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Nordamerika | Trump und Kanada: Der Nachbar, das Nachtmahr

Дата публикации: 19-08-2026 14:10:00

Donald Trumps MAGA-Expansions­hunger gegenüber Kanada beschert zwei der größten Staaten der Erde einen ernsten Nach­bar­schaftsstreit.

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Immobilienregel Nummer eins: »Die wahre Kunst der Voraussicht liegt in der Wahl der Nachbarn, nicht der Häuser.«

Immobilienregel Nummer eins: »Die wahre Kunst der Voraussicht liegt in der Wahl der Nachbarn, nicht der Häuser.«

Foto: imago/ZUMA Wire

Donald Trumps Begabung als Narzisst und Hooligan, Hochstapler und Hassprediger ist gut dokumentiert. Weniger bekannt ist, dass der US-Präsident auch einen schweren Nachbarschaftsstreit mit Kanada ausgelöst hat. Bereits in seiner Rede zur zweiten Amtseinführung im Januar 2025 hatte der »Make America Great Again«-Präsident erklärt, die USA würden sich »wieder als wachsende Nation betrachten, die ihr Territorium erweitert«.

In der Zeit seither hat MAGA-Man provokant Butter bei die Fische gegeben und ist zum Nachtmahr für den Nachbarn geworden. Ein Nachtmahr, dem das Wort Albtraum entstammt, ist ein Fabelwesen, in dem der Volksglaube einen teuflischen Troll sah. Er sitzt Menschen nachts auf der Brust und erzeugt Angst. Damit liegt für viele Kanadier Trump nahe – oder Schillers »Tell«: »Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.«

Ungebeten verlangt Trump Kanada »als 51. Bundesstaat der USA«. Wiederholt belegt er Kanada mit Strafzöllen und beleidigt Regierungschef Mark Carney als »Gouverneur« eines drittrangigen Anhängsels. All das hat Kanada und den USA – nach Russland der zweit- bzw. drittgrößte Flächenstaat der Erde – einen grotesken Konflikt beschert. Zuletzt benutzte Trump kanadische Waldbrände nicht für Beistand, sondern für Schuldzuweisungen. Der Regierung in Ottawa warf er unbewiesen »grobe Fahrlässigkeit« vor und kündigte »zusätzliche Zölle auf kanadische Importe« an, die er aber am vergangenen Dienstag während der Verhandlungen über ein Ölpipelineprojekt vorerst aussetzte.

Genauso wenig nachbarschaftlich stand der Präsident zu einem Leuchtturm-Projekt an der Grenze: Nach acht Jahren Bauzeit wurde die Gordie-Howe-Brücke eröffnet. Sie verbindet Windsor in der Provinz Ontario mit Detroit im US-Staat Michigan, einer der Wirtschafts-Schlüsselkorridore Nordamerikas. Die sechsspurige Brücke soll den Warenverkehr beschleunigen und gilt als Symbol der Partnerschaft. Doch bei der Einweihung am 24. Juli war das bilaterale Verhältnis auf dem Tiefpunkt.

Kurz vor Eröffnung hatte Trump plötzlich einen US-Anteil an den Mauteinnahmen gefordert – obwohl Kanada die Brücke allein finanziert hat. Politikwissenschaftler Drew Fagan von der University of Toronto sah darin »eine der empörendsten Entscheidungen gegenüber Kanada in seiner Amtszeit« und einen Beleg, dass Trump Kanada inzwischen »fast als Gegner« betrachte. Ottawa lenkte in der Mautfrage gegenüber dem mächtigen Nachbarn dennoch ein. Daher fließt nun für die ersten 15 Jahre die Hälfte der Nettoeinnahmen in einen von den USA kontrollierten Fonds. Guter Nachbarschaft hat Trump damit aber einen Bärendienst erwiesen: Statt eines Nachbarschaftsfestes zur Brückeneinweihung lud Ottawa US-Regierungsvertreter offiziell aus.

Wie viele Beobachter fragte seit Trumps zweitem Amtsantritt auch der Amerika-Korrespondent der BBC, Anthony Zurcher, nach Gründen für dessen Kolonialgebaren gegenüber Kanada und seinen rund 42 Millionen Menschen. Zurcher verwies zum einen auf Bodenschätze. Kanada habe riesige Vorkommen an Seltenen Erden, Gold, Öl, Kohle und Holz – »genau die Naturreichtümer, die Trump seit Langem heißmachen«. Zum anderen sah der BBC-Experte ein Muster in Trumps Ansprüchen sowohl an Kanada als auch an Grönland und den Panamakanal. Es widerspiegele »den dramatischen Wandel, wie die USA sich heute in der Welt wahrnehmen«. Ihre Vorherrschaft sei vorbei, und vieles weise darauf hin, dass die USA nun »ihren territorialen Kern in den Vordergrund rücken und eine Art Kontinentalfestung schaffen wollen«.

Statt eines Nachbarschaftsfestes zur Brückeneinweihung lud Ottawa US-Regierungsvertreter offiziell aus.

