Nachrichtenbilder und ihre Geschichten im Wandel der Zeit und die Entwicklung des Fotojournalismus erzählt im Fotobuch 40 Years of Reuters Photojournalism
Ikonische Aufnahmen: Eine Demonstrantin im September 2019 in Hongkong (oben) und Menschmassen vor der Zentrale der Rumänischen Kommunistischen Partei in Bukarest im Dezember 1989 (unten).Tyrone Siu, Radu Sigheti/Reuters
IInmitten gewaltsamer Ausschreitungen in der Innenstadt von Hongkong wird eine Frau zu Boden gedrückt. Sie liegt auf dem Asphalt, streckt ihren Kopf neben einem Polizeischild hervor und schreit ihren Namen. Freunde von ihr sollen einen Anwalt zu Hilfe rufen. Der Fotograf Tyrone Siu hat den Moment festgehalten. „Die Emotionen, die sich in ihrem Gesicht zeigten, waren so stark und ergreifend, dass sie einen bleibenden Eindruck hinterließen“, sagt er.
Über Monate hinweg begleitete er die Massenproteste in der nach Autonomie strebenden Metropole vor Chinas Südküste. Er erlebte, wie sich seine Universität, an der er selbst studierte, in ein Schlachtfeld verwandelte. „Gleichzeitig musste ich Ruhe bewahren inmitten der angespannten Atmosphäre, um meiner Verpflichtung als Fotojournalist nachzugehen.“
Täglich gibt es Nachrichten vom großen Ringen um Krieg und Frieden bis hin zu persönlichen Geschichten von Glück und Leid, selbst aus den entlegensten Weltregionen. Das ist der akribischen und aufopfernden Arbeit von Fotojournalisten zu verdanken und dem dichten Netzwerk aus Redakteuren und Mitarbeitern dahinter.
Gerade die großen Nachrichtenagenturen besitzen die nötigen Ressourcen, um täglich Nachrichtenfotos zu liefern. Doch auch deren Arbeit steht zunehmend unter Druck durch den Überfluss an oftmals schwer verifizierbaren privaten Amateuraufnahmen in sozialen Medien oder gezielt gestreuten Fake News mit Bildmaterial, das durch Künstliche Intelligenz generiert wurde. Dieser ungleiche Wettbewerb verleiht authentischen Fotografien und journalistischer Berichterstattung eine umso wichtigere Bedeutung.
Dass echte Fotos, deren Entstehung und die Fotografen hinter den Kameras unersetzbar sind, vermittelt ein Fotobuch der Agentur Reuters anschaulich. Der Bildband „In the Moment: 40 Years of Reuters Photojournalism“ zeigt fotografische Höhepunkte der vergangenen vierzig Jahre, um bedeutende Aufnahmen von Reuters-Fotografen und ihren Einfluss auf die Berichterstattung zu würdigen. Darin spiegelt sich, wie sich Fotografie und Gesellschaft stetig verändert haben.
Während sich die Welt in den Achtzigerjahren auf ein Ende des Kalten Krieges zubewegte und die globalen Finanzmärkte anfingen zu boomen, befand sich der visuelle Journalismus schon einmal im Wandel. Die Agentur Reuters eröffnete dezentral Redaktionen und stellte Bildredakteure und Fotojournalisten ein, um in möglichst vielen Ländern präsent zu sein.
Vor den Augen von US-Präsident Bill Clinton besiegeln der israelische Premierminister Yitzhak Rabin und der palästinensische PLO-Chef Yassir Arafat im September 1993 vor dem Weißen Haus den sogenannten Osloer Friedensprozess.Rick Wilking/Reuters
US-Basketballer Dennis Rodman und Michael Jordan feiern im Juni 1998 den Titelgewinn in der amerikanischen Basketballmeisterschaft.Mike Blake/Reuters
Zinédine Zidane bejubelt mit seinen französischen Teamkollegen Christian Karembeu und Emmanuel Petit im Juli 1998 sein Tor gegen Brasilien.Paulo Whitaker/Reuters
Tibetische Hirten spielen im August 1999 vor ihren Herden Billard.Natalie Behring/Reuters
Die Technologie war im Vergleich zu heute rudimentär. Fotografen belichteten meist auf Schwarz-Weiß-Filmen. Die Negative wurden in mobilen Dunkelkammern entwickelt, die oft hastig in Bädern von Hotelzimmern oder auf Stadiontoiletten aufgebaut wurden. Das Licht wurde mit Mülltüten und Gaffer-Tape ferngehalten, Chemikalien erwärmt und der Film in der Spüle gewaschen.
