In bestimmten Regionen der Welt werden Menschen auffallend alt. Experten sehen unter anderem die Ernährung als entscheidenden Faktor.
Warum werden Menschen auf Sardinien, Okinawa oder Ikaria besonders alt? Mediziner und Longevity-Experte Dr. Felix Bertram erklärt, was den Lebensstil in den sogenannten Blue Zones auszeichnet und welche Rolle Ernährung, Bewegung und soziale Gemeinschaft spielen – und was wir daraus für unseren eigenen Alltag lernen können.
Herr Bertram, was genau sind die Blue Zones?
Dr. Felix Bertram: Der Begriff wurde von dem Forscher und Journalisten Dan Buettner geprägt. Er hat 2005 für das Magazin „National Geographic“ bestimmte Regionen der Welt untersucht, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden. Blue Zones heißen sie, weil er diese Gebiete auf einer Karte mit blauer Tinte markiert hat. Nach seiner Definition gehören Sardinien, Okinawa in Japan, die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica, Ikaria in Griechenland und Loma Linda in Kalifornien dazu.
Loma Linda ist in dieser Aufzählung etwas überraschend – die USA gelten nicht gerade als Gesundheitshotspot. Was hat es damit auf sich?
In Loma Linda lebt eine relativ klar abgegrenzte Gruppe: die Siebenten-Tags-Adventisten. Sie leben sehr traditionell, ernähren sich pflanzenreich, bewegen sich im Alltag, sind wenig gestresst und verzichten auf Schweinefleisch und Alkohol. Insofern hebt sich diese Gruppe vom Rest der USA ab.
Blue Zones: Mögliche Gründe für die höhere LebenserwartungSie selbst haben einige Zeit auf Sardinien gelebt. Was ist dort das Geheimnis?
Besonders auffällig ist die Ernährung. Abends gibt es oft frisch gefangenen Fisch und Gemüse – aber ohne Soßen, Butter oder Sahne. Stattdessen: Olivenöl und Meersalz. Die Ernährung ist mediterran, protein- und ballaststoffreich, mit vielen Pflanzen und Fasern. Natürlich essen die Menschen auch mal eine Süßigkeit oder trinken einen Mirto, einen sardischen Likör, oder ein Glas Rotwein. Aber alles in Maßen und meist in Gesellschaft. Das macht einen Unterschied.
Sieht die Ernährung in den anderen Blue Zones ähnlich aus?
Das Spannende ist: Trotz großer regionaler Unterschiede finden sich ähnliche Muster. Die Ernährung ist protein- und ballaststoffreich. Das gilt für Sardinien ebenso wie für Japan. In Japan wird viel Kohl und fermentiertes Gemüse gegessen, etwa Kimchi, häufig kombiniert mit Ei. In Costa Rica spielt beispielsweise Avocado eine wichtige Rolle. Eiweiß und Ballaststoffe haben mehrere Vorteile: Sie sättigen gut, weil wir mehr Volumen essen, und sie helfen dabei, den Blutzucker besser zu balancieren.
Der soziale Faktor spielt in den Blue Zones offenbar auch eine große Rolle.
Absolut. In den Dörfern hilft man sich gegenseitig. Ältere Menschen haben weiterhin Aufgaben: Sie helfen auf dem Hof oder Markt, gehen zur Kirche oder passen auf Kinder auf. Sie sind viel besser integriert. Abends sitzen die Menschen nicht allein vor dem Fernseher. Sie treffen sich auf dem Marktplatz, spielen Boule oder Karten, lachen und reden miteinander. Die Gemeinschaft ist stabil und verlässlich. Man gehört zur Dorfgemeinschaft und wird akzeptiert, wie man ist. Das kann die Seele sehr entlasten und Stress reduzieren – und sich auf die Lebenserwartung auswirken.
Dan Buettner, der Entdecker der Blue Zones, betont außerdem, dass die Menschen in diesen Regionen körperlich aktiver sind.
Ja, die Menschen bewegen sich im Alltag deutlich mehr: Sie laufen, tragen Einkäufe, gehen zum Markt oder transportieren Dinge von einem Ort zum anderen. Das ist natürliche Alltagsbewegung. Man muss nicht immer an Fitnessstudio, Hochleistungssport oder lange Radtouren denken. Wer Treppen statt Aufzüge nimmt, eine Haltestelle früher aussteigt oder Einkäufe nach Hause trägt, tut schon sehr viel für die Gesundheit.
Was sind weitere Faktoren, die das hohe Lebensalter begünstigen?
Die Menschen in diesen Regionen scheinen einen anderen Umgang mit Stress zu pflegen. Sie leben eher in einem Rhythmus aus Anspannung und Regeneration. Bei uns haben viele das Gefühl, ständig präsent sein zu müssen: Meeting auf Meeting, Call auf Call, das Handy immer parat. Auf Sardinien ist dagegen immer Zeit für einen Espresso. Auch ein Mittagessen darf länger dauern. Man sitzt zusammen, isst zusammen, redet und lacht. Wenn die Pause eine Stunde länger dauert, ist das kein Drama.

An dem Konzept der Blue Zones gibt es auch Kritik. Wie verlässlich sind die Daten über die vielen Hundertjährigen?
Die Kritik bezieht sich vor allem auf die auffällige Zahl sehr alter Menschen, die teilweise weit über 100 Jahre alt sein sollen. Bei manchen Fällen fehlen offenbar verlässliche Geburtsurkunden. Es gibt zudem Hinweise, dass Todesfälle statistisch nicht immer korrekt erfasst wurden. Man sollte daraus aber nicht vorschnell Betrug ableiten.
Wichtiger als die Idee einer magischen Zone ist ohnehin die Lebensweise. Wir könnten wahrscheinlich überall Menschen finden, die sich viel bewegen, gut integriert sind, stabile Beziehungen pflegen, weniger gestresst leben und sich gesund ernähren. Die Region selbst ist nicht das Geheimnis – entscheidend sind die Muster im Alltag.
Welche drei konkreten Tipps sollten wir uns von den Blue Zones für unser eigenes Leben abschauen?
Erstens: eiweiß- und ballaststoffreich essen, egal ob mediterran oder asiatisch inspiriert. Zweitens: mehr Alltagsbewegung wie Treppen nehmen, laufen, Einkäufe tragen. Und drittens: in guten, sicheren Gemeinschaften leben. Einsamkeit ist ein großes Thema, besonders im Alter. Menschen geht es besser, wenn sie dazugehören, Aufgaben haben und am Leben teilnehmen können. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion der Blue Zones.
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