Sabotage und hybride Angriffe – Hamburgs Standortkommandant und oberster Soldat über die Übung „Red Storm Charlie“ im September.
Hamburg
Sprengstoffdrohnen-Alarm am Flughafen: Was machen wir, wenn das bei uns passiert?Ein Tornado der Luftwaffe bei einer Übung am Hamburger Flughafen im Juni. Bodo Marks/dpa
Sabotage und hybride Angriffe – Hamburgs Standortkommandant und oberster Soldat über die Übung „Red Storm Charlie“ im September.
Eine Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig-Halle, immer neue verdächtige Drohnenflüge und Sabotageakte in Europa: Die Sorge vor russischen Hybridangriffen wächst. Und längst stellt sich die Frage, wie verwundbar auch Hamburg mit seinem Hafen, dem Flughafen und wichtiger Industrie ist. Im September probt die Stadt bei der Großübung „Red Storm Charlie“ erneut den Ernstfall. Die MOPO sprach mit Hamburgs Bundeswehr-Kommandeur Kurt Leonards über die Bedrohung – und darüber, wie gut die Stadt vorbereitet ist.
MOPO: Vor wenigen Tagen wurde am Flughafen Leipzig-Halle eine Sprengstoffdrohne entdeckt. Offenbar explodierte sie nur wegen eines defekten Zünders nicht. Könnte so etwas auch am Hamburger Flughafen passieren?
Kurt Leonards: In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche hybride Aktionen mit Drohnen in Deutschland und Europa. Das Spektrum reicht vom Eindringen russischer Drohnen in den Luftraum verbündeter NATO-Staaten an der Ostflanke – teilweise stürzten sie im Zuge russischer Angriffe auf die Ukraine auch auf Bündnisgebiet ab – über versuchte Anschläge mit bewaffneten Drohnen wie jüngst am Flughafen Leipzig-Halle bis hin zu Überflügen von Drohnen und Drohnenschwärmen über kritische und verteidigungswichtige Infrastrukturen.
Kapitän zur See Kurt Leonards, Hamburgs Standortkommandant. Im MOPO-Interview spricht er über Drohnen und Sabotageakte und über die Übung Red Storm Charlie, die im September in Hamburg stattfindet. Bundeswehr
Auch Hamburg ist da keine Ausnahme. Nicht immer ist eindeutig, wer dahintersteckt. In manchen Fällen sind es unachtsame Hobby-Piloten. In anderen Fällen handelt es sich um sogenannte Wegwerf-Agenten, auch „low-level agents“ oder „low-cost agents“ genannt, die von fremden Mächten angeheuert werden, oder um staatliche Akteure fremder Mächte. Die Beweisführung ist meist kompliziert. Das liegt im Wesen der hybriden Kriegsführung.
Angriffe mit Sprengstoffdrohnen: Wie gut ist Hamburg vorbereitetWie gut ist Hamburg inzwischen auf Drohnenangriffe vorbereitet – und wie funktioniert dabei die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Polizei, Hafen und anderen Stellen?
In Hamburg haben wir in der Drohnenabwehr in den vergangenen Monaten große Fortschritte gemacht. Das Besondere hier ist: Alle Verantwortlichen in Hamburg kennen sich gut. Das wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit aus. Wenn wir in Hamburg Erkenntnisse zu Drohnen haben, tauschen wir uns aus.
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Unser Austausch mit der Polizei ist besonders intensiv, aber auch mit den Verantwortlichen in den Hamburger Hafenorganisationen haben wir einen kurzen Draht. Im Landeskommando Hamburg sind inzwischen alle Soldatinnen und Soldaten in der Drohnenabwehr ausgebildet worden. Die technische Ausstattung zur Detektion und Abwehr von Drohnen wird kontinuierlich verbessert. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich aus Sicherheitsgründen zu unserem taktischen Vorgehen hier keine detaillierten Aussagen machen kann.
Was bezwecken Russland und andere Staaten mit Sabotage, Drohneneinsätzen und anderen hybriden Aktionen? Und was bedeutet es, wenn davon die Rede ist, dass sie die NATO „testen“?
Russland, China, Iran und andere autokratische Staaten verfolgen mit solchen hybriden Aktionen unterschiedliche Ziele. Dazu gehören Spionage, Sabotage, politische Einflussnahme, Desinformation und die Verunsicherung der Bevölkerung. Gleichzeitig testen sie damit unsere Reaktion und unsere Reaktionsfähigkeit.
Welche Rolle spielt Hamburg im Operationsplan Deutschland?Worum geht es beim Operationsplan Deutschland – und welche Rolle spielt Hamburg bei seiner Umsetzung?
