Wirtschaftliche Belastungsprobe: Ernteausfälle, steigende Kosten und neue Schädlinge setzen nahezu allen wichtigen Agrarsektoren zu.
Auf den italienischen Feldern wird der Klimawandel zunehmend spürbar: Bauern sorgen sich vor neuen Schädlingen, extremer Hitze und anhaltender Trockenheit. Das setzt die Landwirte und die gesamte Branche unter enormen wirtschaftlichen Druck. Nach Angaben des Bauernverbands Coldiretti haben die durch die Folgen des Klimawandels verursachten Schäden in der italienischen Landwirtschaft bereits die Marke von drei Milliarden Euro überschritten. Mehr als 60 Prozent des Staatsgebiets sind von Dürre betroffen.
Besonders problematisch ist, dass sich mit den steigenden Temperaturen auch neue Schädlinge ausbreiten. Der Japankäfer (Popillia japonica) hat sich vor allem in Norditalien vermehrt und bedroht dort unter anderem Weinberge und Obstbäume. Hinzu kommen die Asiatische Stinkwanze und die Kirschessigfliege, die Obst, Gemüse und Nüsse schädigen und damit nicht nur die Erntemenge, sondern auch die Qualität der Produkte beeinträchtigen.
In Venetien sorgt derzeit die Rote Spinnmilbe für Beunruhigung. Sie befällt vor allem Soja- und Mais-Kulturen, die bereits unter Hitze und Wassermangel leiden. Die Milben vermehren sich bei trockenen und heißen Bedingungen besonders schnell. Sie schädigen die Blätter, die zunächst vergilben und schließlich vertrocknen. Wachstum und Ertrag der Pflanzen gehen dadurch zurück.
Klimawandel: Asiatische Hornisse bedroht HonigbienenAuch die Kastanienbestände kämpfen weiterhin mit Schädlingen. Gegen die Kastaniengallwespe wird unter anderem ihr natürlicher Gegenspieler, die Schlupfwespe Torymus sinensis, eingesetzt. In der Imkerei lauern weitere Gefahren: Die Asiatische Hornisse bedroht Honigbienen und damit die Bestäubung von Nutzpflanzen. Der Kleine Beutenkäfer kann Honigvorräte zerstören und Bienenvölker schwächen.
Auch Italiens Wälder und Palmenbestände bleiben nicht verschont. Der Buchdrucker setzt insbesondere Fichten zu, während der Rote Palmrüssler vor allem in den Mittelmeerregionen Palmen befällt. Für den Olivenanbau ist das Bakterium Xylella fastidiosa die größte Gefahr. In Apulien hat der Erreger bereits Millionen Olivenbäume zerstört und belastet weiterhin die Landwirtschaft und die Wirtschaft ganzer Regionen.
Dürre und Hitze: Betriebskosten der Landwirte um fast 5 Prozent gestiegenDoch nicht nur Schädlinge setzen den Bauern zu. Extremwetter und steigende Produktionskosten treffen nach Angaben des Bauernverbands Confagricoltura nahezu alle wichtigen Agrarprodukte – von Reis und Hartweizen über Milch und Olivenöl bis hin zu Wein und Tomaten. Neben den unmittelbaren Ernteausfällen entstehen zusätzliche Kosten durch Bewässerung, Pflanzenschutz und technische Anpassungen. Auch Arbeitskräfte können bei der großen Hitze weniger lange eingesetzt werden. Insgesamt sind die Betriebskosten binnen eines Jahres um 4,5 Prozent gestiegen.
„Hitze und Trockenheit präsentieren unseren landwirtschaftlichen Betrieben eine immer schwerere Rechnung“, sagt Carlo Salvan, Präsident des Bauernverbands Coldiretti in der norditalienischen Region Venetien. „Hier in Venetien muss man zunehmend bewässern, um die Ernten zu sichern. Mit dem steigenden Wasserverbrauch nehmen jedoch auch die Kosten für die Betriebe zu“, berichtet Salvan.
Reisanbau leidet besonders unter anhaltender TrockenheitBesonders hart trifft die Trockenheit den Reisanbau. Italien ist Europas größter Reisproduzent, doch der wasserintensive Anbau gerät zunehmend unter Druck. Wegen der Trockenheit sind in diesem Sommer bereits mehr als 18.000 Hektar Anbaufläche verloren gegangen – etwa zehn Prozent der gesamten Fläche. Branchenvertreter warnen, dass bei ausbleibendem Regen bis zu ein Viertel der Ernte ausfallen könnte.

Schwitzen während der Weinlese: Die Ernte muss dieses Jahr früher starten.© Antonio Calanni/AP/dpa | Antonio Calanni
Dies würde die Preise für italienischen Reis in die Höhe treiben. Auch beim Hartweizen, der Grundlage der italienischen Pasta-Produktion, verschärft sich die Lage. Der Selbstversorgungsgrad Italiens ist nach Verbandsangaben von 78 Prozent im Jahr 2012 auf zuletzt 56,5 Prozent gesunken. Gleichzeitig stiegen die Importe innerhalb von zwei Jahren um 17 Prozent. Die Produktion ging wegen ungünstiger Witterung um neun Prozent zurück, während die Kosten gegenüber 2025 um 10,5 Prozent zugenommen haben.
Landwirte müssen nun höhere Versicherungsprämien zahlenAuch Mais, Soja sowie Obst und Gemüse leiden unter den veränderten Bedingungen. Im Weinbau führt die Hitze vielerorts zu einer vorgezogenen Lese. Gleichzeitig drücken hohe Lagerbestände auf den Markt. Viele Betriebe investieren deshalb in technische Lösungen, um sich an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen – was die Produktionskosten weiter erhöht. Hinzu kommen steigende Versicherungsprämien und Schäden durch Unwetter.
Im Milchsektor hat die Hitze dagegen einen teilweise gegenteiligen Effekt. Kühe geben nach Branchenangaben mindestens zehn Prozent weniger Milch. Das geringere Angebot stützt jedoch die Preise.
Rekord: 48 Grad in Neapel gemessenZusätzlichen Druck erzeugen internationale Entwicklungen. Die von den USA eingeführten Zölle haben den italienischen Agrarexport geschwächt. Besonders betroffen ist der Weinexport in die Vereinigten Staaten. Gleichzeitig haben gestiegene Energiepreise infolge der zeitweisen Einschränkungen rund um die Straße von Hormus Dünger und Agrardiesel verteuert. Der Preis für Harnstoffdünger stieg zwischen März und Juni im Schnitt um 65 Prozent, Agrardiesel wurde um 35 Prozent teurer.
Dieses Jahr erlebte Italien eine beispiellose Hitze: In der Innenstadt von Neapel wurde in der vergangenen Woche eine Bodentemperatur von 48 Grad gemessen. Am längsten Fluss Italiens, dem Po, messen Behörden deutlich niedrigere Wasserstände als gewöhnlich. Der Lago Maggiore in Oberitalien, nach dem Gardasee Italiens zweitgrößter See, nähert sich nach Medienberichten einem historischen Tiefststand. Im nördlichen Teil der Adria wiederum wurden für das Mittelmeer Temperaturen von mehr als 30 Grad gemessen.