Sie gab Übungsleiterstunden und passte auf Kinder auf, um ihren Sport zu finanzieren. In Birmingham belohnt sich Julia Ulbricht sensationell mit EM-Silber.
Es war einer dieser Momente, in denen ein sportliches Ergebnis erst langsam zu einer Geschichte wird. Julia Ulbricht stand am Sonntagabend im Alexander Stadium von Birmingham und wusste zunächst offenbar selbst nicht so recht, was da gerade passiert war. Die Speerwerferin vom 1. LAV Rostock hatte bei den Leichtathletik-Europameisterschaften eine Medaille gewonnen. Silber. Im größten Wettkampf ihrer bisherigen Karriere. Und vielleicht für niemanden mehr überraschend als für sie selbst.
Als nach den letzten Würfen der Konkurrenz feststand, dass Ulbricht eine Medaille sicher hatte, kamen ihr die Tränen. Nicht aus Enttäuschung, sondern aus Überforderung mit dem eigenen Erfolg.
Wenig später, im Interview mit der ARD, war das Bild ganz ähnlich. „Ich kann es noch immer nicht fassen“, sagte die 25-Jährige und war den Tränen nah. Sie werde sich den ganzen Stream noch einmal anschauen müssen. „Ich bin einfach nur happy.“
Julia Ulbricht gewann überraschend EM-Silber im Speerwurf.
© Matthias Schrader/AP
61,53 Meter hatte Ulbricht im ersten Versuch geworfen. Nur fünf Zentimeter fehlten damit zu ihrer erst wenige Wochen alten persönlichen Bestleistung. Vor ihr lag am Ende nur die Kroatin Sara Kolak, die mit 62,43 Metern Europameisterin wurde. Bronze ging an die Serbin Adriana Vilagos mit 60,93 Metern.
Die Überraschung war auch deshalb so groß, weil Ulbricht nicht als eine der großen Medaillenfavoritinnen nach Birmingham gereist war. Zwar hatte sie in diesem Jahr bereits gezeigt, dass sie zu Würfen jenseits der 60 Meter fähig ist. Doch die internationale Bühne ist eine andere. Und die Bedingungen im Alexander Stadium waren am Sonntag alles andere als einfach: Der Wind machte den Speerwerferinnen das Leben schwer. Ulbricht aber erwischte mit ihrem ersten Wurf gleich genau den richtigen Moment.
Sie musste an diesem Abend nicht besser werfen als jemals zuvor. Sie musste nur besser sein als fast alle anderen. Und genau das war sie.
Eine Einordnung macht allerdings auch deutlich, wie wenig selbstverständlich diese Silbermedaille ist. Mit ihren 61,53 Metern hätte Ulbricht bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren in Budapest lediglich Rang sechs belegt. Das nimmt ihrem Erfolg nichts. Im Gegenteil. Ein großer Wettkampf besteht eben nicht nur aus Zahlen, Bestweiten und Bestenlisten. Er besteht auch daraus, im richtigen Moment da zu sein. Ulbricht war da.
Dabei hätte ihre Karriere auch ganz anders verlaufen können. Mehrfach wurde sie von Verletzungen zurückgeworfen. Und in den vergangenen Jahren kam zu den sportlichen Problemen noch eine ganz andere Belastung hinzu: das Geld.
Ulbricht gehörte zuletzt nicht zum Bundeskader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Immer wieder jagte sie einer Kadernorm hinterher, immer wieder verfehlte sie diese. „Ich habe jedes Jahr eine Kadernorm gejagt, nicht geschafft“, erzählte sie nach dem Finale. Wer daneben noch studiert und seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten muss, kann sich irgendwann die Frage stellen, ob sich Leistungssport überhaupt noch aufrechterhalten lässt. „Ich war zwischenzeitlich schon an dem Punkt, wo ich überlegt habe, ob ich aufhöre und nicht mehr weitermache“, sagte sie in Birmingham.
Geld verdienen musste sie trotzdem. Sie gab Übungsleiterstunden, fuhr in Kindergärten und machte dort mit Kindern Sport. Sie babysittete. Während andere Athletinnen und Athleten ihren Alltag weitgehend auf Training und Wettkampf ausrichten können, musste Ulbricht schauen, wie sie Studium, Sport und das Bezahlen von Miete und Rechnungen unter einen Hut bekommt.
Julia Ulbricht will nach EM-Silber als Nächstes bei Olympia angreifen.
© Sven Hoppe/dpa
Und trotzdem blieb sie beim Speerwurf. Mit elf Jahren hatte sie damit begonnen. Nicht, weil sie damals schon von Kadernormen, Förderstufen oder Olympischen Spielen wusste. Sondern weil es ihr Spaß machte. Irgendwann, erzählt Ulbricht, habe sie sich deshalb gefragt, warum sie überhaupt noch Leistungssport mache. Die Antwort war erstaunlich einfach: weil sie ihn liebt. Weil sie Freude daran hat. Und weil sie diesen Spaß wiedergefunden hat.
Der Traum von OlympiaVielleicht war genau das der entscheidende Schritt zurück zu jener Athletin, die am Sonntag in Birmingham auf der Anlaufbahn stand. Denn aufgegeben hat sie nie. „Mein Traum ist immer noch, dass ich es zu Olympia schaffe“, sagte Ulbricht. „Deshalb habe ich nie aufgegeben und weitergekämpft – trotz der ganzen Herausforderungen und Schwierigkeiten.“
Der Traum ist nun ein Stück realistischer geworden. Mit der EM-Medaille erfüllt Ulbricht die Zugangsvoraussetzung für den Olympiakader. Damit könnte sich ihre finanzielle Situation verbessern. Und vielleicht öffnet ihr das Silber von Birmingham auch Türen, die ihr bislang verschlossen blieben. Sponsoren etwa. Bessere Wettkämpfe. Mehr Unterstützung. Mehr Möglichkeiten, sich auf das zu konzentrieren, was sie am liebsten tut: Speerwerfen.
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