Forschende von CAU und Uni Düsseldorf gewinnen neue Erkenntnisse über die Evolution der Glykolyse
Forschende von CAU und Uni Düsseldorf haben mittels bioinformatischer Analysen neue Erkenntnisse über die Evolution der Glykolyse und der daran beteiligten Enzyme gewonnen.
Die meisten heute lebenden Organismen von einzelligen Mikroben bis hin zu komplexen vielzelligen Lebewesen sind in der Lage, Zucker als Nahrung zu verwenden und daraus Energie zu gewinnen. Dabei werden verschiedene Zucker wie zum Beispiel Glukose über einen der grundlegendsten, energieliefernden Stoffwechselwege abgebaut, die sogenannte Glykolyse (Deutsch: „Zuckerauflösung“). Sie kommt in nahezu allen Organismen vor, sowohl bei Mikroorganismen wie Bakterien, ebenso wie bei Pflanzen, Pilzen, Tieren und auch beim Menschen. Auch in Urbakterien, zum Beispiel den hyperthermophilen (Deutsch: „hitzeliebenden“) Archaeen, sind Varianten der Glykolyse bekannt.
Am Institut für Allgemeine Mikrobiologie (IfAM) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) erforscht die Arbeitsgruppe „Stoffwechsel der Mikroorganismen“ um Professor Peter Schönheit seit über 20 Jahren den Zuckerstoffwechsel von Archaeen, den sogenannten Urbakterien. Dabei haben die Kieler Forschenden unter anderem bis dahin unbekannte Varianten der Glykolyse und eine Vielzahl von neuartigen Enzymen und Regulationsmechanismen dieses Stoffwechselwegs entdeckt.
Eine bislang ungeklärte Frage war, wie sich die Glykolyse und die daran beteiligten Enzyme im Laufe der Evolution im Detail entwickelt haben - zum Beispiel, welche enzymatischen Reaktionen in den ersten Lebensformen entstanden sind und welche Rolle sie in der frühen Evolution gespielt haben. Zusammen mit Dr. Ulrike Johnsen vom IfAM sowie den Bioinformatikern Professor William Martin und Luca Modjewski von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität (HHU) hat Schönheit nun eine umfassende phylogenetische Analyse der am Abbau von Glukose beteiligten Enzyme durchgeführt.
Dazu wurden rund 1000 Bakterien- und Archaeen-Genome mit umfangreichen bioinformatischen Methoden analysiert und zahlreiche neue Erkenntnisse zu den darin enthaltenen Glykolyse-Enzymen gewonnen. Dieser globale Vergleich erlaubt neue Einblicke in den Ursprung und die Entstehung der Glykolyse vor Milliarden von Jahren und die parallel entstandenen Mechanismen der Energiespeicherung. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden von CAU und HHU kürzlich in der Fachzeitschrift FEMS Microbiology, die von der Gemeinschaft Europäischer Mikrobiologischer Gesellschaften (Englisch: Federation of European Microbiological Societies, FEMS) herausgegeben wird.
Als erstes Ergebnis der aktuellen Arbeit haben Schönheit und seine Kolleginnen und Kollegen Hinweise darauf gefunden, dass die Glykolyse wahrscheinlich ursprünglich nicht als Zuckerabbauweg entstanden ist. Stattdessen scheinen die ursprünglichsten Reaktionen der Glykolyse in umgekehrter Richtung stattgefunden zu haben: „Offenbar existierte zunächst eine Art Rumpf-Glykolyse zur Bildung von Zuckern aus Pyruvat, die sogenannte Glukoneogenese oder Zucker-Neubildung. Diese evolutionär ursprüngliche Herstellung von Zucker verlief zunächst also genau andersherum als die heutige Glykolyse, die bereits vorhandenen Zucker abbaut“, erklärt Schönheit.
