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Familientherapie: Die ganze Familie auf der Couch

Дата публикации: 17-08-2026 10:01:25

Erkrankt jemand psychisch, ist auch die Familie betroffen. Unter manchen Umständen zahlt die Kasse eine Therapie für alle. Die Stiftung Warentest erklärt, was gilt.

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Familien­therapie - Die ganze Familie auf der Couch

Familie. Sie kann Heimat sein, doch oft entstehen Wechsel­wirkungen, die von den einzelnen Mitgliedern allein kaum gelöst werden können. © Stocksy / Iryna Auhustsinovich

Erkrankt jemand psychisch, ist auch die Familie betroffen. Unter manchen Umständen zahlt die Kasse eine Therapie für alle. Die Stiftung Warentest erklärt, was gilt.

Lesen Sie auf dieser Seite:

Eigentlich war Iris Meinhardt (Name geändert) auf der Suche nach einer Psychotherapie für sich allein. Ihre Diagnose: Depression. Im Behand­lungs­zimmer saß sie dann jedoch immer wieder in guter Gesell­schaft– mit ihrer Familie. Sie sei nie ein besonders fröhlicher Mensch gewesen, sagt die 49-Jährige. Dann entwickelte ihre jugend­liche Tochter eine Essstörung, begann sich selbst zu verletzen und die Eltern fanden einen Abschieds­brief. Iris Meinhardt brach zusammen – und war viele Wochen krankgeschrieben.

Sie wandte sich nach einer Empfehlung an die Psychotherapie-Ambulanz der Universität Witten/Herdecke. Ein Schwer­punkt dort ist die sogenannte Systemische Therapie. Der Kern dieses Therapie­verfahrens ist es, das soziale Umfeld einer erkrankten Person mitzudenken und es möglichst auch in die Behand­lung einzubeziehen. Das Ziel: sich gegen­seitig besser verstehen und unterstützen zu können. Außerdem kann Systemische Therapie dabei helfen, die Wechsel­wirkungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Familie zu erkennen – und damit ein heil­sameres Miteinander möglich machen. Auf dieser Seite erfahren Sie, wann die Krankenkassen solch eine Therapie bezahlen.

Unser Rat

Familien­sitzungen. Wer einen Psychotherapie­platz bei einer Behand­lerin mit Kassen­zulassung hat, kann diese nach Sitzungen mit der Familie fragen. Dafür haben Therapeuten Kontingente.

Familien­beratung. Nutzen Sie bei Ehekonflikten, Schul­problemen oder Erziehungs­fragen die Beratungs­stelle in Ihrer Region. Die Bundes­konferenz für Erziehungs­fragen bietet beispiels­weise eine Beratungs­stellen­suche unter bke.de. Auch in Beratungs­stellen wird immer öfter nach systemischen Methoden gearbeitet.

Qualifikation. Familien­therapeut ist kein geschützter Begriff. Prüfen Sie, welche Qualifikation die behandelnde Person mitbringt. Ideal ist ein Hoch­schul­studium in Psychologie, Pädagogik oder Sozialer Arbeit sowie eine Ausbildung in „Familien­therapie“ oder „Systemischer Therapie“ bei einer anerkannten Ausbildungs­einrichtung.

So wird die Familie Teil der Therapie

Systemische Therapie ist wissenschaftlich anerkannt und wird unter anderem bei Depressionen, Essstörungen oder Angst­erkrankungen in den jeweiligen Behand­lungs­leit­linien empfohlen. Seit 2020 über­nehmen gesetzliche Krankenkassen bei Erwachsenen die Kosten für die Behand­lung, seit 2024 für Kinder und Jugend­liche. Und zwar: Ganz egal, wie viele Menschen daran teilnehmen – solange das Ziel ist, eine diagnostizierte psychische Erkrankung zu therapieren.