Der Bruch einvernehmlicher Nachbarschaft hat den Stolz der Ahornblatt-Nation verletzt und Widerstand geweckt. Charlotte Gray, eine angesehene Sachbuchautorin, schrieb zum zehnten Jahrestag ihres Bestsellers »The Promise of Canada« zur 2026er Neuauflage, Trump habe »Kanadas warmherzige Beziehungen mit den USA zerstört«. Jedoch hätten seine Annexionsgelüste eine Welle des Patriotismus ausgelöst: »Die Werte, die das Bindegewebe unserer Gemeinschaften und Souveränität darstellen, sind mit einem Mal nie stärker spürbar gewesen.« Premier Mark Carney von den Liberalen weiß als langjähriger Zentralbankchef zwar um die Grenzen von Kanadas ökonomischem Spielraum, gehen doch über drei Viertel aller Exporte in die USA. Aber ebendieses Wissen treibt Carney an, Kanada perspektivisch neu aufzustellen.

Das hat er in einer aufsehenerregenden Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos dieses Jahr klargemacht. Trumps Politik zeige, dass »die alte Weltordnung faktisch tot ist«. Kanada und andere machtpolitisch mittelgroße Staaten hätten keine andere Wahl, als neue Allianzen zu schmieden. »Wir befinden uns inmitten eines Bruchs, nicht eines Übergangs«, sagte er. Manche Länder hofften auf Sicherheit durch Gehorsam, doch Carney warnte: »Das wird nichts.« Vielmehr müssten »Mittelmächte zusammenarbeiten, denn wer nicht mit am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte«.

Die Haltung des Premiers war allein wegen Kanadas ökonomischer Anfälligkeit für Vergeltungsmaßnahmen Trumps bemerkenswert. Aber genau deshalb will Carney Kanada neu ausrichten. Der bedrohte Nachbar spielte unter anderem auf ein großes Handelsabkommen an, das er kurz vor Davos mit China unterzeichnet hatte. Darin stimmte China zu, die Zölle auf kanadische Agrarprodukte zu senken, während Kanada die Abgaben auf in China hergestellte Elektrofahrzeuge reduzierte.

Ablehnung und Widerstand beschränken sich nicht auf die Politik. Vor kanadischen Häusern wehen heute so verbreitet Ahornflaggen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Viele Provinzen entfernten als Antwort auf die US-Zölle amerikanischen Alkohol aus Supermärkten, Verbraucher greifen verstärkt zu einheimischen Produkten. Viele Kanadier meiden seit Trumps Amtsrückkehr zudem Reisen ins Nachbarland. Kanadas Statistikbehörde meldete, nach der Einführung der »America First«-Politik hätten »sich die Reisepläne der Kanadier abrupt geändert«.

Demnach reisten im Vorjahr 7,1 Millionen Menschen weniger in die USA als 2024, ein Minus von 23,5 Prozent. Auch das Bild der Kanadier von den USA wandelt sich: Obwohl die Länder eng verbandelt bleiben, ergab eine Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew von 2025: 64 Prozent der Kanadier haben ein negatives Bild von den USA – der höchste Minuswert bei Pew seit über zwei Dekaden und eine Totalumkehr der Zahlen, verglichen mit der Zeit vor Trumps Rückkehr. Die Umfrage erbrachte mit rund 77 Prozent einen noch höheren Prozentsatz von Kanadiern, die »kein Vertrauen in Trump als Präsident haben«. Laut einer Umfrage des Angus-Reid-Instituts, einer bekannten kanadischen Meinungsforschungsorganisation, raten 46 Prozent der Kanadier ihrer Regierung, die USA unter Trump als »Feind oder potenzielle Bedrohung« zu werten.

Vor allem dieser Vertrauensverlust zeigt, wie sehr Nachbarschaftsstreit unter Staaten Politik und Wirtschaft überwölbt und vergiftet. Im Fall USA/Kanada ist das ähnlich problematisch wie im Kriegsfall Russland/Ukraine. Bei beiden Beispielen von Expansionsdrang handelt es sich ja nicht um Eifersüchteleien benachteiligter Klein- oder Kleinststaaten. Die USA mit einer Fläche von 9,8 Millionen Quadratkilometern, erst recht Russland mit 17,1 Millionen Quadratkilometern sind das dritt- bzw. mit Riesenabstand das größte Land der Welt, in denen 342 Millionen (USA) bzw. 144 Millionen Bewohner (Russland) beste Wohlstands-Voraussetzungen haben. Eigentlich.

Doch selbst Größe über Zeitzonen hinweg ist kein Appetitzügler. Vor allem, wenn wie mit Trump und Putin, imperiale Präsidenten regieren. Gute Nachbarschaft ist für sie bloß weiche Währung. Oder um es aus Sicht der umgarnten Kanadier beziehungsweise der überfallenen Ukraine mit einer Immobilienregel auszudrücken: »Die wahre Kunst der Voraussicht liegt in der Wahl der Nachbarn, nicht der Häuser.«

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