Während es auf dem Land langsam auszusterben scheint, erlebt das Gasthaus in Berlin seine Renaissance. Das Luzii zeigt, wie deutsche Küche heute geht.
Ein Tisch aus massivem Holz, Dielen, Wandbänke. Im Idealfall ein Kachelofen. Und Wirte, die ihren Gästen für ein paar Stunden eine Heimat geben. Das beschreibt für mich die Seele des deutschen Gasthauses. Ein Ort, an dem es ums gesellige Zusammensein geht und die verrückte Welt draußen bleibt.
Nur leider ist dieser Lokaltypus aus vorindustrieller Zeit selten geworden. Vor allem auf dem Land schließt seit Jahren ein Traditionsbetrieb nach dem anderen. Pizza, Döner, Sushi und Burger haben die deutsche Wirtshausküche vielerorts verdrängt. Oder ehrlicher gesagt: die Grundversorgung übernommen. Denn häufig sind es zugezogene Familien, die sich den gastronomischen Knochenjob in den Dörfern überhaupt noch antun.
Eine Liebeserklärung an die deutsche KücheZum Glück leben wir in Berlin. Hier passiert bisweilen das Gegenteil. Hier eröffnet ein Gasthaus. Natürlich nicht als nostalgische Kopie, sondern als zeitgemäße Interpretation. Das Trio machte es vor, das Luna D'Oro folgte, dann das Norms. Und seit einigen Monaten gehört noch ein weiterer Ort dazu: das Luzii in der Rosa-Luxemburg-Straße.
Keine Ahnung, vielleicht haben die Macher – eine Betreibergesellschaft namens The Lodge, die auch mit dem Hotel Weinmeister und dem Lux11 verbandelt ist – einfach das Trio beobachtet, das mittags wie abends brechend voll ist, und sich gedacht: Das können wir auch. Frei nach dem gastronomischen Grundsatz: Wenn du einen gut laufenden Laden siehst, dann mach gleich daneben eine Kopie auf.
Gleich daneben meint in diesem Fall eine Luftlinie von vielleicht zweihundert Metern. Auch ist das Luzii keine billige Kopie des Trio. Gemeinsam haben beide, dass sich die Speisekarte wie eine Liebeserklärung an die deutsche Küche liest: Cordon bleu, Leipziger Allerlei, feine und grobe Bratwurst oder Falscher Hase im Blätterteig. Gerichte, die wir aus der Kindheit kennen, hier aber mit handwerklichem Anspruch neu gedacht werden, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Ich gehe an einem Donnerstagabend hin. Ein weiterer heißer Sommertag, an dem sämtliche Tische draußen besetzt sind. Dabei wäre die blau gestrichene, holzvertäfelte Gasthausatmosphäre drinnen eigentlich von Gemütlichkeit und Temperatur vorzuziehen. Ich setze mich an den Tresen, direkt an der geöffneten Fensterfront. Halb drinnen, halb draußen. Mit Blick auf die Regale voller eingeweckter Gläser aus eigener Herstellung. Dahinter – nur durch eine Glasscheibe getrennt – liegt die offene Küche. Der beste Beobachtungsposten.
Plattenbau im Restaurant: Auch die üppige Vorspeisenplatte im Luzii kann sich sehen lassen.
© ISABEL HERZOG
Während ich auf mein Bier warte, muss ich an einen Kollegen aus der Jury der Meisterköche denken: Erwin Seitz. Metzgersohn, gelernter Koch und Kulturhistoriker. Er hat ein wunderbares Buch über das deutsche Gasthaus geschrieben. Mir war zum Beispiel gar nicht klar, dass dessen Wurzeln bis in die Klöster des frühen Mittelalters reichen. Mönche waren verpflichtet, Kaiser, Könige und ihr Gefolge zu beherbergen und zu bewirten. Wer Herrscher empfing, durfte kein schlechter Gastgeber sein.
Also entwickelten sich Küche und Service auf erstaunlich hohem Niveau. Später vergaben Könige und Fürsten diese Rechte an Bürger – und die gewerbliche Gastronomie war geboren. An Marktplätzen und neben Kirchen entstanden Gasthäuser für Händler und Pilger. Service als Standortpolitik, könnte man sagen.
Stephanie Steinkopf
Groß geworden ist Tina Hüttl in Bayern und mit den perfekten Dampfnudeln ihrer Oma. Essen ist schon immer ihr Lebensthema gewesen. Die Familie diskutierte beim Frühstück bereits das Mittagessen. Seit 2010 erkundet sie als Gastrokritikerin für ihre Kolumne in der Berliner Zeitung das kulinarische Berlin, seit 2018 ist sie Mitglied in der Jury „Berliner Meisterköche“. Neben ihrer Gastrokritik ist sie auch als Autorin, Radioreporterin, Podcasterin und Trainerin an Journalistenschulen aktiv.
Die Leitung im Service hat hier Teresa Claessens inne, eine junge Frau mit einnehmendem Lächeln. Denn jedes Gasthaus braucht ein Herz. Ebenso aufmerksam, ebenso herzlich – und das nie aufgesetzt – arbeitet ihr Team. Hinter der Bar zapft mir ein Belgier zunächst ein eiskaltes Berg-Pils, später mixt er noch einen Luzii Spritz – einen hausgemachten zitronigen Aperitif mit Cava und Soda. Viel unkomplizierter kann Gastlichkeit kaum beginnen.
