Nach rasanten Reformen wählt Kasachstan erstmals ein Einkammerparlament. Für die EU wird Astana durch Milliardenhandel und Rohstoffimporte immer wichtiger. Aber weiß Brüssel das überhaupt?
Kasachstan baut seine politische Ordnung in ungewöhnlich hohem Tempo um. Während Europa das Land vor allem als Rohstofflieferanten und Transitkorridor wahrnimmt, verändert sich zugleich seine institutionelle Architektur.
Im März 2026 stimmte die Bevölkerung für eine neue Verfassung, seit dem 1. Juli ist sie in Kraft. An die Stelle des bisherigen Zwei-Kammer-Systems tritt ein „Kurultai“ mit 145 Abgeordneten, der am 23. August erstmals gewählt wird. Die OSZE begleitet die Abstimmung mit einer Wahlbeobachtungsmission.
Zwischen Referendum und Parlamentswahl liegen nur fünf Monate. Der enge Zeitplan zeigt, mit welchem Nachdruck Astana den institutionellen Umbau vorantreibt. Interessant ist dabei die Verbindung von innenpolitischen Reformen und außenpolitischem Kalkül.
Im Rahmen seiner Multivektorpolitik unterhält Astana gute Beziehungen zu Russland und China ebenso wie zur Türkei, zur EU, den USA, den Golfstaaten und Israel. Zugleich hat sich das Land als diplomatische Plattform etabliert – vom Astana-Prozess für Syrien über Gespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan bis zu den Verhandlungen über das iranische Atomprogramm.
Mehr als eine ParlamentsreformDer Kurultai ist nur der sichtbarste Teil eines längerfristigen Reformprozesses. In den vergangenen Jahren hat Kasachstan sein Wahlsystem verändert, ein Verfassungsgericht eingerichtet und das Verhältnis zwischen Präsident, Parlament und Regierung neu austariert. Zugleich wurde ein großer Teil der Verwaltung digitalisiert – mit dem Anspruch, staatliche Entscheidungen effizienter, transparenter und stärker an den Bedürfnissen der Gesellschaft auszurichten.
Dahinter steht auch wirtschaftliches Kalkül. Künstliche Intelligenz verändert ganze Branchen, globale Lieferketten werden neu geordnet, die Energiewende schafft neue Abhängigkeiten und Handelskonflikte nehmen zu. Im Wettbewerb um Investitionen, Technologien und kritische Rohstoffe werden verlässliche Regeln und handlungsfähige Institutionen damit selbst zu einem Standortfaktor.
Kasachstan bringt dafür günstige Voraussetzungen mit. Das neuntgrößte Land der Erde und die größte Volkswirtschaft Zentralasiens verfügt über eine vergleichsweise gut entwickelte Infrastruktur und erhebliches Investitionspotenzial, das sich zunehmend in internationalen Großprojekten niederschlägt. Im Juni unterzeichneten die Regierung und das amerikanische KI-Infrastrukturunternehmen Firebird gemeinsam mit dem ebenfalls amerikanischen Technologiekonzern NVIDIA Vereinbarungen im Umfang von 10 Milliarden US-Dollar zum Ausbau der KI- und Rechenzentrumsinfrastruktur, darunter für das „Data Center Valley“ in Ekibastuz.
Zwei Männer stehen am 14. März 2026 in Almaty vor einer Großbildanzeige zum Verfassungsreferendum, das am folgenden Tag stattfand.
© RUSLAN PRYANIKOV
Nur einen Monat später wurden bei Präsident Tokajews Besuch in Shanghai mehr als 70 kommerzielle Vereinbarungen mit chinesischen Partnern im Wert von über 15 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Sie reichen von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung bis zu Verkehr und Industrie; darunter sind Kooperationen mit Huawei sowie eine Vereinbarung mit der chinesischen Hengtong Group zur Weiterentwicklung des „Data Center Valley“. Zugleich gewinnt Kasachstans Lage zwischen Europa und Asien wirtschaftlich und geopolitisch weiter an Bedeutung.
Ein Parlament mit kürzeren WegenMüssen Gesetze nicht mehr zwei Kammern durchlaufen, können Verfahren kürzer und politische Verantwortlichkeiten klarer werden. Verändern sich gesellschaftliche oder wirtschaftliche Anforderungen, soll das Parlament schneller einen neuen gesetzlichen Rahmen schaffen können. Im Idealfall wird damit auch der Weg vom gesellschaftlichen Bedarf über die parlamentarische Entscheidung bis zur Umsetzung durch die Regierung kürzer und klarer.
