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Intelligenzforschung | Die Normierung des Denkens

Дата публикации: 19-08-2026 14:23:46

Wie kann die Menschheit Künstliche Intelligenz hervorbringen, wenn sich nicht einmal sagen lässt, was natürliche Intelligenz ist?

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Bei der Messung von Intelligenz spielen Logikaufgaben eine große Rolle.

Bei der Messung von Intelligenz spielen Logikaufgaben eine große Rolle.

Foto: unsplash/Arturo Añez

Spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT ist der Begriff der Künstlichen Intelligenz allgegenwärtig. Wofür »Intelligenz« hier eigentlich steht, wird wenig infrage gestellt. Intelligenz wird abgeleitet aus den geistigen Fähigkeiten der Menschen. Doch auch für die menschliche Intelligenz gibt es bis heute erstaunlicherweise keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition.

Bei der Messung von Intelligenz spielen Logikaufgaben eine große Rolle.

Bei der Messung von Intelligenz spielen Logikaufgaben eine große Rolle.

Foto: unsplash/Arturo Añez

Trotzdem sind wir es mittlerweile gewohnt, Intelligenz in einer zwei- bis dreistelligen Zahl auszudrücken, dem Intelligenzquotienten. Der Psychologe William Stern, Erfinder des Begriffs des Intelligenzquotienten, definierte Intelligenz im Jahr 1912 als »allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen; sie ist allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens.«

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich die wissenschaftliche Forschung für die Intelligenz zu interessieren. Seit jeher stand dabei die Mess- und Vergleichbarkeit intellektueller Fähigkeiten im Mittelpunkt. Einer der Vorväter der Intelligenzforschung war Francis Galton, ein Cousin Charles Darwins, der Intelligenz nicht nur unter dem Aspekt der Messbarkeit betrachtete, sondern sich gleichermaßen fragte, wie sie vererbt wird. Galton war Rassist, der an eine vererbte höhere Intelligenz weißer Menschen glaubte und prägte außerdem den Begriff der Eugenik. Galtons Ideen fließen daher von Anfang an als problematisches Erbe in die Intelligenzforschung ein und kommen darin bis heute zum Vorschein.

Bei der Messung von Intelligenz blieb Galton zunächst erfolglos. 1905 entwickelte der Psychologe Alfred Binet im Auftrag des französischen Bildungsministeriums einen Test für die geistige Entwicklung von Kindern mit dem Ziel, Kinder, die nicht vom normalen Unterricht profitieren würden, Sonderschulen zuzuordnen. Binet erfasste zunächst die durchschnittlichen geistigen Fähigkeiten etwa bei der Koordination von Bewegungen, Erkennen von Bildern oder Gedächtnisleistung einer bestimmten Altersgruppe, um dann die Testergebnisse einzelner Kinder damit abzugleichen.

Aufbauend auf diesem entwicklungspsychologischen Test erarbeitete Stern 1912 die Idee des Intelligenzquotienten, auch wenn Sterns ursprüngliche Berechnungsweise sich später nicht durchsetzen konnte. Heute gilt: Ein Intelligenzquotient (IQ) von 100 ist der Mittelwert einer repräsentativen altersgleichen Stichprobe, die alle den gleichen Test absolviert haben. 70 Prozent der Getesteten liegen (der Gaußschen Normalverteilung oder Glockenkurve folgend) im Normalbereich zwischen 85 und 115. Darunter oder darüber flacht die Kurve ab. Menschen mit einem IQ von 130 gelten als hochbegabt, mit einem IQ von unter 70 als geistig behindert.

