Hollywood ist dünner denn je, der Magerwahn einmal mehr gefährlich normal. Wir müssen darüber wieder schockierter sein, findet unsere Autorin.
Der „Heroin Chic“ der 90er ist zurück, das besorgt die Öffentlichkeit schon seit einer Weile. Immer wieder tauchen Bilder von Prominenten wie Demi Moore, Alexa Demie oder Lily Collins auf, auf denen sie dünner denn je aussehen – von den Models auf den Laufstegen kaum zu sprechen.
Das war schon einmal so, in den 90er-Jahren. Man dachte, schlimmer ginge nicht mehr. Doch das abgemagerte Körperbild, das sich aktuell in Hollywood verbreitet, lässt die junge Kate Moss rückblickend nahezu gesund aussehen. Das wirklich Schockierende an diesem Wiederaufleben des Schlankheitswahns ist aber, dass er kaum noch jemanden schockiert. Vielmehr scheinen magere Körper in Zeiten von Abnehmspritzen zum neuen Normalzustand zu werden.
Kate Moss 1997 bei der Präsentation der Calvin-Klein-Kollektion in New York: Ihr Look wurde in den 90er-Jahren zum Sinnbild des sogenannten Heroin Chic.
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Als Kate Moss in den frühen 90er-Jahren weltweit berühmt wurde – insbesondere durch ihre Calvin-Klein-Kampagnen –, leitete dies das Ende der kurvigen, makellosen Glamour-Ära der 1980er-Jahre ein.
Vom „Heroin Chic“ zum neuen NormalzustandMoss, mit 17 Jahren noch ein Kind, stand für einen neuen androgynen Körpertyp. Dieser setzte sich zunehmend als Maßstab für sämtliche Altersklassen durch – eine Entwicklung, die damals zu Recht skandalisiert wurde. Begleitet von ihren Drogen- und Partyexzessen bekam das von Moss verkörperte Schönheitsideal den plakativen Namen „Heroin Chic“.
Der ultraschlanke Look hielt sich seither hartnäckig. Unterbrochen wurde er lediglich durch einen kleinen Lichtblick: die Body-Positivity-Bewegung der 2010er-Jahre. Plus-Size-Models hielten Einzug in die Modewelt, waren auf den Laufstegen großer Modehäuser wie Chanel oder Versace zu sehen, und uns allen wurde eingeredet, wir dürften unseren Körper nun so lieben, wie er ist.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Daten aus dem Vogue Business-Inklusivitätsreport zeigen für die Herbst/Winter-Schauen 2026 einen historischen Tiefstand an Körperdiversität seit Beginn der Analyse im Jahr 2023: Nur noch 0,3 Prozent aller präsentierten Looks in Paris, Mailand, London und New York entfielen auf Plus-Size-Models ab Konfektionsgröße 42. Gleichzeitig wurden die Models insgesamt immer dünner.
Das Prinzip der visuellen GewöhnungAls mögliche Einflussfaktoren gelten der weltweit zunehmende Konservatismus, ein obsessiver Trend zur Selbstoptimierung sowie der wachsende Einsatz von GLP-1-Medikamenten wie Ozempic.
Demi Moore im Februar bei der Gucci-Show für Herbst/Winter 2026 während der Mailänder Fashion Week.
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Der magere Look, der in sozialen Medien gern als „Ozempic Chic“ bezeichnet wird, ist längst über die Grenzen der Laufstege hinaus zur Gewohnheit geworden. Dahinter steckt ein simples Prinzip der visuellen Gewöhnung: Was das Auge täglich in Dauerschleife sieht, verliert irgendwann seinen Schrecken und wird unbemerkt zur neuen Normalität.
Und das hat Konsequenzen. Bereits im vergangenen Jahr sorgte die sogenannte SkinnyTok-Bewegung für Aufsehen. Unter diesem Begriff formierte sich auf der Kurzvideo-Plattform TikTok eine Bewegung, in der vor allem junge Frauen und Mädchen extreme Diät- und Abnehmtipps austauschen.