Für Astana hat das einen konkreten Hintergrund. Die stark rohstoffgeprägte Wirtschaft soll breiter aufgestellt werden: verarbeitende Industrie, Künstliche Intelligenz, Energie, Transport und Logistik sowie die Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe. Gerade dort können Genehmigungsverfahren und Investitionsregeln darüber entscheiden, ob Projekte umgesetzt werden oder Kapital abwandert.
Die höhere Geschwindigkeit hat allerdings eine politische Kehrseite. Mit der zweiten Parlamentskammer entfällt eine zusätzliche Prüfstufe. Der Kurultai wird deshalb zeigen müssen, dass kürzere Wege mit fundierter parlamentarischer Beratung, öffentlicher Debatte und wirksamer Kontrolle der Regierung vereinbar sind.
Entscheidend ist damit nicht nur die Geschwindigkeit der Gesetzgebung, sondern das Gleichgewicht zwischen Handlungsfähigkeit und Kontrolle.
Vom digitalen zum anpassungsfähigen StaatViele Behördengänge lassen sich inzwischen digital erledigen. Im E-Government Development Index der Vereinten Nationen belegte Kasachstan 2024 Rang 24 unter 193 Staaten. Die Modernisierung der Verwaltung begann damit lange vor der aktuellen Verfassungsreform.
Nun sollen digitale Technologien stärker für Analyse und Entscheidungsfindung eingesetzt werden. Datenverarbeitung und Künstliche Intelligenz können Behörden helfen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen sowie Veränderungen internationaler Märkte früher zu erkennen.
Informationen liegen heute beinahe in Echtzeit vor, politische Entscheidungen benötigen dagegen weiterhin Wochen oder Monate. Der institutionelle Umbau lässt sich deshalb als Versuch lesen, aus einer digitalisierten Verwaltung einen anpassungsfähigeren Staat zu machen – einen Staat, der Veränderungen nicht nur erkennt, sondern seine politischen und regulatorischen Instrumente entsprechend anpassen kann.
Das Verfassungsgericht und BürgerrechteAuch beim Schutz individueller Rechte hat sich die staatliche Architektur verändert. Anfang 2023 nahm das neu eingerichtete Verfassungsgericht seine Arbeit auf. Bürger können sich unter bestimmten Voraussetzungen direkt an das Gericht wenden, wenn geltende Rechtsnormen ihre verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten berühren.
Allein im ersten Jahr gingen mehr als 5000 Eingaben ein. Viele erfüllten die formalen Voraussetzungen nicht, doch der neue Zugangsweg wird offenkundig genutzt.
Damit erhält die Verfassung für die Bevölkerung eine praktischere Bedeutung. Die Qualität eines Staates bemisst sich nicht nur daran, wie schnell er entscheidet, sondern auch daran, welche Möglichkeiten Bürger haben, staatliches Handeln überprüfen zu lassen.
Eine Frage des Maßstabs und des politischen KontextsZu einem vollständigen Bild gehört auch Kritik. Freedom House verweist auf Einschränkungen des politischen Wettbewerbs sowie der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Human Rights Watch auf Defizite bei politischen und rechtlichen Freiheiten. Die Reformen beseitigen solche Defizite nicht automatisch. Entscheidend ist, wie die neuen institutionellen Möglichkeiten in der Praxis genutzt werden.
Solche Einschätzungen sind ein wichtiger Maßstab. Zugleich wird im Umfeld der OSZE darüber gestritten, ob Transformationsprozesse überall mit demselben Raster angemessen erfasst werden. Die OSZE verweist darauf, dass demokratische und rechtsstaatliche Verpflichtungen gemeinsam vereinbart wurden und für alle Teilnehmerstaaten gelten.
Für die Einordnung lohnt auch der regionale und historische Vergleich. In Kasachstan besitzen Stabilität, staatliche Handlungsfähigkeit und institutionelle Kontinuität traditionell hohes Gewicht. Wandel vollzieht sich eher schrittweise als durch einen radikalen Bruch.
Ein eigener Weg in ZentralasienEinen einheitlichen Reformweg gibt es in der Region nicht. Kirgisistan galt lange als politisch pluralistischer, erlebte jedoch wiederholt innenpolitische Krisen und Machtwechsel. Usbekistan setzt stärker auf wirtschaftliche Öffnung und bessere Bedingungen für Unternehmen. Tadschikistan und Turkmenistan verfügen weiterhin über deutlich stärker zentralisierte politische Systeme.