Wechsel­wirkungen nutzen

„Alle einzubeziehen, ist sehr wirk­sam. Ich habe schon erlebt, dass wir die Probleme eines Eltern­paares gelöst haben und gleich­zeitig die psychischen Symptome der Tochter zurück­gingen“, sagt Niels Braus. Er forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Witten/Herdecke zu Psychotherapie und behandelt im Rahmen seiner Ausbildung in Systemischer Therapie auch psychisch Erkrankte.

Von „meinem“ zu „unserem“ Problem

Bei Niels Braus sind auch Iris Meinhardt und ihre Familie in Therapie. Um die Depression zu lindern, sehen sich der Therapeut und die 49-Jährige seit 2024 regel­mäßig, anfangs wöchentlich, dann alle zwei Wochen. Meist in Begleitung ihres Mannes, immer wieder auch zu dritt mit der Tochter.

Iris Meinhardt ist froh, dass sie nicht in einer regulären Einzel­behand­lung versorgt wurde. „Es war gut, dass meine Tochter dabei war, denn in den Gesprächen mit ihr wurde mir klar, wie viel Verantwortung ich bisher für so vieles in meinem Leben allein auf mich genommen habe und dass ich mich nonstop für meine Tochter zuständig fühlte“, sagt sie. Gleich­zeitig sei es für sie eine große Entlastung gewesen, dass auch ihr Mann oft dabei war, denn „so wurde die Krankheit unserer Tochter gefühlt von meinem zu unserem Problem“.

Heilung soll kein Allein­gang bleiben

Viele Jahr­zehnte spielte Familie in der Psychotherapie eine unterge­ordnete Rolle. Sie war historisch darauf ausgelegt, einer einzelnen Person mit ihrem Leiden zu helfen. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sah in Verwandten sogar Stören­friede. Er verglich seine Behand­lung mit einem chirurgischen Eingriff: Wenn der Chirurg das Skalpell ansetze, würden Angehörige in Geschrei verfallen. Wie im Operations­saal sollten sie daher auch bei der Behand­lung seelischer Leiden nicht dabei sein.

Mehr als 100 Jahre später sehen Fachleute das anders. Für alle großen Therapie­verfahren existieren familien­therapeutische Ansätze. Es gibt psychoanalytische Familien­therapie, verhaltens­therapeutische Familien­therapie sowie die Systemische Familien­therapie. Sie alle haben zum Ziel, belastete Beziehungen und problematische Inter­aktionen unter Familien­mitgliedern zu verbessern. „Dazu sind alle Familien­mitglieder einge­laden, also Geschwister, Eltern – auch Tanten oder der Hund. Ich habe schon mit Groß­familien Therapie gemacht, da saßen neun Leute mit mir im Raum“, sagt Psychotherapeut Michael Stasch, Vorsitzender des Bundes­verbandes Psychoanalytische Paar- und Familien­therapie (siehe Interview).

So finden Sie einen Therapie­platz

Therapie­platz. Einen Über­blick, wie Sie zu einer Psychotherapie kommen können und welche Besonderheiten eine Behand­lung für Kinder und Jugend­liche hat, finden Sie in unserem Special zur Therapiesuche.

Psychotherapeuten­suche. Die Deutsche Psychotherapeuten­ver­einigung bietet unter dptv.de eine Therapeuten­suche an, in der Sie nach „Familien“ filtern können. Die Deutsche Gesell­schaft für Systemische Therapie bietet eine Suche unter familientherapie.org an.

Ausbildungs­institute. Mitunter sind an Lehr­instituten Therapieplätze bei angehenden Systemischen Therapeuten frei. Sie werden von erfahrenen Behandelnden unterstützt und begleitet.

Kosten­erstattung. Wer im Umkreis von 30 Kilo­metern seines Wohn­ortes und inner­halb von drei Monaten keinen Therapie­platz findet, hat das Recht auf Kosten­erstattung bei Systemischen Therapeuten ohne Kassen­zulassung.

Private Versicherung. Private Policen orientieren sich oft an den gesetzlichen Kassen. Prüfen Sie Ihre vertraglichen Ansprüche vor Beginn einer Familien­therapie.

