Der Krieg in der Ukraine verändert Europas Sicherheitslage – und eröffnet zugleich neue Geschäftsfelder. Bei einem Forum der IHK Saarland wurde deutlich: Saarländische Unternehmen können von Lieferungen, Kooperationen und dem späteren Wiederaufbau profitieren. Gefragt sind dabei längst nicht nur klassische Rüstungsfirmen.
Saarbrücken · Der Krieg in der Ukraine verändert Europas Sicherheitslage – und eröffnet zugleich neue Geschäftsfelder. Bei einem Forum der IHK Saarland wurde deutlich: Saarländische Unternehmen können von Lieferungen, Kooperationen und dem späteren Wiederaufbau profitieren. Gefragt sind dabei längst nicht nur klassische Rüstungsfirmen.
Aktuell braucht die Ukraine vor allem Luftabwehrraketen wie die Iris-T, die von Diehl Defence in Nonnweiler gebaut wird.
Foto: Christine FunkDie Zeiten, in denen Sicherheit ausschließlich Sache von Staat und Bundeswehr war, sind vorbei. Davon ist Christian Seel überzeugt. Der Leiter der Stabsstelle „Strategische Resilienz und Gesamtverteidigung“ in der Staatskanzlei des Saarlandes sieht die Wirtschaft als entscheidenden Partner.
Wirtschaft im Saarland unter Transformationsdruck
„Die Bundeswehr wird ohne die Kooperation mit der Wirtschaft nicht auskommen“, sagte Seel beim Forum „Die Rolle der Wirtschaft in der Gesamtverteidigung – und Chancen der Saarwirtschaft in der Ukraine“ bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Saarland. Gesamtverteidigung könne nur gemeinsam funktionieren. Politik, Verwaltung, Streitkräfte und Unternehmen müssten deshalb enger zusammenarbeiten.
Für das Saarland ist das nicht nur eine sicherheitspolitische Frage, sondern auch eine wirtschaftliche. Die Saar-Wirtschaft steht unter Transformationsdruck. Neue Geschäftsfelder können helfen, industrielle Fähigkeiten zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Besonders deutlich wurde das in den Ausführungen von Jörg Wissdorf. Der Unternehmer und Oberst der Reserve, der auch im Sonderstab Ukraine des Bundesverteidigungsministeriums tätig ist, sieht in der Ukraine ein Beispiel für die enge Verbindung von moderner Kriegsführung und industrieller Leistungsfähigkeit.„Ab heute zählt Volumen, ab heute zählt Geschwindigkeit. Und ab heute zählen Lieferketten“, sagte Wissdorf.
Moderne Verteidigung werde nicht mehr allein von klassischen Rüstungsunternehmen getragen. Auch Firmen aus Maschinenbau, Automatisierung, Automotive und Software könnten Teil militärischer Lieferketten werden. Gerade darin sieht Wissdorf eine Chance für den deutschen und saarländischen Mittelstand.
Saarland hat die nötige industrielle Basis
„Verteidigungsrelevante Produkte entstehen heute nicht mehr ausschließlich in der traditionellen Verteidigungsindustrie“, sagte er. Für das Saarland ist das besonders interessant: Stahl, Automotive, Maschinenbau, Automatisierung und zunehmend Software gehören nämlich zur industriellen Basis des Landes.
Ein möglicher Einstieg sind sogenannte Dual-Use-Produkte, die zivil und militärisch eingesetzt werden können. Wissdorf nannte Stromversorgungsaggregate, Lastwagen, Sanitätsmaterial und technische Komponenten. Ein weiterer Weg ist die gemeinsame Produktion mit ukrainischen Unternehmen. Die Ukraine verfüge etwa im Drohnenbereich über erhebliche technologische Fähigkeiten, brauche aber industrielle Produktionskapazitäten. Dieses Jahr will die Ukraine zehn Millionen Drohen produzieren, nächstes Jahr 20 Millionen.
Große Chance für Zulieferer aus dem Saarland
Wissdorf verwies auf die Initiative „Build with Ukraine“, bei der ukrainische Innovation mit deutschen industriellen Fähigkeiten verbunden werden soll. „Wir sind in der Lage, Qualität zu liefern, und wir sind in der Lage, Serien zu produzieren“, sagte Wissdorf.
