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Deutschlandradio-Intendant Raue: „Wenn jemand viel Herzblut in ein Format setzt, hängt er daran“

Дата публикации: 17-08-2026 17:06:12

Der Deutschlandfunk verändert sein Programm. Es gibt viel Unruhe. Wird das Programm jetzt seicht? Der Intendant Stefan Raue erklärt die Revolution, die keine sein soll.

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Stefan Raue will zum Ausklang seiner Karriere den Deutschlandfunk (DLF) fit für das digitale Zeitalter machen. Die Kritik ist laut. In einem nachgebauten Studio der „Dalli, dalli!“-Ikone Hans Rosenthal erklärt uns der Intendant ziemlich entspannt, was aus dem Sender werden soll.

Herr Raue, im Internet gibt es eine Petition zum Erhalt des Deutschlandfunks, mit schon rund 6000 Unterschriften. Wie erklären Sie sich, dass die Programmreform so eine Aufregung ausgelöst hat?

Wenn man genau in die Petition oder in die Briefe schaut, die wir bekommen, dann ist da zunächst einmal sehr viel Wertschätzung für unser Programm. Die Menschen sagen: Ihr seid uns ans Herz gewachsen, ihr seid profiliert, wir sind Fans bestimmter Sendungen. So eine enge Bindung ans Publikum ist im Mediengeschäft etwas Besonderes. Deswegen wundert mich auch nicht, dass man besonders aufgeregt reagiert, wenn sich etwas verändern soll. Wenn man aber genau schaut, ist es nicht die große Revolution. Wir verändern in einem bestimmten Teil des Tages etwas: Im Bereich der Fachmagazine gehen wir weg von eher kurz- und kleinteiligen Magazinen hin zu Schwerpunktsendungen. Wer an einer bestimmten Magazinsendung hängt, fürchtet  zunächst, dass die Inhalte, die er schätzt, verloren gehen. Das ist aber nicht so.

Stefan Raue

Markus Wächter/Berliner Zeitung

Stefan Raue

Stefan Raue, geboren 1958 in Wuppertal, ist Journalist und seit 2017 Intendant des Deutschlandradios. Zuvor arbeitete er unter anderem bei WDR, RIAS-TV, der Deutschen Welle und dem ZDF und war von 2011 bis 2017 Chefredakteur des MDR. Raue studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Freiburg und Bielefeld.

Warum wird die Reform überhaupt gemacht? Bisher wurde sehr allgemein gesagt, sie müsse eben sein. Was war der konkrete Anstoß?

Das hängt mit dem Digitalen zusammen. Wir haben einen sehr ambitionierten Auftrag, was die Qualität unseres linearen Programms angeht, aber zugleich auch den Auftrag, dies in neue digitale Formate zu überführen. Viele Jahre hat man gedacht: Podcasts, Audiotheken und Ähnliches kann man neben der normalen Arbeit machen. Wir haben aber gemerkt: Das bekommen wir auf Dauer nicht hin. Das überfordert unsere Leute und verschleißt Ressourcen. Wir müssen weiterhin traditionelles Radio für sehr ambitionierte, kritische und wache Hörer machen. Wir haben damit auch gute Reichweiten. Aber die Generation unter 40 erreicht das traditionelle Radio immer weniger. Und es ist nicht daran zu denken, dass diese Menschen mit 45 oder 50 plötzlich zum Radiohören wechseln. Um diese Generation zu gewinnen, müssen wir stark ins Digitale investieren. Da wir dafür nicht mehr Geld bekommen, müssen wir die Ressourcen aus dem Gesamthaushalt schöpfen. Die Programmreform versucht deshalb, in einem Teil des Programms die Angebote fürs Lineare so zu machen, dass sie auch in der digitalen Welt gut genutzt werden können.

Heißt das, dass das Analoge perspektivisch nur noch als Spiegel des Digitalen zu sehen ist?

Nein, das ist nicht so schwarz-weiß. Von 24 Stunden reden wir über vielleicht vier Stunden des Tages, die verändert werden. Die Ressourcen dort sollen so eingesetzt werden, dass die Formate und Programmangebote auch in der digitalen Welt gut nutzbar sind.

Warum lässt man zum Beispiel die Morgensendung später anfangen? Aus digitaler Sicht kann man doch gar nicht früh genug beim Nutzer sein.

Wir werden zwischen fünf und sechs weiterhin aktuelle Informationen anbieten. Die „Informationen am Morgen“ sind aber unsere zentrale Zugmaschine; das Format mit der höchsten Bedeutung im Markt, Orientierung für Menschen, die morgens wissen wollen, ob die Welt noch steht. Diese Sendung verschieben wir etwas nach hinten, weil sich die Tagesabläufe der Nutzer geändert haben.

Der Sitz des Deutschlandradios in Berlin-Schöneberg

Der Sitz des Deutschlandradios in Berlin-Schöneberg

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Eines der Herzstücke des Deutschlandfunks sind die Fachredaktionen. Kritiker sagen, künftig müsse alles stärker in Wettbewerb treten, und ein anspruchsvolles Thema könne gegenüber einem eingängigen Thema den Kürzeren ziehen. Sehen Sie diese Gefahr?