Mess- und Vergleichbarkeit

Wer entweder in der Schule oder im beruflichen Kontext schon einmal einen Intelligenztest gemacht hat, weiß, dass mit diesem nur ein bestimmtes Spektrum von Fähigkeiten abgefragt wird: Mathematisch-logisches Denken, Mustererfassung, sprachliche Fähigkeiten sowie Aufmerksamkeit und Schnelligkeit. Wissenschaftliche IQ-Tests werden in Deutschland zwar nicht standardmäßig, aber in Zweifelsfällen in der Schulkarriere verwendet. So wird ermittelt, ob ein Kind einer besonderen Förderung bedarf – sei es aufgrund einer Lernbehinderung oder einer Hochbegabung. Interessant ist, wie die Autorin Gisela Schmalz in ihrem kürzlich erschienenen Buch »Fetisch Intelligenz« berichtet, dass sich bei Berliner Eltern Eignungstests für Hochbegabtenprogramme immer größerer Beliebtheit erfreuen. Ein Indiz dafür, wie hoch die Eigenschaft Intelligenz bewertet wird. Die passende und individuelle Förderung von Kindern nach ihren Fähigkeiten ist zwar gut gemeint, kann sich, wie Schmalz zu bedenken gibt, aber auch zum Stigma im negativen wie im positiven Sinne entwickeln. Erschwerend kommt bei der Beurteilung durch Intelligenztests hinzu, dass die meisten auf westlichen Werten und Denkmustern beruhen, mit denen vielleicht nicht alle Kinder gleichermaßen vertraut sind.

»Intelligenz ist das, was die Tests testen.«

Edward G. Boring Psychologe

Schon lange gibt es Kritik an einem Intelligenzbegriff, der sich nur an dem orientiert, was mess- und vergleichbar ist. Im Jahr 1923 formulierte der Psychologe Edwin G. Boring im ironischen Sinne: »Intelligenz ist das, was die Tests testen.« Nach dem Motto: Wir wissen nicht, was wir tun, Hauptsache es kommt eine Zahl dabei heraus. Statt einer auf eine Zahl reduzierbaren Intelligenz propagierte der Erziehungswissenschaftler Howard Gardner ab den 1980er Jahren die Idee einer »multiplen Intelligenz«, die unter anderem auch eine musikalische, eine körperliche und zwischenmenschliche Intelligenz umfasst. Der mit dem IQ ausgewiesenen Intelligenz wird mittlerweile auch gerne eine emotionale Intelligenz zur Seite gestellt, die das Vermögen beschreibt, eigene und fremde Emotionen zu erfassen, Emotionen auszudrücken, zu verstehen und zu bewältigen. Auch hierfür wurden Testverfahren entwickelt und auch Computer werden inzwischen auf das Erkennen menschlicher Emotionen trainiert.

Hochbegabte Computermodelle

Allerdings unterliegt der Begriff Intelligenz, wenn man Gisela Schmalz folgt, eher einer Verengung als einer Erweiterung. Das hat auch mit der mittlerweile allgegenwärtigen »Künstlichen Intelligenz« zu tun. Diese Bezeichnung ist zurückzuführen auf einen Begriff, den der Informatiker John McCarthy 1955 für einen Förderantrag an die Rockefeller Foundation erfand. Heutige künstliche Intelligenz erfüllt zumindest einen Teil dessen, was gängige Intelligenzdefinitionen umfassen, nämlich zu lernen und sich an neue Anforderungen anzupassen. Auch wenn hier weder Vernunft noch Verstehen am Werk sind, kann die KI zunehmend eigenständig und zielgerichtet Aufgaben lösen. Die Fähigkeiten der KI sind zudem hoch auf den Gebieten, die auch IQ-Tests abfragen.

Schmalz sieht hier die Gefahr einer weiteren Verengung des Intelligenzbegriffs auch in Bezug auf den Menschen. Mensch und Maschine begännen, in einen Wettbewerb miteinander zu treten, wer die höheren Intelligenzquotienten erzielt. Und tatsächlich hat sich der Forschungsbereich der AI-Metrics herausgebildet, der an der Mess- und Vergleichbarkeit der Künstlichen Intelligenzen arbeitet. Laut der Internetseite »AI IQ« verfügen aktuell vier KI-Modelle über einen IQ von über 130, haben also die Schwelle der Hochbegabung überschritten. Um ein sinnloses Konkurrieren um den höheren IQ oder die Unterordnung der Menschen unter die für schlauer befundene Maschine zu vermeiden, plädiert Schmalz für ein neues Intelligenzideal, »das aus dem Korsett von IQ und KI heraustritt«. Der Autorin schwebt hier eine Orientierung am Kant’schen Vernunftbegriff vor, als etwas, »was Menschen nach dem Warum fragen lässt«. Denken wäre damit mehr als die zielgerichtete Lösung von Problemen.

