, und damit auch immer Macht“, so Flambouraris. Er weiß das aus eigener Erfahrung. Aufgewachsen in Athen, hat sich der gebürtige Grieche das Lesen selbst angeeignet. „Meine Eltern sind beide Kriegskinder, waren Analphabeten“, erzählt er. Erst er habe Mutter und Vater Lesen und Schreiben beigebracht. „Sprache ist Teilhabe. Und Bücher sind ein wichtiger Zugang zu Sprache.“
So auch für Flambouraris, als er 1982 fürs Studium nach Deutschland kam. Deutsch hat er auch gelernt, indem er dasselbe Buch (“Papillion“ von Henri Charrière) insgesamt vier Mal gelesen hat. „Beim ersten Mal hab ich nur ein Viertel verstanden, beim zweiten Mal schon die Hälfte“, erinnert er sich.
Während seines Sport- und Germanistikstudiums in Köln und Düsseldorf jobbte der passionierte Läufer bereits in der Citybuchhandlung, bis er 1996 die Leitung übernahm. Lieblingsbücher hat Flambouraris drei: „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, „Der Name der Rose“ von Umberto Eco und die Bibel. Alle drei hat er schon mehrfach gelesen.
In der Citybuchhandlung aber hat er nicht nur Bücher stehen, die er privat lesen würde. „Das muss aber auch nicht sein, Geschmäcker sind verschieden, und das ist auch gut so. Jedes Buch, das verkauft wird, ist erstmal gut.“
Mit diesem demokratischen Ansatz will er auch an seine Aufgabe als städtischer Literaturexperte rangehen: „Ich will niemandem predigen, was er zu lesen hat, ich bin kein Messias.“ Als Vorteil sieht er seine Parteilosigkeit, er will weiterhin als unabhängige Stimme der Dormagener Literatur- und Kulturszene agieren. „Dormagen hat richtig was zu bieten, hier findet so viel direkt vor der Haustür statt“. Veranstaltungen vor Ort hätten es seit jeher schwer, sich gegen die kulturellen „Big-Player“ Köln und Düsseldorf zu behaupten. Flambouraris will diesen Kampf gegen Windmühlen weiterführen – das nächste Highlight steht schon im Programm: Im Herbst ist die „Gesellschaft griechischer AutorInnen“ in der Citybuchhandlung zu Gast. „Das wird ein Austausch über die Erfahrungen, die griechischstämmige, in Deutschland geborene Autoren gemacht und in ihren Werken verarbeitet haben“, sagt Flambouraris. „Bücher sind nicht nur Fiktion. Sie spiegeln auch den Wandel und die Einflüsse unserer Gesellschaft wider.“
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