Bauern erwarten deutlich weniger Getreide und Raps. Warum die Versorgung trotzdem gesichert ist – und ob Lebensmittel teurer werden könnten.
Die Dürre setzt den Bauern und ihrer Ernte zu. Der Bauernverband gab am Dienstag Einblick in die Ernteerwartungen dieses Jahres – und zeigte sich ernüchtert. Deutsche Verbraucher müssen sich aber zunächst kaum Sorgen machen. Wichtige Fragen und Antworten.
Was erwarten die Bauern für eine Ernte?Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied hat auf einer Pressekonferenz von „enttäuschenden“ Ernteaussichten für dieses Jahr berichtet. Gerechnet wird mit einer Getreideernte von 41,9 Millionen Tonnen. Das wären sieben Prozent weniger als im Vorjahr und 1,4 Prozent unter dem fünfjährigen Durchschnitt von 42,5 Millionen Tonnen. Bei Raps wird die Ernte sogar um 20 Prozent geringer sein. Die monatelange Trockenheit habe den Landwirten zu schaffen gemacht, wobei es ein Nord-Süd-Gefälle gebe, so Rukwied.
Süddeutschland sei stärker betroffen – das reiche dort bis zum totalen Ertragsausfall. „Auf meinem Hof bei Heilbronn hat es seit Mitte Juni nicht geregnet“, berichtet der Bauernpräsident. Das Futtermittel werde knapp. Selbst wenn es stark regne, sei bei Kartoffeln und Zuckerrüben „die Messe gelesen“, so Rukwied. Die Erträge würden geringer ausfallen. Bei Obst und Gemüse seien Mengen und Flächen vor allem wegen des hohen Mindestlohns rückläufig. Süßkirschen aus der Türkei kosteten etwa 3,30 Euro das Kilo – allein die Produktionskosten in Deutschland lägen aber schon bei 4,00 Euro.
Werden Lebensmittel knapp?Davon gehen Experten nicht aus, weil Deutschland und die hiesige Versorgung mit Nahrungsmitteln eng mit den Weltmärkten verknüpft sind. „Geringere Ernten und somit eine geringere Produktion können bei allen handelbaren Produkten durch Handel ausgeglichen werden“, sagt Verena Laquai, Marktanalystin beim Thünen-Institut, zu dieser Redaktion.
Ohnehin habe Deutschland bei zahlreichen landwirtschaftlichen Erzeugnissen einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent, besonders hoch ist der hier hergestellte Überschuss bei Weizen, Gerste, Fleisch und Milchprodukten. Heißt: Wir produzieren mehr, als wir selbst verbrauchen. „Geht die Ernte zurück, gehen zunächst die Exporte zurück. Die inländische Versorgung bleibt gesichert“, erklärt Laquai weiter. Anders sieht es bei Ölsaaten und Mais aus. Da müssten wir nun „unsere Importe erhöhen, wenn die Ernteerträge zurückgehen“, so die Expertin.
Auch der Lebensmittelhandel rechnet nicht mit leeren Regalen: „Nach aktuellem Stand sehen wir keine nennenswerten Auswirkungen der Trockenheit auf die Warenversorgung in unseren Märkten. Wir beobachten die Entwicklung fortlaufend und stehen hierzu in engem Austausch mit unseren Lieferanten und Erzeugerbetrieben“, teilt eine Sprecherin der Supermarktkette Rewe auf Anfrage dieser Redaktion mit.
Kann sich die schlechtere Ernte bei den Preisen bemerkbar machen?Auch diesen Punkt muss man global betrachten. Grundsätzlich sei es so, dass Landwirte ohnehin lediglich einen Bruchteil der Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel erhielten, sagt der Agrarexperte Thomas Herzfeld vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) zu dieser Redaktion. Somit würden Schwankungen der Erzeugerpreise auch nur zu deutlich kleineren Schwankungen der Lebensmittelpreise führen. Weltweit könne man den genauen Effekt von Dürre auf die Preise unmöglich herausrechnen, so Herzfeld weiter. Aber Lebensmittelpreise könnten durchaus weiter zulegen, was vor allem an den beiden weiter andauernden Auseinandersetzungen in der Ukraine und im Iran liege.