Intelligenz und Hegemonie

Allerdings werden andere ihre Deutung des Intelligenzbegriffs nicht kampflos aufgeben. Gerade in der (nach rechts abgedrifteten) Tech-Szene aus dem Silicon Valley wird gerne mit einem hohen IQ geprahlt. Dies wiederum mit Rekurs auf eine zweifelhafte Linie der Intelligenzforschung, die den Einfluss der Genetik auf den IQ gegenüber den Umwelteinflüssen überbewertet. Tatsächlich ist das genaue Zusammenspiel von Genen und Umwelt bei der Ausprägung von Intelligenz nicht geklärt. Schmalz berichtet, dass die meisten Wissenschaftler*innen die Gewichtung bei etwa 50:50 sehen. Dass die US-amerikanischen durchschnittlichen IQ-Werte zwischen 1932 und 1984 um 13,8 Punkte gestiegen sind, dürfte aber maßgeblich auf eine Verbesserung der Umweltfaktoren zurückzuführen sein: Bessere Ernährung und Schulbildung, Bekämpfung von Infektionskrankheiten und die Reduktion von Blei im Benzin könnten sich positiv auf die kognitiven Fähigkeiten aller ausgewirkt haben.

Die Überbetonung der Erblichkeit von Intelligenz mündet vielfach in der Falschbehauptung, benachteiligte ethnische oder soziale Gruppen seien weniger intelligent als andere – zum Beispiel in dem 1995 erschienenen Buch »The Bell Curve« von Charles Murray und Richard Herrnstein. Die Autoren vertreten darin die rassistische These einer niedrigeren Intelligenz Schwarzer Amerikaner im Vergleich zu weißen. Die sozioökonomische Klassenzugehörigkeit wird ebenso über (vererbte) Intelligenz erklärt. Aus der postulierten genetischen Bedingtheit der Ungleichheit werden wiederum politische Forderungen abgeleitet, etwa die Sozialhilfe zu reduzieren, damit die laut Autoren weniger intelligenten Armen entmutigt werden, Kinder zu bekommen. Damit rücken sie in die Nähe von Francis Galtons Eugenik, der als positiv bewertete menschliche Eigenschaften durch »Zucht« weiter fördern wollte. Und wenn es darum geht, Menschen in ihrem Elend zu belassen, damit sie sich nicht fortpflanzen, wird sogleich deutlich, dass die Eugenik ohne eine menschenverachtende Logik nicht auskommt, die bei den Nationalsozialisten in Deutschland in systematischen Massenmorden gipfelte. Doch zuvor schon waren in verschiedenen US-Bundesstaaten mit eugenischen Argumenten Sterilisationsgesetze verabschiedet worden.

Wenn nun in der heutigen Tech-Szene der Künstlichen wie auch der menschlichen Intelligenz gehuldigt wird, schwingt dieses dunkle Erbe der Intelligenzforschung mit. Aber auch innerhalb der Psychologie beziehen sich Wissenschaftler*innen weiterhin positiv auf »The Bell Curve«. Rechte und rassistische Akteur*innen versuchen, gleichgesinnte Wissenschaftler*innen zu fördern und deren Publikationen möglichst weit (im Netz) zu verbreiten, auch damit dieses »Wissen« wieder ins maschinelle Lernen von KI-Modellen einfließt.

Der biologische Determinismus sowie daraus abgeleiteter Rassismus und Klassismus sind Werkzeuge, um die gesellschaftliche Ungleichheit zu zementieren. Verwunderlich ist es daher nicht, dass Tech-Milliardäre davon träumen, ihren Nachkommen künftig durch gentechnische Optimierung von Intelligenz einen Vorteil zu verschaffen und so den Abstand zu weniger privilegierten Bevölkerungsgruppen weiter zu vergrößern.

Wenn es darum geht, ein neues, humanes Intelligenzideal zu prägen, muss man es daher mit Akteuren aufnehmen, die zwar wenig wissenschaftliches Renommee, aber dafür jede Menge Macht und Geld in die Waagschale werfen können.

Gisela Schmalz: Fetisch Intelligenz. Berlin-Verlag, 288 S., geb., 24 €.

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