Im Emsland entsteht eine Produktion für Brennelemente russischer Bauart. Europa öffnet Putins Atomkonzern damit eine Hintertür. Dahinter steht eine Abhängigkeit, die es gar nicht geben müsste.
Im Emsland entsteht eine Produktion für Brennelemente russischer Bauart. Europa öffnet Putins Atomkonzern damit eine Hintertür. Dahinter steht eine Abhängigkeit, die es gar nicht geben müsste.
Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfiel, schien die Antwort klar: Europa wollte sich wirtschaftlich von Moskau lösen.
Die Europäische Union verabschiedete ein Sanktionspaket nach dem anderen, kappte den Import russischer Kohle und Ölprodukte, demnächst darf auch kein Gas mehr fließen. Brüssel schloss Banken vom internationalen Zahlungsverkehr aus und fror Vermögen russischer Unternehmen und Oligarchen ein. Deutschland stellte die deutsche Tochter des Ölkonzerns Rosneft unter staatliche Treuhandverwaltung.
Gut vier Jahre später zeigt ein Industriegebiet im emsländischen Lingen jedoch, wie unvollständig diese wirtschaftliche Entkopplung bis heute geblieben ist. Dort produziert die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF), eine Tochter des französischen Nuklearkonzerns Framatome, Brennelemente für Kernkraftwerke. Künftig soll die Fabrik auch Brennelemente für Reaktoren russischer Bauart herstellen.
Die notwendige Technologie stammt von TVEL – einer Tochter des russischen Staatskonzerns Rosatom. Der Konzern gilt als eines der wichtigsten geopolitischen Instrumente des Kremls und von Präsident Wladimir Putin. Er baut Kernkraftwerke, liefert Brennstoffe, reichert Uran an und bindet Staaten über jahrzehntelange Wartungs- und Lieferverträge an russische Technologie.
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Warum erhält ausgerechnet ein Unternehmen aus dem Rosatom-Konzern Zugang zu einer deutschen Fabrik? Die Antwort führt mitten hinein in die Schwachstelle der europäischen Russlandpolitik.
Am 22. Juli 2026 genehmigte das niedersächsische Umweltministerium den Umbau der Brennelementefabrik in Lingen. Dort dürfen künftig sechseckige Brennelemente gefertigt werden, wie sie in Reaktoren sowjetischer und russischer Bauart eingesetzt werden.
Politisch löste die Entscheidung erhebliche Kritik aus. Juristisch war sie kaum zu vermeiden. Denn die Behörden mussten den Antrag nach deutschem Atomrecht und dem geltenden europäischen Sanktionsrecht prüfen. Beide bieten derzeit keine Grundlage, eine Zusammenarbeit allein deshalb zu untersagen, weil der Lizenzgeber ein russischer Staatskonzern ist.
Lediglich Auflagen gibt es: Mitarbeiter von TVEL oder Rosatom sollen das Werk grundsätzlich nicht betreten dürfen. Russische Software und technische Komponenten müssen besonders überprüft werden. IT-Systeme werden voneinander getrennt. Der Staat misstraut also dem russischen Partner, er verbietet die Kooperation aber trotzdem nicht.
Rosatom ist nämlich bis heute nicht sanktioniert. Die Europäische Union hat mittlerweile 21 Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Der zivile Nuklearsektor gehört jedoch nicht dazu. Und das hat mit technischer Abhängigkeit zu tun. In der EU laufen noch 19 Kernreaktoren russischer beziehungsweise sowjetischer Bauart – in Finnland, Bulgarien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Diese Anlagen benötigen speziell entwickelte Brennelemente.
Ein kompletter Brennstoffwechsel ist technisch aufwendig. Neue Brennelemente müssen entwickelt, getestet und von den Aufsichtsbehörden zugelassen werden. Deshalb blieb Rosatom über Jahre ein nahezu alternativloser Lieferant. Die Euratom Supply Agency schätzt, dass Russland 2025 noch knapp 16 Prozent des in der EU verwendeten Natur-Urans lieferte.
Russland spielt aber nicht nur beim Uranabbau eine wichtige Rolle. Rosatom verarbeitet einen erheblichen Teil des für Europa bestimmten Urans in den nächsten Produktionsschritten und übernimmt zudem einen beträchtlichen Teil der Urananreicherung. Dadurch bleibt Europa auch dann abhängig, wenn das Uran selbst aus anderen Ländern stammt.
