Erkrankt jemand psychisch, ist auch die Familie betroffen. Unter manchen Umständen zahlt die Kasse eine Therapie für alle. Die Stiftung Warentest erklärt, was gilt.
Familie. Sie kann Heimat sein, doch oft entstehen Wechselwirkungen, die von den einzelnen Mitgliedern allein kaum gelöst werden können. © Stocksy / Iryna Auhustsinovich
Erkrankt jemand psychisch, ist auch die Familie betroffen. Unter manchen Umständen zahlt die Kasse eine Therapie für alle. Die Stiftung Warentest erklärt, was gilt.
Eigentlich war Iris Meinhardt (Name geändert) auf der Suche nach einer Psychotherapie für sich allein. Ihre Diagnose: Depression. Im Behandlungszimmer saß sie dann jedoch immer wieder in guter Gesellschaft– mit ihrer Familie. Sie sei nie ein besonders fröhlicher Mensch gewesen, sagt die 49-Jährige. Dann entwickelte ihre jugendliche Tochter eine Essstörung, begann sich selbst zu verletzen und die Eltern fanden einen Abschiedsbrief. Iris Meinhardt brach zusammen – und war viele Wochen krankgeschrieben.
Sie wandte sich nach einer Empfehlung an die Psychotherapie-Ambulanz der Universität Witten/Herdecke. Ein Schwerpunkt dort ist die sogenannte Systemische Therapie. Der Kern dieses Therapieverfahrens ist es, das soziale Umfeld einer erkrankten Person mitzudenken und es möglichst auch in die Behandlung einzubeziehen. Das Ziel: sich gegenseitig besser verstehen und unterstützen zu können. Außerdem kann Systemische Therapie dabei helfen, die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Familie zu erkennen – und damit ein heilsameres Miteinander möglich machen. Auf dieser Seite erfahren Sie, wann die Krankenkassen solch eine Therapie bezahlen.
Unser Rat
Familiensitzungen. Wer einen Psychotherapieplatz bei einer Behandlerin mit Kassenzulassung hat, kann diese nach Sitzungen mit der Familie fragen. Dafür haben Therapeuten Kontingente.
Familienberatung. Nutzen Sie bei Ehekonflikten, Schulproblemen oder Erziehungsfragen die Beratungsstelle in Ihrer Region. Die Bundeskonferenz für Erziehungsfragen bietet beispielsweise eine Beratungsstellensuche unter bke.de. Auch in Beratungsstellen wird immer öfter nach systemischen Methoden gearbeitet.
Qualifikation. Familientherapeut ist kein geschützter Begriff. Prüfen Sie, welche Qualifikation die behandelnde Person mitbringt. Ideal ist ein Hochschulstudium in Psychologie, Pädagogik oder Sozialer Arbeit sowie eine Ausbildung in „Familientherapie“ oder „Systemischer Therapie“ bei einer anerkannten Ausbildungseinrichtung.
Systemische Therapie ist wissenschaftlich anerkannt und wird unter anderem bei Depressionen, Essstörungen oder Angsterkrankungen in den jeweiligen Behandlungsleitlinien empfohlen. Seit 2020 übernehmen gesetzliche Krankenkassen bei Erwachsenen die Kosten für die Behandlung, seit 2024 für Kinder und Jugendliche. Und zwar: Ganz egal, wie viele Menschen daran teilnehmen – solange das Ziel ist, eine diagnostizierte psychische Erkrankung zu therapieren.
Wechselwirkungen nutzen„Alle einzubeziehen, ist sehr wirksam. Ich habe schon erlebt, dass wir die Probleme eines Elternpaares gelöst haben und gleichzeitig die psychischen Symptome der Tochter zurückgingen“, sagt Niels Braus. Er forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Witten/Herdecke zu Psychotherapie und behandelt im Rahmen seiner Ausbildung in Systemischer Therapie auch psychisch Erkrankte.
Von „meinem“ zu „unserem“ ProblemBei Niels Braus sind auch Iris Meinhardt und ihre Familie in Therapie. Um die Depression zu lindern, sehen sich der Therapeut und die 49-Jährige seit 2024 regelmäßig, anfangs wöchentlich, dann alle zwei Wochen. Meist in Begleitung ihres Mannes, immer wieder auch zu dritt mit der Tochter.
Iris Meinhardt ist froh, dass sie nicht in einer regulären Einzelbehandlung versorgt wurde. „Es war gut, dass meine Tochter dabei war, denn in den Gesprächen mit ihr wurde mir klar, wie viel Verantwortung ich bisher für so vieles in meinem Leben allein auf mich genommen habe und dass ich mich nonstop für meine Tochter zuständig fühlte“, sagt sie. Gleichzeitig sei es für sie eine große Entlastung gewesen, dass auch ihr Mann oft dabei war, denn „so wurde die Krankheit unserer Tochter gefühlt von meinem zu unserem Problem“.
