Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen ist die Technoparade und Demonstration am Mittag gestartet. Dabei ist das CSD-Attentat noch in den Köpfen.
Die Ruhe vor dem Sturm: Mit einer Schweigeminute hat die Techno-Demonstration Rave The Planet begonnen. Bevor sich die „Floats“, also die Trucks mit Musikanlagen und Menschen, in Bewegung setzten, wurde der Opfer des CSD-Attentats vor drei Wochen gedacht.
Denn die Veranstaltung unter dem Motto „Imagine Love“ findet an einem vorbelasteten Ort statt: 300 Meter Luftlinie entfernt fuhr am 25. Juli ein mutmaßlich islamistisch motivierter Attentäter in eine Menschenmenge, woraufhin der CSD evakuiert wurde. Gut eine Woche ist es her, dass am Tatort ein neuer Baum gepflanzt wurde, begleitet von einer Regenbogenbank. Das Attentat beschäftigt Deutschland und die queere Community weiterhin, die medialen Nachwehen sind tagesaktuell.
Heute jedoch schallt und wummert es teils ohrenbetäubend durch den Tiergarten. 300.000 Menschen erwartet der Veranstalter bei wolkenfreiem Himmel und 35 Grad. Und so könnte es für Rave The Planet vielleicht keinen vorteilhafteren Ort geben als Berlins größten Park. Wer von Musik und Sonne auf der Straße des 17. Juni eine Pause braucht, zieht sich unter die Bäume zurück oder legt sich auf eine der Wiesen.
Während im Hintergrund die Musik aus den Boxen dröhnt, suchen zwei Besucher am Tatort des CSD-Anschlags einen Moment der Stille.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
„Natürlich ist das im Hinterkopf“, sagt Maik K., der sich mit seiner Freundin kurz im Schatten erholt. Das Gedenken und die Anerkennung finden die beiden absolut richtig. Aber man müsse ein Gleichgewicht finden: „Alles stillzulegen ist auch keine Lösung.“
Angst haben die beiden nicht. „Überall, wo man hinschaut, ist Polizei“, finden sie. Feuerwehr und Sicherheitspersonal nehmen sie als sehr präsent wahr. Rund 1500 Polizistinnen und Polizisten sollen heute im Einsatz sein, hatte eine Sprecherin der Polizei mitgeteilt. Über dem Tiergarten sieht man den angekündigten Polizeihubschrauber kreisen. Auch Beamte zu Pferd sind im Einsatz.
Auch zu Pferde ist die Polizei im Tiergarten unterwegs.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Bei sengender Hitze und sechsstelliger Besucherzahl rückt auch ein weiteres Thema in den Vordergrund: die medizinische Versorgung. „Bisher ist es sehr ruhig“, sagt Andy Nindelt vor dem Stabsraum von MOL Medical am Nachmittag. Der Haupteinsatzleiter ist heute mit seinem Unternehmen für die Gesundheit der Besucher zuständig.
„Wir haben gute Gespräche mit der Feuerwehr geführt und sind guter Dinge.“ Die Organisatoren von Rave The Planet seien sehr bemüht gewesen, dass auch medizinisch alles gut abgesichert ist. „Nicht aus Angst, sondern aus Respekt und Verpflichtung gegenüber den Teilnehmern.“
Das insgesamt 300-köpfige Team aus Sanitätern und Ärzten, das heute im Einsatz ist, rechnet allerdings mit keinem großen Einsatztag. Die Anzahl der Einsätze werde vermutlich für das Event verhältnismäßig sein. Besonders rechnet Nindelt mit alkohol- und drogenbedingten Kreislaufzusammenbrüchen, die die Hitze noch verstärke. Auch Schnittwunden und Stürze seien wahrscheinlich.
Auch auf den sogenannten Floats, den Wagen, sind politische Forderungen angebracht.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Um die Sicherheit besorgt könnten auch Pascal und Oliver Schmidt sein. Die beiden Brüder sind aus Schleswig-Holstein angereist und waren 2010 auch auf der Loveparade in Duisburg, wo bei einer Massenpanik 21 Menschen starben und über 650 verletzt wurden.
Nun stehen sie im Tiergarten und berichten von „mehr Polizeipräsenz und mehr Absperrungen als sonst“. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen nehmen sie die Atmosphäre jedoch etwas gesitteter wahr, nicht so zügellos.
In der Tradition der Berliner Loveparade sieht sich auch Rave The Planet als „kulturpolitische Demonstration“, wie es auf der Webseite heißt. Pascal und Oliver Schmidt geben jedoch an, politisch nicht interessiert zu sein. Für sie ist Rave The Planet ein Anlass zum Tanzen und Feiern, keine Demonstration.
Gar nicht so politischMaik K. und seine Freundin hingegen teilen die politischen Forderungen des Events. Allerdings geben sie zu: Zuerst sei da die Lust gewesen, auf das Technoevent zu gehen, dann erst habe man sich mit den politischen Inhalten auseinandergesetzt.
Nach der Eröffnungsrede kann auf der Tanzveranstaltung der Eindruck entstehen, dass die Politik etwas untergeht. Einmal pro Stunde werden die Forderungen für die Berliner Clubkultur über Lautsprecher durchgesagt.
Pascal (41) und Oliver Schmidt (49) sind nicht aus politischen Gründen zur Veranstaltung gekommen.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Die Forderungen drehen sich um den rechtlichen und kulturellen Schutz der Clubkultur. Darunter ist auch die Forderung, die Berliner Autobahn A100 nicht in Richtung Lichtenberg weiterzubauen, da dies zulasten der Clubs in Friedrichshain gehe.
Doch bestimmt wird das Event durch die Musik. Durch die Abertausenden kreativ gekleideten Menschen, die tanzen und feiern. Von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor, rauf und runter.
Am Ende fällt Maik K., der mit seiner Freundin aus Bayern angereist ist, dann aber doch noch etwas auf, das bei ihm ein komisches Gefühl hervorruft: keine Taschenkontrollen. An den Zufahrtswegen in den Tiergarten hinein stehen heute schwere Poller und Polizeifahrzeuge. Doch er sei davon ausgegangen, dass kontrolliert würde, was die Menschen mitbringen.
Aus diesem Grund wurde der Zug der Liebe, eine weitere Technoparade im Tiergarten, für den 29. August abgesagt. Der Veranstalter hatte einerseits argumentiert, dass das gesellschaftliche Klima und das Angstgefühl nach dem Attentat nicht zur Veranstaltung passen. Andererseits sei der Tiergarten zu groß und habe zu viele Eingänge, um eine belastbare Sicherheit zu gewährleisten.
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