Anschließend wurden die Fotoabzüge analog über einen sogenannten Trommel-Transmitter verschickt, der mit einem Telefonhörer verbunden war. Das Senden eines einzigen Fotos konnte bis zu acht Minuten dauern und jedes Knistern in der Leitung die Bildqualität beschädigen, sodass die Abzüge oft mehrmals geschickt werden mussten. Immerhin 50 Bilder pro Tag konnten so gesendet werden. Farbfotos brauchten dreimal so lang und waren daher selten.
Besonders Sportveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder Fußballweltmeisterschaften boten Gelegenheiten für Feldversuche und bahnten auch durch den immer größer werdenden Konkurrenzdruck maßgeblich den Weg für technische Innovationen bis hin zur Etablierung der Digitalfotografie, wodurch sich der Fotojournalismus rasant weiterentwickelte. So schildert es Kevin Coombs, Bildproduktionsleiter bei der Agentur Reuters und langjähriger Fotojournalist.
Inzwischen werden die meisten Fotos in Sekunden direkt aus der Kamera per Wi-Fi an die Redaktionen geschickt, die diese wiederum oftmals nicht weniger schnell bearbeiten, beschriften und die finalen Bilddaten auf die Kundenserver übertragen. In vier Jahrzehnten publizierte die Agentur mehr als vierzehn Millionen Nachrichtenfotos. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als eineinhalb Millionen Bilder aus 150 Ländern von 567 Fotografen veröffentlicht, wobei ein Drittel der Fotoaufträge inzwischen von weiblichen Fotografinnen ausgeführt wird.
Kronprinz Charles begleitet mit seinen Söhnen William und Harry im September 1997 den Trauerzug von Prinzessin Diana in London.Ian Waldie, Chris Helgren/Reuters
48 Archivschränke füllten allein die Negative aus den Anfangsjahren, die Bildproduktionsleiter Kevin Coombs nach der Schließung des Standorts in Minnesota weiter nach London schicken ließ, um sie stückweise sichten zu können. Eine Testdigitalisierung der ersten zehntausend Bilder, die unter anderem Aufnahmen von Ereignissen wie den Live-Aid-Benefizkonzerten, der Stadion-Katastrophe von Heysel oder dem Geiseldrama des TWA-Flugs 847 in Beirut zeigten, stieß intern auf so großes Interesse, dass daraus die Idee für ein Buch entstand.
Der Bildband solle aber kein Geschichtsbuch sein, betont Coombs. Sondern eine Auswahl an Motiven, die zeigen, was die Fotografen tatsächlich tun und welche weniger bekannten Geschichten hinter ikonischen Aufnahmen stecken. Die Redakteurin des Fotobuchs Alexia Singh hat es laut Coombs für die beteiligten Fotografen so zusammengefasst: Sie bat um Geschichten, die sie ihren Freunden in der Kneipe erzählen, wenn sie gefragt werden, was sie eigentlich beruflich tun.
Für Coombs persönlich wird die Trauerfeier von Prinzessin Diana immer in Erinnerung bleiben, wie er berichtet. Damals richtete sich die Wut vieler Trauernder auch gegen Fotografen, denen pauschal die Schuld am tödlichen Autounfall von Lady Di gegeben wurde. Daher standen sie unter besonderer Beobachtung der aufgebrachten Öffentlichkeit.
Um den Trauerzug nicht zu stören, mussten die Fotografen ihre Handys ausschalten. Denn damals gab es weder Headsets noch einen Lautlosmodus auf Mobiltelefonen. Coombs nutzte ein Netzwerk aus Funkgeräten mit Kopfhörern, um den Fotografen das Wichtigste zuflüstern zu können – zum Beispiel ein langes Objektiv auf Dianas Sarg zu richten. Darauf lag eine Trauerkarte ihrer Söhne William und Harry. Das Foto davon ging um die Welt.