Heilung soll kein Alleingang bleibenViele Jahrzehnte spielte Familie in der Psychotherapie eine untergeordnete Rolle. Sie war historisch darauf ausgelegt, einer einzelnen Person mit ihrem Leiden zu helfen. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sah in Verwandten sogar Störenfriede. Er verglich seine Behandlung mit einem chirurgischen Eingriff: Wenn der Chirurg das Skalpell ansetze, würden Angehörige in Geschrei verfallen. Wie im Operationssaal sollten sie daher auch bei der Behandlung seelischer Leiden nicht dabei sein.
Mehr als 100 Jahre später sehen Fachleute das anders. Für alle großen Therapieverfahren existieren familientherapeutische Ansätze. Es gibt psychoanalytische Familientherapie, verhaltenstherapeutische Familientherapie sowie die Systemische Familientherapie. Sie alle haben zum Ziel, belastete Beziehungen und problematische Interaktionen unter Familienmitgliedern zu verbessern. „Dazu sind alle Familienmitglieder eingeladen, also Geschwister, Eltern – auch Tanten oder der Hund. Ich habe schon mit Großfamilien Therapie gemacht, da saßen neun Leute mit mir im Raum“, sagt Psychotherapeut Michael Stasch, Vorsitzender des Bundesverbandes Psychoanalytische Paar- und Familientherapie (siehe Interview).
So finden Sie einen Therapieplatz
Therapieplatz. Einen Überblick, wie Sie zu einer Psychotherapie kommen können und welche Besonderheiten eine Behandlung für Kinder und Jugendliche hat, finden Sie in unserem Special zur Therapiesuche.
Psychotherapeutensuche. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung bietet unter dptv.de eine Therapeutensuche an, in der Sie nach „Familien“ filtern können. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie bietet eine Suche unter familientherapie.org an.
Ausbildungsinstitute. Mitunter sind an Lehrinstituten Therapieplätze bei angehenden Systemischen Therapeuten frei. Sie werden von erfahrenen Behandelnden unterstützt und begleitet.
Kostenerstattung. Wer im Umkreis von 30 Kilometern seines Wohnortes und innerhalb von drei Monaten keinen Therapieplatz findet, hat das Recht auf Kostenerstattung bei Systemischen Therapeuten ohne Kassenzulassung.
Private Versicherung. Private Policen orientieren sich oft an den gesetzlichen Kassen. Prüfen Sie Ihre vertraglichen Ansprüche vor Beginn einer Familientherapie.
Zahlreiche Behandlungsleitlinien empfehlen eine Familientherapie oder zumindest die enge Einbindung von Familienmitgliedern sowie die Systemische Therapie. Therapeuten, die das anbieten, haben in der Regel Psychologie oder Pädagogik studiert, eine mehrjährige Ausbildung in einem Therapieverfahren absolviert und eine staatliche Prüfung abgelegt. Sie haben außerdem eine Weiterbildung zur Familientherapie durchlaufen.
Der Haken: Grundsätzlich bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Familientherapie, sondern nur Einzelpsychotherapie. Eine Ausnahme ist die besagte Systemische Therapie, die generell mehrere Personen in allen Sitzungen hinzuholen und auch als Familientherapie ablaufen kann.
Familie darf aber dazu kommenDennoch sind Familien auch in den anderen Verfahren nicht außen vor. Wenn jemand eine psychische Erkrankung hat und deshalb eine Psychotherapie beginnt, darf das soziale Umfeld der Patienten einbezogen werden, sofern das zum Erfolg der Behandlung beitragen kann. Das legt die Psychotherapie-Richtlinie fest, in der geregelt ist, was gesetzliche Krankenkassen bezahlen.
„Bei Kindern und Jugendlichen können Psychotherapeuten zum Beispiel jede fünfte Sitzung als Familien- oder Elternsitzung nutzen, die dann auch von den gesetzlichen Kassen finanziert wird. Bei Bedarf können allerdings auch mehr Gespräche im Familiensetting stattfinden“, erklärt Michael Stasch. Die Behandelnden müssen es der Kasse gegenüber nur begründen.
Beratungsstellen helfen kostenlos
Wer eine Familientherapie machen möchte, ohne dass eine psychische Erkrankung bei einem Familienmitglied vorliegt oder in einer Praxis, die keine Zulassung hat, um mit den Krankenkassen abzurechnen, muss die Kosten in der Regel selbst tragen. Eine Doppelstunde kostet meist zwischen 200 und 300 Euro.
In Trennungssituationen, bei Erziehungsproblemen oder Konflikten in der Familie können sich Erwachsene und Jugendliche auch an spezialisierte Beratungsstellen wenden. In den mehr als 1 000 Einrichtungen bundesweit arbeiten Menschen mit einem Studium in Psychologie, Sozialer Arbeit oder Pädagogik, die zudem speziell für die Beratung ausgebildet wurden. Psychische Erkrankungen werden in den Beratungsstellen nicht behandelt. Anbieter sind unter anderem Diakonie, Caritas, AWO. Ihre Beratung ist kostenfrei.
