Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe nimmt immer weiter zu. Ein Arzt, ein Pfleger und ein Wachmann schildern, was sie täglich erleben.
Er ist noch nie im Einsatz verletzt worden, immerhin. Aber brenzlig wird es immer mal wieder. Der Mann ist Anästhesist und arbeitet als Notarzt im Berliner Rettungsdienst. „Es kommt vor, dass man von bestimmten Personengruppen körperlich bedrängt wird“, sagt der Mediziner, der im Gespräch mit der Berliner Zeitung anonym bleiben möchte. „Das können Betrunkene sein, die einen umringen, oder unter Drogeneinfluss stehende junge Männer, auch Jugendliche.“ Die würden meist in der Gruppe auftreten und sich gegenseitig hochschaukeln.
Der Alltag für Sanitäter der Feuerwehr, für Notärzte und Pfleger in den Rettungsstellen wird seit einigen Jahren immer härter. Etwa, wenn es auf offener Straße wieder eine Auseinandersetzung unter mehreren Gruppen gab – nicht selten unter arabischstämmigen Männern. Dann müssen vor Ort die Schwerverletzten versorgt werden. Oft sind es Stichwunden und in letzter Zeit immer mehr Schusswunden.
Beim Versorgen eines Opfers werden die Helfer nicht selten von Freunden und Angehörigen des Verletzten umringt. „Häufig ist es dann so, dass sie uns vorschreiben wollen, was wir mit einem Patienten machen sollen beziehungsweise was wir nicht machen sollen“, sagt der Arzt. Sei der Patient erst im Rettungswagen, beruhige sich die Lage meist. Solche Situationen sind nach seinen Worten nicht die Regel, sie häufen sich aber. „Jedenfalls gefühlt.“
Zahl der Polizeieinsätze auf HöchststandSo aggressiv wie auf der Straße geht es auch in den Rettungsstellen zu. Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe in Krankenhäusern steigt von Jahr zu Jahr. Das ergab eine bundesweite Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). 66 Prozent der Krankenhäuser gaben an, dass die Zahl der Übergriffe in ihren Häusern deutlich (42 Prozent) oder mäßig (24 Prozent) gestiegen sei. Betroffen ist überwiegend die Notaufnahme. 95 Prozent der Krankenhäuser haben dort Übergriffe registriert.
Die Zahl der Einsätze in und an Kliniken stieg laut der Berliner Innenverwaltung in den vergangenen fünf Jahren um etwa 40 Prozent auf den aktuellen Höchststand von mehr als 14.000 Einsätzen pro Jahr. In mehr als der Hälfte dieser Fälle handelte es sich um handgreifliche Körperverletzungen wie Schlagen, Treten oder Stoßen, gefolgt von massiven verbalen Bedrohungen und Nötigungen.
Auf der Plattform X machte sich vor einigen Tagen ein Notfallpfleger einer Rettungsstelle über das Verhalten von Mitgliedern arabischer Clans Luft: „Für Notaufnahmen bedeutet eine Clan-Schießerei in Berlin übrigens immer das Gleiche. Entweder, zwei Cousins schleifen ihren Angeschossenen in die Rettungsstelle, brüllen erstmal die halbe Belegschaft zusammen und innerhalb fünf Minuten besetzen an die hundert Clan-Mitglieder die Notaufnahme“, schreibt der Pfleger.
Und weiter: „Die Polizei riegelt mit 20 Fahrzeugen das gesamte Gelände weiträumig ab und es können stundenlang keine anderen Patienten aufs Gelände, weil dieses vom Gegner-Clan abgeschirmt werden muss. Pflegekräfte nehmen ihre Namensschilder ab, weil diesen vor der Klinik aufgelauert wird“, schreibt der Mitarbeiter, der laut Selbstauskunft in einer „Brennpunkt-Notaufnahme“ in Berlin arbeitet.
Diese Vorfälle haben sich nach seiner Erfahrung seit fünf Jahren mehr als vervierfacht. Von der Politik gebe es keine große Hilfe, schildert der aus Bayern stammende Mann, der nach eigenem Bekunden Anhänger der CSU ist.
Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagt der Pfleger, der sich Felix Wolf nennt, es werde schnell klar, ob man es mit einem Clan zu tun habe. „Sie treten gleich auf; sie kommen mit allen. Und wenn jemand mal allein kommt, dann werden schnell Familienmitglieder dazugeholt.“ Entsprechend dem Sicherheitskonzept werde dann der Sicherheitsdienst dazugeholt. Der alarmiere die Polizei. „Und wenn die den Namen des Störers hören, dann wissen die schon Bescheid.“
Nach Schilderung des Mitarbeiters werden die Frauen an der Anmeldung angegangen, wenn es nicht schnell genug geht und wenn ein Deutscher vor ihnen dran ist. „Mit Mädels redet man anders als mit einem 120-Kilo-Typen“, sagt er. Felix Wolf verweist auf das Triage-System, das es in allen Kliniken gibt – dass schwere Fälle vorrangig drankommen. Das werde im Wartezimmer versucht, auch in arabischer Schrift und mit Bildern darzustellen. „Doch das wird oft nicht gelesen“, sagt er. „Die erste Frage ist nach dem Wlan-Passwort und einer Steckdose fürs Handy.“
Was ihn allerdings auch aufregt, sind die Kommentare unter seinem X-Beitrag. Die Leute würden daraus ableiten, dass man die AfD wählen müsse, damit sich etwas ändert, sagt Felix Wolf. Die habe aber keine Expertise im Bereich Notfall- und Krisenmedizin und Strafverfolgung. „Während Corona haben solche Leute vor den Kliniken demonstriert und Pflegekräfte abgefangen und sich nach vermeintlichen Denunzianten erkundigt. Wir wurden vor allem von AfD-Politikern und denen Nahestehenden unverhältnismäßig hart angegangen: Wir würden überhaupt keine Patienten, sondern Puppen pflegen. Oder: Wir seien Systemlinge. Deswegen ist es abstrus, wenn AfDler sich jetzt auf einmal zur Pflege bekennen.“
Immer wieder kommt es zum Beispiel am Urban-Krankenhaus zu Auseinandersetzungen mit Clans.