Mit dem Operationsplan Deutschland, dessen erste Fassung 2024 erstellt wurde, reagiert die Bundeswehr auf die verschärfte sicherheitspolitische Lage in Europa. Dabei handelt es sich um einen operativen Plan für den militärischen Anteil der Landes- und Bündnisverteidigung, der auch die nötigen zivilen Unterstützungsleistungen einbezieht. Für die Umsetzung des Operationsplans Deutschland sind in den Bundesländern die Landeskommandos zuständig.
Wir in Hamburg arbeiten dabei sehr eng mit unseren zivilen Partnern zusammen, allen voran mit dem Senat, der Behörde für Inneres und Sport sowie den Blaulichtorganisationen, aber auch mit vielen anderen relevanten zivilen Akteuren. Für die Öffentlichkeit sichtbar wird diese Zusammenarbeit hauptsächlich im Rahmen der zivil-militärischen Red-Storm-Übungsserie. Damit stärken wir die gesamtstaatliche Verteidigung und die gesamtgesellschaftliche Resilienz in unserer Stadt und leisten einen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland.
Im September steht mit „Red Storm Charlie“ die nächste große Übung an. Was genau wird diesmal trainiert?
Unsere wichtigste Übung in diesem Jahr ist „Red Storm Charlie“ vom 24. bis 26. September. Diese zivil-militärische Resilienzübung findet seit 2024 bereits zum dritten Mal statt. Das Übungsszenario ist das gleiche wie im letzten Jahr: Aufgrund von Spannungen an der Ostflanke des NATO-Bündnisgebiets werden vorsorglich deutsche und verbündete Truppen verlegt, auch über den Hamburger Hafen und das Hamburger Stadtgebiet, um die Entschlossenheit der NATO zu untermauern, jeden Zentimeter des Bündnisgebietes zu verteidigen. Ziel ist es, mit unseren zivilen Partnern gemeinsame Abläufe zu trainieren.
Das Übungsszenario von „Red Storm Charlie“: Aufgrund von Spannungen an der Ostflanke des NATO-Bündnisgebiets werden vorsorglich deutsche und verbündete Truppen verlegt, auch über den Hamburger Hafen und das Hamburger Stadtgebiet, um die Entschlossenheit der NATO zu untermauern, jeden Zentimeter des Bündnisgebietes zu verteidigen. Norbert Schramm/Bundeswehr
Was wird bei dieser „Red Storm“-Übung anders sein als bei den letzten?
Während der Anteil der Bundeswehr – rund 500 Soldatinnen und Soldaten sowie Dutzende Fahrzeuge und einige Hubschrauber – im Vergleich zum Vorjahr annähernd gleich geblieben ist, ist die Zahl der zivilen Teilnehmenden von zwölf auf mehrere Dutzend gestiegen. Dazu zählen Organisationen wie die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und die Polizei Hamburg sowie die Landesbehörden und zivile Unternehmen wie Airbus, die Hamburger Hafen und Logistik AG und die Hamburg Port Authority. Hinzu kommt die Hamburger Handelskammer, die zusammen mit weiteren Unternehmensvertretungen eine eigene Resilienzübung „Red Storm Business“ für ihre Mitgliedsunternehmen organisiert.
Anhand des Szenarios eines Stromausfalls können diese ihre Krisen- und Alarmpläne unter realistischen Bedingungen trainieren. Grundlage dafür ist der Krisenvorsorgeplan, den die Handelskammer Hamburg gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe herausgegeben hat. Das Engagement der Handelskammer zusammen mit den anderen Organisationen ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Es zeigt, dass die Hamburger Wirtschaft die Bedrohung verstanden hat, und das erleichtert die Zusammenarbeit enorm. Dadurch können wir uns aufs Handeln und das Erreichen von Effekten konzentrieren.
Regelmäßig gibt es Proteste gegen solche Übungen, Kritiker sprechen von Kriegstreiberei. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Wir Soldatinnen und Soldaten verteidigen die Freiheit und die Rechte aller, auch derjenigen, die die Bundeswehr ablehnen. In unserer Demokratie darf jede und jeder friedlich demonstrieren – auch dieses Recht verteidigen wir. Unser Auftrag lautet: Landes- und Bündnisverteidigung. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, müssen wir unsere Fähigkeiten kontinuierlich verbessern und regelmäßig üben, üben, üben. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Bündnispartnern potenzielle Gegner glaubhaft abzuschrecken, um einen Krieg zu verhindern. Zivil-militärische Resilienzübungen wie „Red Storm Charlie“ leisten dafür einen wichtigen Beitrag.
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