Nein. Es gibt keine Schwächung der Fachredaktionen von Wissenschaft über Religion bis Literatur. Auch der Programmetat, aus dem die Freien bezahlt werden, wird nicht gekürzt. Die Fachredaktionen behalten eigene Sendeplätze. Da gibt es keinen Wettbewerb. Zusätzlich werden sie Dialogsendungen inhaltlich betreuen. Und in den „Informationen am Morgen“ sollen drei Sendeplätze für investigative oder besonders recherchierte Inhalte der Fachredaktionen zur Verfügung stehen.

Was sind Dialogsendungen?

Das ist der Dialog mit dem Publikum. Das ist wichtig, und der Gesetzgeber hat Beteiligung der Hörerinnen und Hörer auch ausdrücklich in den Auftrag geschrieben. Die Menschen wollen nicht nur etwas hören oder lesen, sondern auch teilnehmen. Dafür gibt es eine kleine Dialogredaktion, die die Struktur schafft. Die inhaltliche Betreuung machen aber die Fachredaktionen – Literatur, Religion, Wirtschaft oder Wissenschaft.

Wie erklärt sich dann der starke Widerstand unter den Mitarbeitern?

Wir haben eine große Zahl von Kolleginnen und Kollegen, die diese Reform unterstützen. Über 200 Menschen sind in verschiedenen Arbeitsgruppen beteiligt, entwickeln Formate und sagen inzwischen: Wir diskutieren seit zwei Jahren, jetzt wollen wir auch mal etwas in die Welt setzen. Wir haben aber auch Mitarbeitende, die sagen: Das ist ein hohes Risiko, die Menschen hängen an bestimmten Formaten. Finden sie die Inhalte danach noch? Mediennutzer sind auch Gewohnheitstiere und können auf Veränderungen erst mal skeptisch reagieren. Grundsätzlich ist es aber nicht so, dass sich eine kleine Geschäftsleitung wilde Ideen ausgedacht hat und dem eine Belegschaft in Aufruhr gegenübersteht. Natürlich gibt es Skeptiker, aber ein großer Teil der Mitarbeitenden unterstützt die Reform.

Stefan Raue im Gespräch mit dem Herausgeber der Berliner Zeitung Michael Maier

Stefan Raue im Gespräch mit dem Herausgeber der Berliner Zeitung Michael Maier

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Besteht nicht die Gefahr, digitalen Moden hinterherzulaufen, statt auf die Qualität zu setzen, für die der Deutschlandfunk steht?

Wir haben ziemlich genau analysiert, was die Menschen möchten, die unsere Audiothek, die ARD-Audiothek, Spotify oder andere Plattformen nutzen. Das Interessante ist: Sie möchten genau das, wofür wir eigentlich stehen. Hintergrund, Qualität, Zeit für ein Thema, verschiedene Perspektiven. Nicht irgendwie schmusig Menschen in den Tag bringen, sondern ihnen ein ernsthafter Partner sein.

Sollte man nicht stärker auf Reporter setzen, die draußen sind und recherchieren?

Der Etat, aus dem wir freie Mitarbeitende und Honorare bezahlen, bleibt gleich. Die Sendeplätze in den reichweitenstärksten Sendungen sollen die Fachredaktionen auch ermuntern: Wenn ihr etwas Eigenrecherchiertes, Investigatives habt, etwas, das sonst keiner hat, dann könnt ihr das morgens präsentieren und müsst nicht bis zur Fachsendung am Nachmittag warten. Das ist eine Ermunterung zu eigener Recherche und zu Autorenleistungen.

Sie wollen also den Verwaltungsmittelbau in den Fachredaktionen reduzieren?

Ja. Die Autoren in den Fachredaktionen sollen nicht nur erhalten bleiben, sondern eher mehr Arbeit und Möglichkeiten bekommen.

Könnte die Programmreform nicht auch dazu genutzt werden, die Unabhängigkeit von der Politik zu stärken? Die Programmreform ist schließlich eine redaktionelle Entscheidung.

Der Hörfunkrat und der Programmausschuss diskutieren solche Dinge natürlich. Nach meiner Erfahrung finden dort aber keine politischen Schaukämpfe statt, sondern sehr ernsthafte Diskussionen zwischen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und Regionen. Der Hörfunkrat hat gesagt, er werde die Reform weiter begleiten und nach einer gewissen Zeit schauen: Ist das so inhaltsstark und hochwertig geworden wie angekündigt? Kommt es beim Publikum an?

Was heißt „nach einer gewissen Zeit“?

Mindestens ein Jahr. Eine solche Reform braucht erst einmal einige Monate, bis sich neue Formate setzen. Wir sind ja nicht unfehlbar und müssen an den Formaten weiterarbeiten.

Kann der Widerstand auch daher kommen, dass hier Pfründe gefährdet sind? Dass man sagt: Ihr habt das 30 Jahre toll gemacht, aber das ist keine Garantie für immer?