© Morris Pudwell
Um die zunehmenden Konflikte in den Notaufnahmen zu reduzieren, müsste nach Ansicht des Pflegers ein ganzer Katalog von Maßnahmen abgearbeitet werden. Das fange an bei der baulichen Gestaltung der Rettungsstellen, die teilweise noch aus den 60er-Jahren stamme, und gehe weiter bis zum Mangel an Hausärzten, weshalb für viele die erste Anlaufstelle die Notaufnahme sei. „Und die Leute gehen wegen jeder Lappalie zum Doktor und kommen dann in die Notaufnahme“, sagt Felix Wolf.
Fehlenden Respekt nennt auch der Notarzt im Rettungsdienst im Gespräch mit der Berliner Zeitung als Grund für den Anstieg der Gewaltzahlen. „Und es gibt da ein bestimmtes Anspruchsdenken“, sagt der Arzt. „Nach dem Motto: Wir sind jetzt hier, jetzt hat gefälligst etwas zu passieren. Es fehlt jegliche Einsicht, dass es in einer Rettungsstelle nicht wie beim Hausarzt zugeht, sondern dass eine Triage entscheidet, wer wann an die Reihe kommt, also die Schwere der Verletzung oder Erkrankung.“
Ein Polizeiwagen steht vor der Rettungsstelle des Urban-Krankenhauses.
© Paul Zinken/dpa
Die Aussagen des Mediziners werden von den Umfragezahlen der Krankenhausgesellschaft belegt. Neben krankheitsbedingten Ursachen nennen 71 Prozent der Krankenhäuser allgemeinen Respektverlust als Hauptgrund für die Übergriffe, 41 Prozent die langen Wartezeiten in der Notaufnahme. 51 Prozent der gewalttätigen Übergriffe auf Krankenhauspersonal treffen Pflegekräfte, 21 Prozent Ärzte und sechs Prozent Beschäftigte in anderen Bereichen.
Oberarzt erschossen, Personal zusammengeschlagenVor zehn Jahren war das alles noch kein großes Thema. Doch im Juli 2016 erschoss im Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité in Steglitz ein Patient einen Oberarzt und tötete sich anschließend selbst. Ab da rückte die Sicherheit in den Krankenhäusern in den öffentlichen Fokus.
Einen weiteren Schub bekam die Diskussion nach der Silvesternacht 2023/24. Damals veröffentlichte die Berliner Zeitung als erstes Medium ein Überwachungsvideo einer Kamera im Sana-Klinikum in Lichtenberg. Es zeigt, wie drei Männer auf das Personal einprügelten, weil sie warten mussten. Der Vorfall, der durch den Bericht dieser Zeitung öffentlich wurde, löste eine breite Debatte über Gewalt gegen Rettungskräfte aus.
77 Prozent der Kliniken schulen jetzt laut Krankenhausgesellschaft ihre Beschäftigten in Deeskalation. Darüber hinaus verfügen zwei Drittel der Kliniken über eine Alarmierungskette. Mehr als ein Drittel der Gebäude wurde nach Angaben der DKG baulich der Gewaltprävention angepasst.
Seit dem Silvester-Vorfall haben das Sana-Klinikum und viele weitere Krankenhäuser Wachschützer engagiert. „Aber es sind überall zu wenig“, sagt einer der Wachmänner, der seit vielen Jahren im Beruf ist. „Die Kliniken können sich finanziell nicht mehr Wachschutz leisten.“ Oft stehe nur eine Sicherheitskraft da, die versucht, für Ordnung zu sorgen, sagt er. „Aber eigentlich braucht man zwei: einen, der als Ansprechpartner da ist, und einen, der einschreitet, wenn was ist.“
Auch seine Leute seien schon angegriffen und bespuckt worden, sagt der Wachschutz-Experte. Vor allem die Klientel aus dem arabischen Clan-Milieu raste leicht aus, wenn ein Patient mit einem offenen Bruch zuerst behandelt werde. „Körperliche Angriffe gibt es auch von Betrunkenen oder psychisch Kranken.“ Und er fügt hinzu: „Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man uns mal in Kliniken braucht.“
Nur 43 Prozent der Krankenhäuser wenden sich nach gewalttätigen Übergriffen an die Polizei. „Auffällig bleibt das Phänomen, dass Übergriffe nur selten zu Strafanzeigen führen“, sagt Henriette Neumeyer, die stellvertretende DKG-Vorsitzende. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhäuser nehmen Übergriffe mittlerweile als Teil ihrer Arbeit wahr. Hinzu kommt die Erfahrung, dass Strafanzeigen viel zu oft in eingestellten Verfahren enden oder die Taten anderweitig konsequenzlos bleiben“, sagt Neumeyer. „Für die Betroffenen, die im Krankenhaus ohnehin schon unter ausufernder Bürokratie leiden, bleibt oft die Erkenntnis, dass eine Strafanzeige mit ihren Zeugenvernehmungen und Formularen zwar sehr zeitaufwendig ist, am Ende aber die Situation nicht verändert.“
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