Zwei verletzte Bademeister nach einem Hausverbot im Freibad. Der Vorfall erschüttert – viele Badegäste stellten sich schützend vor das Personal.
Zwei verletzte Bademeister nach einem Hausverbot im Freibad. Der Vorfall erschüttert – viele Badegäste stellten sich schützend vor das Personal.
Als ich die Meldung aus dem Freibad St. Wendel im Saarland gelesen habe, musste ich zuerst an die beiden Kollegen denken. Zwei Bademeister, die nichts anderes getan haben, als ihre Arbeit. Sie hatten nach einem Regelverstoß ein Hausverbot ausgesprochen – eine Entscheidung, die zu ihrem Berufsalltag gehört. Wenig später eskalierte die Situation. Es kam zu einem Handgemenge, die beiden wurden verletzt.
Dem 16-jährigen Badegast kamen zwei seiner Brüder zur Hilfe, andere Badegäste unterstützten die Bademeister. Die Situation eskalierte, woraufhin mehrere Polizeistreifen eintrafen. Gegen den 16-Jährigen wird wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung ermittelt.
Ich habe in Jahrzehnten unzählige heiße Sommertage erlebt, an denen Tausende Menschen unsere Freibäder besucht haben. Ich habe Streit geschlichtet, Kinder gesucht, Erste Hilfe geleistet und auch Hausverbote ausgesprochen.
Natürlich waren manche Badegäste darüber verärgert. Manche diskutierten laut, andere schimpften oder kündigten an, nie wiederzukommen. Aber eines habe ich in all den Jahren deutlich häufiger erlebt als Gewalt: Die Menschen akzeptierten am Ende die Entscheidung und verließen das Bad. Genau deshalb erschüttert mich jeder Vorfall, bei dem Bademeister angegriffen werden.
Wer noch nie Verantwortung für ein Freibad getragen hat, kann sich kaum vorstellen, wie viele Entscheidungen während einer Schicht getroffen werden müssen. Bademeister achten nicht nur darauf, ob jemand vom Beckenrand springt oder auf der Liegewiese grillt. Sie tragen Verantwortung für Kinder, Familien, Jugendliche und Senioren. Für Hunderte oder manchmal sogar Tausende Menschen gleichzeitig.
Ein Hausverbot wird deshalb nicht ausgesprochen, weil jemand seine Macht demonstrieren möchte. Es ist fast immer die letzte Konsequenz, wenn Gespräche nichts mehr bringen oder andere Badegäste gefährdet werden.
Regeln gibt es nicht, um Besucher zu ärgern. Sie sollen verhindern, dass aus einem schönen Sommertag ein tragischer wird. Deshalb gehört es zum Beruf eines Bademeisters, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
Viele Badegäste sehen nur den Moment, in dem jemand des Geländes verwiesen wird. Was sie oft nicht sehen, sind die Gespräche davor. Die Hinweise. Die Ermahnungen. Die zweite und manchmal sogar dritte Chance.
Erst wenn all das nicht hilft, bleibt häufig nur noch das Hausverbot. Wer dann den Bademeister angreift, greift nicht nur einen einzelnen Mitarbeiter an. Er greift die Sicherheit aller Badegäste an.
Denn wenn Beschäftigte irgendwann Angst haben müssen, Regeln konsequent durchzusetzen, verliert am Ende jeder Besucher. Ein sicherer Badebetrieb funktioniert nur, wenn diejenigen, die Verantwortung tragen, ihre Entscheidungen ohne Angst treffen können.
Bei aller Betroffenheit ist mir beim Vorfall in St. Wendel noch etwas anderes aufgefallen. Mehrere Badegäste stellten sich auf die Seite der Bademeister und unterstützten sie. Genau darüber wird viel zu selten gesprochen.
In den vergangenen Jahren dominieren oft Schlagzeilen über Gewalt, Beleidigungen oder Respektlosigkeit in Freibädern. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, als wäre jeder Badetag von Konflikten geprägt. Das entspricht nicht meiner Erfahrung.
Die überwältigende Mehrheit der Badegäste begegnet uns freundlich. Sie bedankt sich nach einer Auskunft, entschuldigt sich, wenn Regeln unbeabsichtigt missachtet wurden, und hat Verständnis dafür, dass Sicherheit manchmal Vorrang vor dem eigenen Wunsch hat.
Dass Besucher in St. Wendel den Kollegen geholfen haben, zeigt genau diese andere Seite. Es zeigt, dass viele Menschen sehr wohl wissen, welche Verantwortung Bademeister jeden Tag tragen.
Wir sprechen oft über diejenigen, die Regeln missachten oder für Schlagzeilen sorgen. Vielleicht sollten wir viel häufiger über die Menschen sprechen, die Verantwortung übernehmen. Über den Vater, der andere Kinder auf eine Gefahr aufmerksam macht. Über die Mutter, die ihren Sohn zurückpfeift, bevor er vom Beckenrand rennt. Über Jugendliche, die helfen, statt mit dem Handy zu filmen. Und über Badegäste, die einem Bademeister zur Seite stehen, wenn eine Situation eskaliert.
Genau diese Menschen sorgen dafür, dass Freibäder Orte bleiben, an denen sich Familien wohlfühlen.
Bademeister begegnen ihren Gästen jeden Tag mit Respekt. Sie beantworten Fragen, leisten Erste Hilfe, suchen vermisste Kinder, greifen bei Gefahr innerhalb weniger Sekunden ein und tragen eine Verantwortung, die viele erst bemerken, wenn etwas passiert. Diesen Respekt dürfen sie auch selbst erwarten.
Der Vorfall in St. Wendel zeigt, dass Gewalt gegen Bäderpersonal niemals akzeptiert werden darf. Er zeigt aber auch etwas, das wir nicht übersehen sollten: Es gibt viele Menschen, die hinter den Kolleginnen und Kollegen am Beckenrand stehen.
Das macht Hoffnung. Denn wer Bademeister unterstützt, unterstützt nicht nur einen einzelnen Menschen. Er unterstützt die Sicherheit aller Badegäste.
Und genau deshalb wünsche ich mir, dass diese Zivilcourage genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie die Täter. Denn sie zeigt, dass Respekt, Verantwortung und Zusammenhalt in unseren Freibädern noch immer einen festen Platz haben.
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