Auch wenn das Schönheitsideal für Männer zunehmend schlanker wird, bleiben Mädchen und Frauen im Zentrum des Schlankheitswahns. Aufgewachsen in einer patriarchalen Gesellschaft, wurden sie strukturell dazu erzogen, ein normschönes Aussehen als essenziell für ihren menschlichen Wert anzusehen.
Alexa Demie, im April bei der Premiere der dritten Staffel von „Euphoria“ in Los Angeles.
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Das zeigt auch eine kürzlich vorgestellte Statistik des Statistischen Bundesamts: Demnach wurden 2024 doppelt so viele Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelt wie noch 20 Jahre zuvor. Konkret stieg die Zahl zwischen 2004 und 2024 von etwa 2800 auf rund 6000. Insgesamt waren rund 93 Prozent der behandelten Patientinnen und Patienten weiblich.
Immer mehr Mädchen mit Essstörung in KlinikenDiese Zahlen zeigen, dass es höchste Zeit ist, wieder schockiert zu sein. Junge Frauen lernen, ihre Körper zu hassen und ihnen die Nahrung zu entziehen, noch bevor viele von ihnen die Pubertät erreicht haben. Dazu tragen eben auch Vorbilder bei, mit denen sich die Mädchen messen. Und die in diesem Fall ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht werden.
Das Knifflige an der Thematik: Wie lassen sich ungesunde Vorbilder benennen, ohne einzelne Frauen als Demonstrationsobjekte auf den Marktplatz zu zerren und sie für ihren Körper zu schelten? Sie sind schließlich ebenfalls Opfer des Systems, in dem sie bestehen müssen.
Es lässt sich nicht leugnen, dass sie mit ihrer Reichweite zu einer gefährlichen Normalisierung des Magerwahns beitragen. Niemand steht derzeit besser für diesen Konflikt als Ariana Grande.
Als die Sängerin im Sommer 2026 das Musikvideo zu ihrer Single „Petal“ veröffentlichte, geriet ihre Kunst völlig in den Hintergrund. Monatelang beherrschten besorgte bis hämische Diskussionen über ihre extreme Magerkeit die Medien.
Zeitgleich kürten Untergrundforen für Magersucht ihren Körper zum neuen toxischen Schönheitsideal. Im August zog Grande schließlich die Reißleine und kündigte wegen des permanenten Bewertungsdrucks ihren vollständigen Rückzug aus der Öffentlichkeit an.
Ariana Grande, im Januar bei den 83. Golden Globe Awards.
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Es fällt leicht, angesichts der Allgegenwärtigkeit des ultraschlanken Körperbildes zu verzagen. Gleichzeitig ist es nur das Ergebnis einer Gesellschaft, die dieses Ideal noch immer befeuert. Designer und Prominente geben Kundinnen, Kunden, Fans und Followern letztlich nur das, was diese vermeintlich sehen wollen – und was sich verkauft.
Was können wir tun? Den Kreislauf durchbrechen!Es liegt also an uns, uns nicht vom Schlankheitswahn in den Bann ziehen zu lassen – und empört zu bleiben. Denn die ungesunde Fixierung auf das Gewicht bleibt selten ein rein persönliches Problem.
Sie strahlt fast immer auf das direkte Umfeld ab und prägt vor allem die eigenen Kinder. Wenn Kinder erleben, dass Diäten, Kalorienzählen und Körperkritik den Alltag der Eltern bestimmen, übernehmen sie diese Denkmuster häufig selbst.
Indem wir diesen Kreislauf im privaten Umfeld durchbrechen, besteht die Hoffnung, dass Körpertrends wie „Heroin Chic“ oder „Ozempic Chic“ irgendwann der Vergangenheit angehören. Ein Ausblick, der sich dieser Tage seltsam naiv und utopisch liest – was bleibt uns sonst?
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