Für saarländische Firmen könnte das bedeuten, vorhandene Produktions- und Entwicklungskompetenzen in neue Märkte zu übertragen, ohne ihr bisheriges Kerngeschäft aufzugeben. Gerade Zulieferer könnten Komponenten liefern oder Fertigungsschritte übernehmen. Erste Kooperationen gibt es bereits, unter anderem im Drohnenbereich.
Auch der umgekehrte Weg ist denkbar: Ukrainische Unternehmen bringen ihre Technologien und Produkte ein, deutsche Firmen übernehmen Teile der Produktion oder passen die Produkte an europäische Standards an. Damit könnte aus einer kurzfristigen Zusammenarbeit eine längerfristige industrielle Partnerschaft entstehen.
Ein zweites großes Geschäftsfeld ist der Wiederaufbau der Ukraine. Wissdorf warnt davor, diesen erst nach einem Friedensschluss zu erwarten. „Der Wiederaufbau findet längst statt“, sagte er. Jedes reparierte Stromnetz, jedes wiedereröffnete Krankenhaus und jede instand gesetzte Bahnstrecke seien bereits Teil des Wiederaufbaus.
In den Vorträgen wurde von einem langfristigen Investitionsbedarf von rund 580 Milliarden Dollar gesprochen. Besonders groß ist der Bedarf bei Energie, Verkehr, Wohnungsbau, Industrie und Landwirtschaft – und damit auch in Bereichen, in denen die saarländische Wirtschaft Kompetenzen besitzt.
Gerade die Energieinfrastruktur bietet nach Einschätzung der Referenten bereits heute Möglichkeiten. Hinzu kommen Maschinen und Produktionsanlagen, Stahl, Baustoffe sowie Lösungen für eine widerstandsfähige Infrastruktur. Der Wiederaufbau ist damit nicht nur eine Perspektive für die Zeit nach dem Krieg, sondern ein Markt, der sich bereits entwickelt.
Wie Unternehmen vor Ort mit der Situation umgehen, schilderte Adrian Schairer von der Außenhandelskammer (AHK) der Ukraine.
„Die ukrainische Wirtschaft hat sich an den Krieg so gut es geht gewöhnt und angepasst“, sagte Schairer. Institutionen, Behörden und Banken funktionierten, das wirtschaftliche Leben gehe weiter.
Für deutsche Unternehmen sei das eine wichtige Erkenntnis. Die Ukraine bleibe trotz des Krieges ein großer Markt. Gleichzeitig kämpfe die Wirtschaft vor allem mit einem Mangel an Arbeitskräften. Viele Männer sind an der Front, zahlreiche Menschen haben das Land verlassen.
Trotz des Krieges investieren weiterhin westliche Unternehmen in der Ukraine oder bauen zerstörte Produktionsanlagen wieder auf. Für Schairer zeigt das: Wer auf das Kriegsende wartet, könnte einen wichtigen Zeitpunkt verpassen. „Wer jetzt als Unternehmer sagt: Das muss erst mal vorbei sein, bis wir uns das Thema anschauen, dann sind Sie schon ziemlich spät dran“, sagte er.
Die Außenhandelskammer unterstützt deutsche Unternehmen bei der Suche nach Geschäftspartnern und beim Markteintritt. Möglich ist zunächst eine Kooperation mit einem ukrainischen Partner, ohne gleich eine eigene Gesellschaft gründen zu müssen. Für saarländische Unternehmen könnte das ein vergleichsweise risikoarmer Einstieg sein: zunächst Kontakte knüpfen, konkrete Geschäftsmöglichkeiten prüfen und mit einem überschaubaren Projekt Erfahrungen sammeln.
Das wirtschaftliche Engagement bleibt allerdings mit Risiken verbunden. Der Krieg dauert an, Angriffe auf die Infrastruktur gehören zum Alltag. Auch Geschäftsreisen müssen sorgfältig vorbereitet und abgesichert werden. Die AHK Ukraine organisiert deshalb Delegationsreisen mit Sicherheitskonzepten und Sicherheitsbegleitern. (jos)
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