Wann die Kassen zahlen

Zahlreiche Behand­lungs­leit­linien empfehlen eine Familien­therapie oder zumindest die enge Einbindung von Familien­mitgliedern sowie die Systemische Therapie. Therapeuten, die das anbieten, haben in der Regel Psychologie oder Pädagogik studiert, eine mehr­jährige Ausbildung in einem Therapie­verfahren absol­viert und eine staatliche Prüfung abge­legt. Sie haben außerdem eine Weiterbildung zur Familien­therapie durch­laufen.

Der Haken: Grund­sätzlich bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine Familien­therapie, sondern nur Einzel­psychotherapie. Eine Ausnahme ist die besagte Systemische Therapie, die generell mehrere Personen in allen Sitzungen hinzuholen und auch als Familien­therapie ablaufen kann.

Familie darf aber dazu kommen

Dennoch sind Familien auch in den anderen Verfahren nicht außen vor. Wenn jemand eine psychische Erkrankung hat und deshalb eine Psychotherapie beginnt, darf das soziale Umfeld der Patienten einbezogen werden, sofern das zum Erfolg der Behand­lung beitragen kann. Das legt die Psychotherapie-Richt­linie fest, in der geregelt ist, was gesetzliche Krankenkassen bezahlen.

„Bei Kindern und Jugendlichen können Psychotherapeuten zum Beispiel jede fünfte Sitzung als Familien- oder Eltern­sitzung nutzen, die dann auch von den gesetzlichen Kassen finanziert wird. Bei Bedarf können allerdings auch mehr Gespräche im Familien­setting statt­finden“, erklärt Michael Stasch. Die Behandelnden müssen es der Kasse gegen­über nur begründen.

Beratungs­stellen helfen kostenlos

Wer eine Familien­therapie machen möchte, ohne dass eine psychische Erkrankung bei einem Familien­mitglied vorliegt oder in einer Praxis, die keine Zulassung hat, um mit den Krankenkassen abzu­rechnen, muss die Kosten in der Regel selbst tragen. Eine Doppel­stunde kostet meist zwischen 200 und 300 Euro.

In Trennungs­situationen, bei Erziehungs­problemen oder Konflikten in der Familie können sich Erwachsene und Jugend­liche auch an spezialisierte Beratungs­stellen wenden. In den mehr als 1 000 Einrichtungen bundes­weit arbeiten Menschen mit einem Studium in Psychologie, Sozialer Arbeit oder Pädagogik, die zudem speziell für die Beratung ausgebildet wurden. Psychische Erkrankungen werden in den Beratungs­stellen nicht behandelt. Anbieter sind unter anderem Diakonie, Caritas, AWO. Ihre Beratung ist kostenfrei.

Schul­angst zusammen mit den Eltern behandeln

Ein Beispiel, wann Therapie­stunden doch von der Krankenkasse bezahlt werden, wäre folgendes: Ein Mädchen im Grund­schul­alter hat Schul­angst, möchte nicht am Unter­richt teilnehmen, weil sie sich so sehr davor fürchtet. Gleich­zeitig üben die Eltern immensen Leistungs­druck auf das Kind aus. „Ohne dass die Eltern selber eine Diagnose erhalten, kann man sie in die Behand­lung der Angst­störung ihres Kindes einbinden“, sagt Stasch. Diese Sitzungen sind meist Doppel­stunden, die vom Stunden­kontingent der erkrankten Person abge­zogen werden.

So läuft es auch bei Iris Meinhardt. Ihr wurden insgesamt 48 Therapie­stunden von ihrer Krankenkasse genehmigt. Einzelne Gespräche dauern 50 Minuten und entsprechen einer Sitzung, Termine mit Partner oder zu dritt dauern 100 Minuten und zählen wie zwei Sitzungen, die entsprechend von den 48 Stunden abge­zogen werden.