Astana verfolgt einen anderen Kurs. Staatliche Strukturen werden schrittweise verändert, ohne die institutionelle Kontinuität aufzugeben. Stabilität behält einen hohen Stellenwert, soll aber stärker über modernisierte Institutionen abgesichert werden. Die Region hat erlebt, dass Instabilität erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten verursachen kann.
In Teilen erinnert diese Entwicklungslogik an Singapur unter Lee Kuan Yew: Stabilität als Grundlage für Modernisierung, leistungsfähige Institutionen und einen Staat, der sich rasch an wirtschaftliche und geopolitische Veränderungen anpassen kann.
Das bedeutet nicht, dass der Prozess politischer Öffnung abgeschlossen wäre. In Kasachstan bestehen weiterhin Herausforderungen bei politischem Wettbewerb, parlamentarischer Debattenkultur, Medienfreiheit und gesellschaftlicher Beteiligung.
Zugleich ist eine Bereitschaft erkennbar, die staatliche Architektur an veränderte wirtschaftliche, gesellschaftliche und technologische Bedingungen anzupassen. Ob daraus langfristig mehr politische Offenheit entsteht, muss sich in der Praxis erweisen.
Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew (M.) in Brüssel mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa.
© IMAGO/EU Council / Pool
Für Europa ist der Prozess längst mehr als eine innenpolitische Angelegenheit. Die Europäische Union ist Kasachstans wichtigster Handels- und Investitionspartner. 2025 lag der Warenhandel bei rund 41,4 Milliarden Euro. Beide Seiten arbeiten bei kritischen Rohstoffen, Batterien und erneuerbarem Wasserstoff zusammen. Auch der Transkaspische Transportkorridor gewinnt als Route zwischen Zentralasien und Europa an Gewicht.
Beim Besuch von Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew in Brüssel im Juni 2026 vereinbarten beide Seiten, ihre strategische Zusammenarbeit auszubauen. Europa sucht zusätzliche Lieferanten; Astana will mehr Rohstoffe selbst weiterverarbeiten und Wertschöpfung im Land halten.
Und doch übersieht Europa einen wesentlichen Teil der Entwicklung. Brüssel betrachtet Kasachstan vor allem durch die Rohstoff- und Transitbrille; der politische Umbau erhält weniger Aufmerksamkeit. Auch wirtschaftlich klafft eine Lücke: Global Gateway mobilisiert zwölf Milliarden Euro für ganz Zentralasien, während Kasachstan allein 2025 Geschäftspakete über mehr als 24 Milliarden Dollar mit China, rund 17 Milliarden mit den USA und 3,7 Milliarden mit Japan vereinbarte. Europas strategischer Anspruch ist größer als seine konkrete Präsenz.
Für Deutschland und die EU wird damit auch die Qualität staatlicher Institutionen zu einer wirtschaftlichen Frage. Wer langfristig investiert oder strategische Rohstoffpartnerschaften eingeht, braucht berechenbare Regeln und verlässliche Gerichte.
Europa sollte den Reformprozess deshalb weder verklären noch vorschnell als unzureichend abtun. Interessanter ist, ob in Kasachstan ein eigener Weg entsteht, auf dem staatliche Handlungsfähigkeit, wirtschaftliche Modernisierung, Rechtsstaatlichkeit und eine schrittweise Öffnung des politischen Systems zusammenfinden.
Bewährungsprobe steht bevorKasachstans Entwicklungsmodell beruhte lange auf Stabilität und wirtschaftlichem Wachstum. Der aktuelle Reformkurs erweitert es um einen weiteren Anspruch: Ein stabiler Staat soll nicht nur verlässlich funktionieren, sondern auch fähig sein, sich selbst zu verändern und seine Institutionen an neue wirtschaftliche, technologische und geopolitische Bedingungen anzupassen.
Im Kern folgt dieser Reformkurs einer einfachen Logik: Stabilität durch Modernisierung, staatliche Stärke durch leistungsfähige Institutionen und Wettbewerbsfähigkeit durch die Fähigkeit, auf neue Herausforderungen rechtzeitig zu reagieren.
Die Wahl zum Kurultai am 23. August wird für all das ein wichtiger Test. Gelingt es, staatliche Handlungsfähigkeit mit wirksamer Kontrolle und politischer Beteiligung zu verbinden, könnte der kasachische Reformweg auch über Zentralasien hinaus Beachtung finden.
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