„Große Ereignisse können jeden Augenblick passieren, und als Nachrichtenfotograf zahlt es sich immer aus, seine Ausrüstung griffbereit zu haben, um Geschichte festzuhalten.“
Fotograf Jason Reed
Nordlichter strahlen eine Aschewolke des Eyjafjallajökull im April 2010 in Island an.Lucas Jackson/Reuters
Palästinensische Jugendliche üben im September 2012 in Khan Yunis Parkour.Mohammed Salem/Reuters
Jesidische Flüchtlinge im August 2014 auf dem Weg zur irakisch-syrischen Grenze.Rodi Said/Reuters
Es ist die Arbeit der Fotografen und die Wirkung ihrer Bilder, die im Mittelpunkt des Fotobuchs stehen sollen. Frühere Generationen von Fotografen beobachteten dabei eher von außen. Coombs beschreibt, wie sie arbeiteten: „Wir tauchten auf, machten unsere Bilder, sendeten sie, und dann waren wir wieder weg.“ Heute sei das anders; Fotografen seien viel tiefgründiger mit den Geschichten befasst.
Man sei viel näher am Individuum dran und in die Umgebung eingebettet. Wie wichtig ausgeprägte Ortskenntnisse und ein Verständnis für das Geschehen sind, zeigt die Pandemiefotografie. Fotojournalistin Hannah McKay dokumentierte den Klinikalltag im Norden Englands.
Frühchen Theo auf einer Intensivstation in Burnley im Mai 2020.Hannah McKay/Reuters
Triathlet Lloyd Bebbington trainiert im April 2020 in seinem Pool in Newcastle.Carl Recine/Reuters
Massenverbrennung von Corona-Toten im April 2021 in Neu-Delhi.Danish Siddiqui/Reuters
Bianca lackiert ihrem Vater im Merz 2020 in San Fiorano die Fußnägel.Marzio Toniolo/Reuters
Meistens war sie damit beschäftigt, unter permanenter Beobachtung des medizinischen Fachpersonals ihre Schutzkleidung zu wechseln. „Ich muss 20 Masken im Laufe des Tages getragen haben“, sagt McKay. Für die Nacht wurde ihr angeboten, auf einem Krankenhausparkplatz in einem Reisemobil zu übernachten, wo sich Ärzte und Pfleger isolierten.
Angekommen auf einer Geburtsstation fotografierte sie einen frühgeborenen Säugling, wie er Hände und Füße von sich streckte, als die Hebamme ihn hochhob und zu einem Inkubator trug. Seine Mutter kontaktierte McKay und erzählte, dass ihre Verwandten, die sie aufgrund der Pandemie nicht besuchen konnten, dank McKays Foto selbst sehen konnten, wie klein ihr Neugeborenes war.
Rauch leuchtet auf, als eine Menschenmenge versucht, das US-Capitol im Januar 2021 zu stürmen.Leah Millis/Reuters
Dieses Selbstverständnis, das den Fokus auf das Individuum legt, spiegelt auch die Bildauswahl des Fotobuchs wider. Massenproteste, Flüchtlingskrisen oder die Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen sind häufige Motive. Wer eine Ausrichtung vor allem auf prägende Ereignisse der Zeitgeschichte erwartet wie den Fall der Berliner Mauer, die Terroranschläge vom 11. September oder Russlands Invasion der Ukraine, wird überrascht sein.
Aber darin liegt auch die Kraft der Agenturberichterstattung, die weniger gewohnte Einblicke außerhalb des westlich geprägten Weltbildes gewährt, insbesondere über personalisierte Motive, die stärker emotionalisieren. Dementsprechend ist der Habitus der meisten Protagonisten ausdrucksstark, aber auch meist ernst. So kniet etwa vor den Augen des Fotografen Danish Siddiqui eine aus Myanmar geflohene Rohingya erschöpft nieder, nachdem sie mit einem Boot die Küste Bangladeschs erreicht hat, und berührt mit ihrer Hand den nassen Sand.
Denn auch wenn es unter Nachrichtenkonsumenten und Medienschaffenden ein Bedürfnis nach sogenannten guten Nachrichten und weichen Bildern gibt, bleibe es schlicht die Aufgabe von Agenturen zu zeigen, was auf der Welt passiert. „Das ist unsere Rolle“, sagt Kevin Coombs.
Das Fotobuch „40 Years of Reuters Photojournalism“ ist beim Verlag Thames & Hudson erhältlich.
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