Loslassen − für alle

Für Iris Meinhardt hat sich seit Beginn der Behand­lung viel verändert. Sie hat gelernt, sich öfter abzu­grenzen, Nein zu sagen und nicht jeder­zeit Hilfe anzu­bieten. Statt­dessen sorgt sie mehr für sich selbst: „Ich fahre jetzt sogar für drei Wochen zu einer Reha, weil ich schon seit langer Zeit sehr starke Rücken­beschwerden habe.“

Vor dieser Familien­therapie wäre das für sie über­haupt nicht denk­bar gewesen, sagt die 49-Jährige: „Ich hätte mich von zu Hause nicht lösen und meine Tochter allein lassen können − obwohl ich mich auf meinen Mann voll verlassen kann.“ Kürzlich hatten sie zu dritt eine Therapiesit­zung, in der Iris Meinhardt bewusst geworden ist, wie viel besser es auch ihrer Tochter geht. „Das hat mir große Hoff­nung gemacht.“

Interview: Ein Familien­therapeut berichtet

Michael Stasch ist Vorsitzender des Bundes­verbandes Psychoanalytische Paar- und Familien­therapie. Im Gespräch mit test.de sagt er: „Oft geht es der ganzen Familie schlecht.“

Familien­therapie - Die ganze Familie auf der Couch

Michael Stasch, Paar- und Familien­therapeut mit eigener Praxis in Heidel­berg. © Klaus Meyer

Was bringt eine Familien­therapie – warum kann sie sinn­voll sein?

Die Familie als Ganzes in eine Therapie einzubinden, ist effizient. Die Behand­lung dient dann nicht nur der einen Person, sondern auch den anderen Menschen in ihrem Umfeld. Denn: Erkrankt jemand psychisch, dann geht es oftmals der gesamten Familie schlecht, nicht nur einer Person.

Familien­therapie ist vor allem dann ratsam, wenn das Problem eines Angehörigen eventuell durch die Inter­aktion in der Familie aufrechterhalten oder gar angestoßen wird. Oft geschieht das unbe­wusst. Damit die erkrankte Person genesen kann, braucht es also auch den Blick in die Familie.

Wer kommt zu Ihnen in die Familien­therapie?

Etwa 10 Prozent meiner Therapie­stunden gehören Familien. Da kommen beispiels­weise Eltern mit einer Tochter, die eine Essstörung hat, und denen von der Klinik nach einer stationären Behand­lung der Tochter zu einer Familien­therapie geraten wurde. Oder eine junge Frau mit insulin­pflichtigem Diabetes, der sich massiv verschlechtert hat, nachdem der Vater fremd­gegangen ist. Es melden sich aber auch Menschen bei mir, wenn der Partner depressiv erkrankt ist.

Wie nähern Sie sich den Familien und ihren Problemen?

Ich nutze gern Genogramme. Auf einem Blatt Papier zeichnen die Familien­mitglieder eine Art Stamm­baum: Wer bin ich, wer sind die Eltern, die Groß­eltern? Darüber kommt man gut mit ihnen ins Gespräch und ich sehe, wie die Angehörigen miteinander umgehen. Wichtig ist, dass man in der Familien­therapie aktiv bleibt, die Mitglieder der Familie viel einbezieht. Ich lasse mir außerdem natürlich die Probleme schildern. Welche Ängste und Sorgen stehen im Raum? Wer verhält sich wie? Und warum?

Was fällt Ihnen während der Therapie oftmals auf?

Die Leute kommen in der Regel nicht mit Problemen in meine Praxis, sondern mit Lösungen – die aber nicht mehr funk­tionieren. Das bedeutet: Oft haben sich ihre Lösungs­versuche für Konflikte oder Probleme in den Familien dorthin entwickelt. Die Verhaltens­weisen waren einst sinn­voll, aber irgend­wann nicht mehr funk­tional. Es ergibt, so betrachtet, immer Sinn, warum eine Familie sich auf diese oder jene Weise problematisch verhält. Da muss man die Familien abholen: Sie haben es versucht. Und gemein­sam suchen wir nach neuen Lösungen.

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