„Die Exporte über das Schwarze Meer sind seit einiger Zeit kaum mehr möglich. Es ist nur schwer abzusehen, wie stark die Produktion in Weltregionen zurückgegangen ist, in denen Düngemittel im Frühjahr gar nicht oder kaum verfügbar waren“, erklärt Herzfeld. Hinzu kämen womöglich gestiegene Kosten bei der Logistik, die sich ebenfalls auf Verkaufspreise von Nahrungsmitteln auswirkten.
Auch Thünen-Forscherin Verena Laquai rechnet mit leichten Preissteigerungen. Diese seien aber hauptsächlich abhängig von der weltweiten Verfügbarkeit der Produkte insgesamt. Und die Lage könne sich auch schnell wieder ändern. Beispiel: Kartoffeln. Noch hätten Landwirte große Mengen verschenkt. In diesem Jahr jedoch wurden deutlich weniger Kartoffeln angebaut. Nun setzt auch noch die Dürre der Ernte zu. „Das hat die Preise für Kartoffeln schon wieder ansteigen lassen und kann zu weiter steigenden Preisen führen“, sagt Laquai.
Bauernpräsident Rukwied äußerte sich mit Blick auf die Preisentwicklung zurückhaltend. Der Anstieg der Verbraucherpreise in den vergangenen Jahren sei ohnehin nicht von den Landwirten getrieben gewesen. „Unsere Erzeugerpreise sind sogar rückläufig“, so der Verbandsfunktionär. Höhere Verbraucherpreise würden durch Energie-, Lohn- und Transportkosten bedingt. Schon jetzt hätten viele Betriebe Liquiditätsprobleme, Banken wollten die Lebensversicherung von Betriebsinhabern verpfänden.
Was fordern jetzt die Bauern?Der Bauernverband fordere ein Sofortprogramm: Das Düngemittelhilfspaket der EU von 60 Millionen Euro müsse auf 180 Millionen Euro aus nationalen Mitteln aufgestockt werden. Die Direktzahlungen der EU müssten die Bauern zu 80 Prozent bereits im Oktober erhalten. Die Steuer auf Diesel müsse „sofort“ bis Ende November gesenkt werden. Rukwied: „Jetzt ist die Bundesregierung und jetzt ist Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer gefordert.“
Wie könnten sich Bauern besser auf heftigere Dürreperioden einstellen?IAMO-Experte Herzfeld fordert die hiesigen Landwirte auf, ihr eigenes Risikomanagement zu verbessern. „Das reicht von vertraglicher Absicherung von Produktionsmitteln und Produkten über Rücklagen bis zu der Umstellung der Betriebsplanung zu sogenannten ‚neuartigen‘ Kulturen, die besser mit Trockenheit umgehen können“, sagt der Fachmann. Auch das Bodenmanagement und vor allem die Frage, wie sich das Wasserhaltevermögen des Bodens erhöhen lasse, spielten eine immer wichtigere Rolle.
Von der Politik fordert Herzfeld jetzt keine kurzfristigen Liquiditätshilfen. Stattdessen sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die verlässliche Entscheidungsgrundlagen über mehrere Jahre ermöglichten. Als Beispiele nennt er die verstärkte Nutzung von Grundwasser für die Bewässerung und die Vergabe der entsprechenden Wasserrechte. Hinzu komme, dass Forschung und Beratung zu den Themen Hitze-, Dürre- und Wassermanagement sowie Anbauempfehlungen immer wichtiger würden. „Auf diesen Gebieten sind auch steuerfinanzierte Angebote unabdingbar“, so der Experte weiter.
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