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Mit zehn Jobs gleichzeitig schaffte es Steffen zum CEO

Дата публикации: 11-08-2026 12:51:00

Steffen Tomasi war Waisenkind und Schulabbrecher, baute dann ein großes Druck-Unternehmen auf. Sein Erfolgsrezept: „Man muss wollen.“

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Steffen Tomasi war Waisenkind und Schulabbrecher, baute dann ein großes Druck-Unternehmen auf. Sein Erfolgsrezept: „Man muss wollen.“

FOCUS online: „Ich saß mit 18 auf der Straße. Heute bin ich Unternehmer“, haben Sie kürzlich bei LinkedIn geschrieben. „Was ich nie tat? Aufgeben!“, fahren Sie fort. Sie hätten Lösungen gesucht – statt Ausreden. Was beabsichtigen Sie mit dem Beitrag? Ist das ein Plädoyer für mehr Leistungsbereitschaft? Für weniger Hängematte? Ein Appell an eine bestimmte Generation vielleicht?

Steffen Tomasi: Es gibt nicht den einen konkreten Grund dafür, dass ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin. Ich gehe grundsätzlich sehr offen mit meiner Geschichte um. Ich finde es wichtig, die Menschen hinter die Fassade schauen zu lassen. Mal ehrlich, wie oft nehmen wir erfolgreiche Menschen nur oberflächlich wahr. Man sieht die Rolex, den Porsche, aber nicht, was dahintersteckt.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ich meine Geschichte erzähle, fangen die Leute an, auch von sich zu erzählen. Und da passiert es erstaunlich oft, dass sich herausstellt: Es gibt richtig viele, die keine einfachen Startbedingungen hatten. Viel mehr, als man gemeinhin annimmt. Viele schämen sich für ihre Vergangenheit. Dabei würde mehr Ehrlichkeit insbesondere jungen Menschen helfen! Mein Führungsstil ist bewusst sehr persönlich …

Was bedeutet das?

Tomasi: Nun, ich sage, wie es ist. Ich komme von ganz unten. Bin damals in Süddeutschland mit nichts gestartet. Ich möchte Mut machen: Auch du kannst das schaffen, wenn du willst.

Wem sagen Sie das?

Tomasi: Zum Beispiel den Azubis, wenn spürbar ist, dass einer gerade was durchmacht. Aber eigentlich geht es schon vorher los, im Bewerbungsgespräch. Ich mache diese Gespräche alle selbst. Ich möchte den Menschen kennenlernen. Wirklich kennenlernen, mit seiner ganzen Geschichte. Zeugnisse interessieren mich wenig. Viel wichtiger ist doch: Passt jemand zu uns, in unser Team? Vom Mindset her? Wir sind 60 Leute …

Eben, in einem Großkonzern wäre der Chef vermutlich überfordert, wenn er all diese Gespräche persönlich führen wollte.

Tomasi: Das sehe ich auch so, aber er kann die richtigen Personen mit der Auswahl betrauen. Ich finde es ein Unding, diese Prozesse von einer KI übernehmen zu lassen. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir arbeiten auch viel mit KI. Aber nicht an dieser Stelle.

Spätestens seit Corona wissen wir doch alle, dass du dir jedes Zertifikat der Welt ausstellen lassen kannst. Ich sage es mal so: Ich mache mir nicht viel aus Qualifikationen. Ich selbst hab zum Beispiel auch keine Ausbildung.

Warum nicht?

Tomasi: Das ist eine längere Geschichte. Ich bin im Kinderheim aufgewachsen. Kam im Alter von zwölf Jahren dorthin, zusammen mit meinem zwei Jahre älteren Bruder – nachdem mein Vater gestorben war. Mein Vater hat sich das Leben genommen, nachdem sein einst erfolgreicher Handwerksbetrieb Konkurs gegangen war. Als ich vier Jahre alt war, hatten sich meine Eltern getrennt. Wir Brüder – ich war der Jüngste von dreien – hatten von da an beim Vater gelebt.

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über das Thema Suizid zu berichten. Sollten Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800 3344533.

Und als der starb, konnten Sie nicht zur Mutter?

Tomasi: Sie wollte das nicht, nein. Sie war wieder verheiratet, hatte ein Kind mit dem neuen Mann – wir passten offenbar nicht in dieses Leben. Mein ältester Bruder war beim Tod des Vaters 18, der wurde sozusagen auf die Straße gestellt. Nach dem Motto: Du bist erwachsen.

Der mittlere Bruder, mit dem Sie im Heim waren, war vermutlich der engste familiäre Kontakt für Sie?

Tomasi: Wie man’s nimmt. Er bekam mit 16 eine Lehrstelle im Betrieb des neuen Mannes meiner Mutter und ging – von da an war ich ganz allein. Und dann, als ich 14 war, passierte es: Auch mein ältester Bruder nahm sich das Leben.

Das Krasse war: Niemand hat sich getraut, mir das zu sagen. Ich erfuhr es erst nach der Beerdigung. Das war für mich der Punkt, an dem ich gesagt habe: Jetzt reicht’s. Kein Kontakt mehr, weder mit der Mutter, noch mit sonst wem. Ich war alleine.

