Wenn Frauen für Frauen designen, entsteht alltagstaugliche Mode. Miuccia Prada versteht die Eleganz des Ungebügelten und schafft nebenbei das Bügeleisen ab.
Das perfekte Outfit steht, aber es müsste noch gebügelt werden. Der Blick auf die Uhr verrät: Dafür ist keine Zeit mehr, die Bahn fährt in zehn Minuten. Was also tun? Umziehen oder mit ungebügelter Kleidung aus dem Haus? Alle kennen das.
Rettung kommt nun aus oberster Mode-Regentschaft, von Designerin Miuccia Prada: Ungebügelte Kleidung ist fortan kein Versäumnis mehr, sondern ein Stil-Statement. Danke, Miuccia.
Lange Zeit verriet ein ungebügeltes Hemd vieles über seine Trägerin oder seinen Träger. Ein knitteriges Hemd war nicht einfach Nachlässigkeit, sondern sprach Bände über das Maß an Kontrolle über sich, den eigenen Haushalt, das Leben.
Wer es nicht schaffte, mit gebügeltem Hemd im Büro aufzutauchen, hatte ebendiese Kontrolle verloren. Schlechtes Zeitmanagement, keine Disziplin, keinen Sinn für Ästhetik.
Für Herbst/Winter 2026/27 befreit uns Prada vom Bügelzwang. Chic!
© IMAGO/Agence / Bestimage
Dieses zugegeben überspitzte Urteil über Menschen anhand ihrer Garderobe stammt aus einer anderen Zeit. Aus der Zeit nämlich, in der Männer in gebügelten Hemden arbeiten gingen und Frauen zu Hause den Haushalt schmissen und bügelten. Diese Arbeitsteilung war lange Zeit klar und unumstößlich. Geändert hat sie sich aber schon lange.
Prada setzt ein Ausrufezeichen unter das Ende einer veralteten OrdnungSo ist das moralische Urteil aufgrund eines knitterigen Hemdes ein Überbleibsel einer Zeit, die schon seit Jahrzehnten vorbei ist. Männer schmeißen den Haushalt selbst, Frauen gehen arbeiten. Keiner hat mehr Zeit zu bügeln. Aber das Urteil hält sich hartnäckig.
Also nahm sich Miuccia dieses Atavismus an: Für die Herbst-Winter-Kollektion 2026/27 schickte Miuccia Prada gemeinsam mit Raf Simons Hemden auf den Laufsteg, die aussahen, als hätte sie jemand aus dem Schrank gezogen, einmal ausgeschüttelt und dann übergestreift.
Zerknitterte Hemden mit demonstrativ herabhängenden French Cuffs, geknautschte Trenchcoats, die an den Nähten aufzublättern beginnen — eine Garderobe, die nicht den Anschein erweckt, als hätte sie je ein Bügeleisen gesehen. Und das mit voller Absicht.
Hemdmanschetten wirkten leicht angeschmutzt, Lederoberbekleidung über die gesamte Fläche geknittert und zerdrückt — Details, die in jedem anderen Kontext als Nachlässigkeit durchgehen würden, hier aber als Programm zu lesen sind. Die These der beiden Designer: Der Lauf der Zeit und das verlebte Aussehen verleihen einem Kleidungsstück erst seinen eigentlichen Charakter.
Wer hat schon Zeit, zu Bügeln? Prada setzt auf luxuriösen Pragmatismus.
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Miuccia Prada weiß, dass die Vorstellung, jeden Morgen makellos und frisch gebügelt das Haus zu verlassen, für die meisten Menschen längst Fiktion ist. Weil das Leben schlicht andere Prioritäten setzt. Und sie macht aus dieser Erkenntnis Luxus — was, wenn man es recht bedenkt, das Klügste ist, was Mode tun kann.
Die Kollektion erinnert damit einmal mehr daran, dass sie die Königin des „Ugly Chic“ ist, bei dem das Hässliche zum Schönen erklärt wird. Und das funktioniert auch bei veralteten gesellschaftlichen Erwartungen.
Wer das Bügeleisen wegstellt, bricht mit mehr als einer Haushaltsroutine. Die Knitterfalte, die Verfärbung, der zerdrückte Stoff sind ein Zeugnis des Laufs der Zeit — und zugleich eine Absage an die Erwartung, stets „perfekt“ zu erscheinen. Warum Unvollkommenheiten nicht als Beweis von Stilsicherheit und Souveränität begreifen, statt als Versagen?
Perfektion ist langweiligDarin liegt der eigentliche Chic des Ungebügelten: Er setzt voraus, dass man so sicher in sich ruht, dass man die Falte nicht verstecken muss. Dass man keiner glatten Oberfläche bedarf, um ernst genommen zu werden. Die Kleider wirken vorgeliebt, vorgeknittert, an den Rändern leicht abgenutzt. Eine bewusste Provokation, die eine wachsende Wahrheit proklamiert: Perfektion ist nicht länger das Ziel des Luxus.
Die Frau, die mit einer leichten Knitterfalte im Hemd und vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber diesem Umstand durchs Leben geht, war schon immer die eleganteste Person. Sie hat Wichtigeres zu tun als zu bügeln. Und sie weiß es.
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