Für die 19 europäischen Reaktoren russischer Bauart werden jedes Jahr ungefähr 1500 neue Brennelemente benötigt. Eine exakte Importstatistik veröffentlicht die EU nicht. Klar ist jedoch: Über viele Jahre kam der überwiegende Teil dieses Brennstoffs von Rosatom beziehungsweise dessen Tochter TVEL. Deshalb sucht Europa seit Beginn des Ukrainekriegs fieberhaft nach Alternativen.
Und die gibt es. Framatome ist nicht der erste westliche Hersteller, der Brennelemente für russische Reaktoren entwickelt. Der amerikanische Konzern Westinghouse produziert seit Jahren Brennelemente für russische Reaktoren in seinem schwedischen Werk. Inzwischen verfügen sämtliche europäischen Betreiber russischer Reaktoren über Lieferverträge mit Westinghouse:
Die entscheidende Frage lautet deshalb, warum Framatome trotz vorhandener Alternativen gemeinsam mit dem russischen Partner zum Zug kommt.
Framatome verweist auf die Versorgungssicherheit. Europa brauche mehrere Lieferanten. Es wäre riskant, die bisherige Abhängigkeit von Rosatom lediglich durch eine neue Abhängigkeit von Westinghouse zu ersetzen. Das Argument wirft eine weitere Frage auf: Warum muss eine europäische Alternative auf russischen Lizenzen beruhen?
Hier kommt die EU als verantwortlicher Entscheider ins Spiel. Lange galt Viktor Orbán als wichtigster Bremser europäischer Nuklearsanktionen gegen Russland. Orbán verlor im Frühjahr die Parlamentswahl gegen Péter Magyar.
Die neue Regierung überprüft den Ausbau des Kernkraftwerks Paks und möchte die Brennstoffversorgung breiter aufstellen. Einen vollständigen Bruch mit Russland strebt sie zwar nicht an. Sie setzt jedoch deutlich stärker auf Diversifizierung als ihre Vorgängerregierung. Doch die Umstellung kann dauern. Und bis dahin hat Rosatom seine Chance in der EU, die es jetzt gemeinsam mit den Franzosen in Lingen nutzt.
Lingen steht damit für ein grundsätzliches Problem. Zahlreiche europäische Unternehmen sind weiterhin in Russland aktiv. Sie produzieren Lebensmittel, Medikamente oder Konsumgüter, die nicht unter die europäischen Sanktionen fallen.
In einschlägigen Unternehmensdatenbanken werden weiterhin mehrere Hundert deutsche Unternehmen mit unterschiedlichen Formen von Geschäftstätigkeit in Russland geführt. Der Status reicht von einer fortgesetzten Produktion über eingeschränkte Aktivitäten bis zu Verkaufsprozessen, die noch nicht abgeschlossen sind.
Eines der bekanntesten Beispiele ist der Landmaschinenhersteller Claas. Das Unternehmen verfügt über eine Fabrik im südrussischen Krasnodar und hat sein Russlandgeschäft nicht vollständig aufgegeben. Claas verweist darauf, dass Landmaschinen der Lebensmittelproduktion dienen und deshalb grundsätzlich unter Ausnahmen des Sanktionsregimes fallen können.
Juristisch ist das häufig zulässig. Politisch passt es jedoch nur schwer zu dem Anspruch, Russland wirtschaftlich vollständig zu isolieren.
Der Fall Lingen macht diesen Zielkonflikt besonders sichtbar. Framatome bezeichnet die Zusammenarbeit mit TVEL als Übergangslösung. Doch jede Übergangslösung braucht ein Ende. Bis dahin gibt es offene Fragen: Wann werden die russischen Lizenzen überflüssig? Wann kann Framatome eigene Konstruktionen einsetzen? Welche Lizenzzahlungen fließen bis dahin an den russischen Staatskonzern?
Der Fall Lingen handelt von Europas schwierigster Abhängigkeit. Bei Kohle, Öl und Gas gelang es der Europäischen Union, Alternativen aufzubauen. In der Kerntechnik dauert dieser Prozess erheblich länger.