Die Karte ist schnell durchgeblättert. Drei Seiten. Verantwortlich dafür ist Finn Stark. Der heute 30-jährige Küchenchef bildete sich unter anderem bei Tim Raue, auf Sylt bei Johannes King und später im Berliner Le Faubourg weiter. Das merkt man. Statt komplizierter Inszenierungen setzt er auf Geschmack, Klarheit und handwerkliche Sorgfalt.
Im Luzii liest sich die Speisekarte wie eine Liebeserklärung an die deutsche Küche - mit Klassikern wie dem Falschen Hasen.
© ISABEL HERZOG
Schon mein Kohlrabisalat für fünf Euro zeigt, wohin die Reise geht. Dünn gehobelter Kohlrabi, wunderbar nussig im Eigengeschmack, dazu klare, knackig-saure Aromen durch eine präzise Vinaigrette. Senfsaat sorgt für Würze, etwas Chiliöl zieht alles leicht ins Scharfe. Mehr braucht dieses Gericht nicht. Dazu kommen dicke Scheiben Domberger Sauerteigbrot mit aufgeschlagener Butter. Genau die Art Brot, mit der man hinterher auch noch den letzten Rest Soße vom Teller wischt.
Außerdem hatte ich mir noch Tafelspitz mit Remoulade gewünscht. Serviert wird es in einer Glasschale, wie sie meine Oma hatte. Passend dazu frage ich mich: Was macht ein gutes Gasthaus eigentlich aus? Mein geschätzter Kollege Erwin Seitz bringt es besser auf den Punkt, als ich es könnte: „Überlegte Einfachheit“, schreibt er in seinem Buch. Also der schonende Umgang mit Ressourcen, keine Exotik um ihrer selbst willen, gute Produkte aus der regionalen Kreislaufwirtschaft.
Finn Stark verarbeitet fürs Tafelspitz Freilandrinder vom Gut Kerkow. Das Fleisch ist wie Roastbeef gegart und wunderbar rosig. Während ich das Brot noch in die hausgerührte Remoulade stippe und die Senfsaat beim Kauen aufplatzt, denke ich: Ja, genau so schmeckt das hier. Nach überlegter Einfachheit.
Besonders deutlich wird das beim Leipziger Allerlei. Ein Gericht, das heute meist als traurige Tiefkühl-Gemüsebeilage missverstanden wird. Nicht so hier. Denn ursprünglich war es ein aufwendiges Hauptgericht, entstanden im 18. Jahrhundert als feines Festessen: Junger Kohlrabi, grüner Spargel, frische Erbsen und Blumenkohl treffen am Teller auf umamireiche, karamellisierte Morcheln und fermentierte Karotten. Kartoffelpüree und ein feiner Butterschaum verbinden alles miteinander.
Wieder schmeckt man das Konzept der Küche heraus: Regionalität wird hier nicht behauptet, sondern wie beim Gemüse zum Teil im eigenen Brandenburger Garten angebaut, oder bei lokalen Produzenten eingekauft. Nur die in Salzlake gereiften Karotten kratzen bei der Salzigkeit an der Grenze dessen, was ich noch als angenehm empfinde.
Zitronensaft aus der Taube: Auch das Cordon Bleu wird im Luzii mit handwerklichem Anspruch neu gedacht.
© ISABEL HERZOG
Von toller Qualität ist auch meine ganze Forelle mit Bärlauchsoße. Die Saison des Bärlauchs ist zwar längst vorbei, entsprechend spielt dieses Knoblauchgewächs hier keine Hauptrolle mehr. Die Soße erinnert eher an eine Spinatsoße mit einem Hauch Frankfurter Grüner Kräuter. Das stört überhaupt nicht. Denn der Star ist die Forelle selbst. Auf der Haut wunderbar kross gebraten, darunter saftig, zart und mit genau dieser feinen Süße, die eine gute Forelle haben sollte.
Historisch ist die Geschichte des Gasthauses übrigens immer auch eine der Konkurrenz: Erst kamen Kaffeehäuser, später Restaurants, die sich glamouröser gaben. Dann die Globalisierung mit Convenience- und Imbiss-Food, heute sind es gehypte Mono-Produkt-Läden mit Dubai-Schoko, Pumpkin Spiced Lattes und ähnlichem.
Doch während viele Restaurants internationalen Trends hinterherlaufen, konzentriert sich dieses Gasthaus auf Vertrautes, das gleichzeitig überrascht. Keine überflüssigen Handgriffe, keine Effekte, sondern gutes Handwerk und gute Produkte zu sehr zivilen Preisen. Oder, um Erwin Seitz ein letztes Mal zu zitieren: Hier überzeugt „überlegte Einfachheit“.
Luzii Sharing Menü 49 Euro, kalte Gerichte 5–9,90 Euro, warme Gerichte 9,90–32,90 Euro, Beilagen 5–8,90 Euro, Dessert 6,90–9,90 Euro
Luzii (im Lux Eleven). Rosa-Luxemburg-Straße 9–13, 10178 Berlin, Di–Sa 18–0 Uhr. Weitere Informationen unter www.luzii.berlin
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