Ein Beispiel, wann Therapiestunden doch von der Krankenkasse bezahlt werden, wäre folgendes: Ein Mädchen im Grundschulalter hat Schulangst, möchte nicht am Unterricht teilnehmen, weil sie sich so sehr davor fürchtet. Gleichzeitig üben die Eltern immensen Leistungsdruck auf das Kind aus. „Ohne dass die Eltern selber eine Diagnose erhalten, kann man sie in die Behandlung der Angststörung ihres Kindes einbinden“, sagt Stasch. Diese Sitzungen sind meist Doppelstunden, die vom Stundenkontingent der erkrankten Person abgezogen werden.
So läuft es auch bei Iris Meinhardt. Ihr wurden insgesamt 48 Therapiestunden von ihrer Krankenkasse genehmigt. Einzelne Gespräche dauern 50 Minuten und entsprechen einer Sitzung, Termine mit Partner oder zu dritt dauern 100 Minuten und zählen wie zwei Sitzungen, die entsprechend von den 48 Stunden abgezogen werden.
Loslassen − für alleFür Iris Meinhardt hat sich seit Beginn der Behandlung viel verändert. Sie hat gelernt, sich öfter abzugrenzen, Nein zu sagen und nicht jederzeit Hilfe anzubieten. Stattdessen sorgt sie mehr für sich selbst: „Ich fahre jetzt sogar für drei Wochen zu einer Reha, weil ich schon seit langer Zeit sehr starke Rückenbeschwerden habe.“
Vor dieser Familientherapie wäre das für sie überhaupt nicht denkbar gewesen, sagt die 49-Jährige: „Ich hätte mich von zu Hause nicht lösen und meine Tochter allein lassen können − obwohl ich mich auf meinen Mann voll verlassen kann.“ Kürzlich hatten sie zu dritt eine Therapiesitzung, in der Iris Meinhardt bewusst geworden ist, wie viel besser es auch ihrer Tochter geht. „Das hat mir große Hoffnung gemacht.“
Michael Stasch ist Vorsitzender des Bundesverbandes Psychoanalytische Paar- und Familientherapie. Im Gespräch mit test.de sagt er: „Oft geht es der ganzen Familie schlecht.“
Michael Stasch, Paar- und Familientherapeut mit eigener Praxis in Heidelberg. © Klaus Meyer
Was bringt eine Familientherapie – warum kann sie sinnvoll sein?
Die Familie als Ganzes in eine Therapie einzubinden, ist effizient. Die Behandlung dient dann nicht nur der einen Person, sondern auch den anderen Menschen in ihrem Umfeld. Denn: Erkrankt jemand psychisch, dann geht es oftmals der gesamten Familie schlecht, nicht nur einer Person.
Familientherapie ist vor allem dann ratsam, wenn das Problem eines Angehörigen eventuell durch die Interaktion in der Familie aufrechterhalten oder gar angestoßen wird. Oft geschieht das unbewusst. Damit die erkrankte Person genesen kann, braucht es also auch den Blick in die Familie.
Wer kommt zu Ihnen in die Familientherapie?
Etwa 10 Prozent meiner Therapiestunden gehören Familien. Da kommen beispielsweise Eltern mit einer Tochter, die eine Essstörung hat, und denen von der Klinik nach einer stationären Behandlung der Tochter zu einer Familientherapie geraten wurde. Oder eine junge Frau mit insulinpflichtigem Diabetes, der sich massiv verschlechtert hat, nachdem der Vater fremdgegangen ist. Es melden sich aber auch Menschen bei mir, wenn der Partner depressiv erkrankt ist.
Wie nähern Sie sich den Familien und ihren Problemen?
Ich nutze gern Genogramme. Auf einem Blatt Papier zeichnen die Familienmitglieder eine Art Stammbaum: Wer bin ich, wer sind die Eltern, die Großeltern? Darüber kommt man gut mit ihnen ins Gespräch und ich sehe, wie die Angehörigen miteinander umgehen. Wichtig ist, dass man in der Familientherapie aktiv bleibt, die Mitglieder der Familie viel einbezieht. Ich lasse mir außerdem natürlich die Probleme schildern. Welche Ängste und Sorgen stehen im Raum? Wer verhält sich wie? Und warum?
Was fällt Ihnen während der Therapie oftmals auf?
Die Leute kommen in der Regel nicht mit Problemen in meine Praxis, sondern mit Lösungen – die aber nicht mehr funktionieren. Das bedeutet: Oft haben sich ihre Lösungsversuche für Konflikte oder Probleme in den Familien dorthin entwickelt. Die Verhaltensweisen waren einst sinnvoll, aber irgendwann nicht mehr funktional. Es ergibt, so betrachtet, immer Sinn, warum eine Familie sich auf diese oder jene Weise problematisch verhält. Da muss man die Familien abholen: Sie haben es versucht. Und gemeinsam suchen wir nach neuen Lösungen.
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