Wenn jemand viel Herzblut in ein Format setzt, hängt er daran. Deshalb verstehe ich, dass Menschen, die viele Jahre an einer Sendung beteiligt waren, sich schwertun, wenn diese künftig einen anderen Zuschnitt hat. Ich würde das nicht Pfründe oder Besitzstände nennen. Das hat mit unserem Beruf und mit Begeisterung für journalistische Arbeit zu tun. Entscheidend ist, ob die neuen Formate die Skeptiker überzeugen.

Müssten Sie nicht viel radikaler rangehen – mit ganz neuen Formaten und ganz neuen Leuten, die vielleicht aus dem Internet kommen?

Was mich sehr optimistisch stimmt, ist, dass wir einen außerordentlich guten Zulauf von jungen Menschen haben. Für fünf Volontärstellen haben wir über 450 Bewerbungen pro Jahr. Wir haben auch aufgehört, den Hochschulabschluss zur absoluten Voraussetzung zu machen. Dadurch kommen andere Biografien und Perspektiven ins Haus. Wir sind wie viele Medienhäuser von Babyboomern dominiert. In den nächsten Jahren werden ungefähr 30 Prozent der Mitarbeitenden beim Deutschlandradio in den Ruhestand gehen. Das ist eine enorme Chance für jüngere Menschen, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen und neue Dinge zu entwickeln. Mit der Verjüngung des Senders werden natürlich auch die Formate moderner.

Ist die Programmreform auch Teil dieses Generationenwechsels – eine Vorbereitung auf den Abgang der Babyboomer?

Diese Programmreform soll uns eine Überlebenschance für die nächsten fünf bis zehn Jahre geben. Wir können nicht sagen: Die unter 40-Jährigen hören sowieso nur Spotify, also ignorieren wir sie und kümmern uns nur um die Älteren. Die heute 30- oder 40-Jährigen werden in einigen Jahren eine prägende Rolle in der Gesellschaft spielen. Wir müssen unser Profil bewahren und weiterentwickeln, damit wir auch von diesen Menschen akzeptiert und gesucht werden.

Das heißt, die Programmreform ist nicht nur ein Versuchsballon, bei dem man nach einem Jahr notfalls zurückrudert, sondern eher ein erster Schritt zu einer viel gravierenderen Reform?

Das würde ich so nicht sagen. Wir haben keinen Plan X, Y oder Z für eine weitere Reform in drei oder vier Jahren. Jeder Sender muss sich jedoch darauf einstellen, dass die zeitsouveräne Nutzung wichtiger wird: Ich möchte jetzt zu einem bestimmten Thema etwas hören, und dafür nehme ich mir eine halbe Stunde Zeit. Gleichzeitig wollen wir denen, die treu unser Radio hören, nicht sagen: Ihr interessiert uns nicht mehr. Deshalb ist diese Reform so nah an unserer Substanz.

Das heißt, das klassische Programmschema wird auf längere Sicht immer unwichtiger?

Auf längere Sicht, ja.

Dann wäre doch entscheidend, dass das Unterscheidungsmerkmal die Qualität ist, die man aus dem Analogen kennt.

So ist es. Das ist der zentrale Punkt. Wir machen keine Schmuselaber-Podcasts. Unser Markenzeichen ist, dass wir die Menschen ernst nehmen, ihnen Hintergrund anbieten, sie nicht unterschätzen und unterschiedliche Perspektiven zeigen. Die neuen digitalen Formate sind anspruchsvoll und fordern die Hörer. Wir wissen, dass unser Publikum genau das möchte.

Sie müssten eigentlich am laufenden Band so etwas wie „60 Minutes“ on demand produzieren.

Genau.

30 Prozent gehen in Rente. Wie viele neue Leute kommen?

Wir müssen nach den Vorgaben der KEF beim Personal jährlich 0,5 Prozent abbauen. Deshalb wird nicht jede Stelle nachbesetzt. Gleichzeitig gibt es neue Aufgaben. Im KI-Management haben wir zum Beispiel zwei neue Leute eingestellt. Wir werden also einen großen Teil nachbesetzen, aber nicht jede Stelle und nicht unbedingt an derselben Stelle.

Stefan Raue: „Es kommen sehr gute junge Leute zu uns.“

Stefan Raue: „Es kommen sehr gute junge Leute zu uns.“

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Die älteren Fachredakteure sind ja auch ein Asset. Eigentlich müssten Sie in der Lage sein, diese humane Intelligenz im Haus zu bewahren.

Das machen wir auch. Die Fachredaktionen betreiben selbst Nachwuchsförderung. Sie haben einen guten Blick dafür, wer in anderen Sendern oder Medien gut ist, wer sich entwickelt und wer fachlich stark ist. So kommen sehr gute junge Leute zu uns.

Und die KI als letzter Mitarbeiter?

Die KI ist für uns Werkzeug, aber nicht mehr. Für uns gilt: keine KI hinter dem Mikrofon und keine KI als Schlussredakteur.

Ganz persönlich: Haben Sie manchmal ein unangenehmes Gefühl bei der KI?

Ja, klar. Ich habe diese unbehagliche Vision, dass irgendwann KI Romane schreibt und KI diese Romane auch liest – und wir anderen stehen daneben und schauen uns dieses Spektakel an.

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