Diese Besonderheit machte Sinn, denn viele Urbakterien sind autotroph, das heißt sie können aus Wasserstoff und Kohlendioxid alle zentralen Stoffwechsel-Verbindungen selbständig aufbauen. „Sie enthielten damit offenbar bereits einige Enzyme der Glykolyse, mit denen sie aber keine externen Zucker verwerteten, diese jedoch in der Umkehrrichtung einsetzten“, so Schönheit weiter. Einige der beteiligten Enzyme zu denen Enolase, Phosphoglycerat Kinase und Triosephosphat Isomerase gehören, kommen in allen Lebewesen vor, von autotrophen Urbakterien bis hin zum Menschen. „Diese Enzyme sind sowohl in der Aminosäuresequenz, als auch in der enzymatischen Funktion evolutionär hoch konserviert. Dies spricht aus unserer Sicht für einen autotrophen Ursprung der Zuckerstoffwechsels - so wie ihn die Urbakterien offenbar bereits sehr früh in der Evolution praktiziert haben“, erklärt Johnsen.
In weiteren Analysen konnten die Forschenden zeigen, dass sich im Laufe der Evolution eine Energiespeicherung parallel mit der Umgestaltung der Glykolyse entwickelt hat. Die Untersuchungen haben ergeben, dass bestimmte Enzyme der Synthese und des Abbaus von sogenanntem Glykogen - lange Ketten von Glukose-Molekülen, die als Energiespeicher dienen können - in Bakterien und Archaeen weit verbreitet sind, speziell auch in autotrophen, methanbildenden Archaeen. Letztere gelten als besonders ursprünglich, was dafür spricht, dass das Glykogen bereits in der frühen Evolution einen Glukosespeicher im Zellinneren bereitstellte, der auch in heutigen komplexen Organismen weiterhin erhalten ist. Beim Menschen ist das Glykogen zum Beispiel der Hauptenergiespeicher in der Leber.
Für die weiteren Schritte der Entwicklung der Glykolyse von der Zuckerherstellung hin zum Zuckerabbau konnte ein Zusammenhang vom Abbau des Glykogens mit der Entstehung der Glykolyse als Abbauweg hergestellt werden. Dabei zeigte sich, dass sich die für den Glukoseabbau benötigten spezifischen Enzyme, wie beispielsweise Zuckerkinasen, dabei vermutlich neu entwickelt haben. „Die im Zellinneren gebildete Glukose stellte dabei wahrscheinlich die erste organische Zuckerverbindung in der Evolution dar, die in Abwesenheit von externer Glukose durch die Glykolyse verarbeitet wurde. In der Umwelt verfügbare Zuckerverbindungen waren zu diesem evolutionären Zeitpunkt noch nicht vorhanden, der benötigte Stoffwechselweg hatte sich dagegen bereits entwickelt“, sagt Schönheit.
Zusammengenommen deuten diese drei Erkenntnisse also darauf hin, dass die Evolution der Glykolyse hin zu ihrer heutigen Form über mehre Stufen verlief: Bei den autotrophen Urbakterien lief sie zunächst noch in umgekehrter Richtung ab. Hier sind die glykolytischen Enzyme im Zuge der Zucker-Neuentstehung noch an der Herstellung von Zellbausteinen und des Energiespeichers Glykogen beteiligt. Im weiteren Verlauf der Evolution haben sich dann die enzymatischen Schritte der klassischen Glykolyse entwickelt und dienten zunächst dem Abbau der in den Zellen gespeicherten Energie - in Form der intrazellulären Glykogenspeicher.
„Die gegenwärtige Form der Glykolyse zum Abbau von in der Umwelt enthaltenem Zucker kam später dazu, erst als vor rund 3 Milliarden Jahren die Photosynthese neu entstanden war und damit größere Mengen an Glukose in der Natur verfügbar wurden. Damit liefern unsere neuen Forschungsergebnisse ein schlüssiges Bild der Evolution eines uralten Stoffwechselwegs, der in seiner Form prinzipiell erhalten geblieben ist, aber seine Funktion über Milliarden von Jahren an eine sich geänderte Umwelt angepasst hat“, fasst Schönheit zusammen.
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