War das eine verzweifelte Feststellung? Hatte das was von Aufgeben?

Tomasi: Nein, gar nicht, eher im Gegenteil. Es war eher ein Wendepunkt. Klar, zunächst war ich im Tief, aber nicht lange. Ich bin alleine – das hieß für mich: Nur ich für mich selbst kann es schaffen. Und ich wollte es schaffen. Ich wollte das Leben in Angriff nehmen. Es gab nichts zu beschönigen, ich war damit komplett auf mich gestellt.

Was hatte Ihr Entschluss, es „schaffen zu wollen“, konkret für Konsequenzen?

Tomasi: Ich fing an, nebenher zu arbeiten. Mit 15 oder 16. Erst mal im Kinderheim: Ich habe dem Heimleiter mit den Buchungen geholfen. Das war witzig. Man nahm mich ernst, das war spürbar – und das gab mir Selbstvertrauen, weiterzumachen.

Ich fing dann an, an den Wochenenden an der Tankstelle die Kasse zu machen. Neben der Tanke war eine Werkstatt, in der ausrangierte Post- und Polizeiautos hergerichtet wurden, um sie zu verkaufen. Da bin ich mit rein. Hab lackiert, geschliffen, gemacht, getan. Im Alter von 18 Jahren hatte ich zehn Jobs gleichzeitig.

Wirklich zehn?

Tomasi: Ja, das ist nicht übertrieben. Ich habe hinter dem Kinderheim Autos gewaschen. Ich habe Zeitungen ausgetragen. Ich habe in einem Kiosk gearbeitet. Außerdem in der Gastronomie, im Ausschank.

Als Heimkind hatte ich früh verstanden: Geld ist wichtig. So gab es im Heim beispielsweise immer Wasser zu trinken, aber sonst nichts. Cola, Milch – sowas musste man sich selbst organisieren. Oder auch mal Nutella aufs Brot. Wenn dein Lebensstil schon früh sehr konkret und direkt von deiner Arbeitsleistung abhängt, wird sowas wie ein Schulabschluss relativ.

Genau, den haben Sie ja nicht. Noch nicht mal versucht?

Tomasi: Auch hier muss ich etwas ausholen. Nach der Mittleren Reife, mit 18, war klar: Das Heim kommt nicht länger für mich auf. Das Jugendamt auch nicht. Ich wollte eigentlich das Abi machen, besuchte ein Berufskolleg. Diese Art Schule gibt es auch in der Nähe deiner Mutter, hieß es. Für mich stand fest: Auf gar keinen Fall ziehe ich zu ihr. Unser Kontakt ging weiterhin gegen Null.

Und dann haben Sie die Schule abgebrochen und gearbeitet?

Tomasi: Nicht direkt. Die Sekretärin des Heimleiters hatte Mitgefühl. Sie wusste, wie es laufen würde, und genauso war es dann ja auch: Eines Tages hatte ich das Zimmer zu räumen und dann stand ich mit nichts außer ein paar wenigen Kartons da. Mein gesamtes Hab und Gut.

Die Sekretärin und ihr Mann lebten im selben Ort, zum Haus hatte früher mal ein kleines Ladengeschäft gehört. Da könne ich wohnen, hieß es. Gegen einen symbolischen Betrag, 80 Mark pro Monat vielleicht. Ich bin dann erst mal weiter zur Schule, ein Dreivierteljahr lang.

Und warum schließlich nicht mehr?

Tomasi: Ich bin der Sekretärin wirklich bis heute dankbar. Und ich bin auch den Leuten vom Heim dankbar, auch hier hat man mich unterstützt, als ich gegangen bin. Mit Möbeln etwa, ein Bett, ein Kleiderschrank. Einen alten Sessel und eine Waschmaschine habe ich mir vom Sperrmüll geholt. Die Waschmaschine habe ich so weit repariert, dass ich sie benutzen konnte.

Ich hatte alles – nur keine Dusche. Zum Duschen bin ich ins nahegelegene Hallenbad gegangen. Das fand ich auf Dauer nicht so prickelnd. Ich wollte endlich eine Wohnung mit einem eigenen Bad. Also sprach ich mit den Leuten von der Schule: Kann ich ein Jahr pausieren und dann wiederkommen? Man bejahte. Ein Jahr lang richtig viel arbeiten, Kohle machen – das war der Plan. Bei diesem Plan ist es geblieben.

Richtig „Kohle machen“ – wie kann man sich das vorstellen?

Tomasi: Ich habe gearbeitet und geschlafen, sonst nichts. Die Jobs, die ich machte, waren die, die sonst keiner wollte. Forstarbeiten im Wald, richtig schwere körperliche Arbeit. Ähnlich der Job im Tiefkühlhaus. Ich habe gut verdient, aber einen hohen Preis dafür bezahlt. Immerhin, ich konnte mir nun eine Wohnung mit Bad leisten.

Meine nächste Station war dann ein großer Gastrobetrieb, wo ich mich schnell vom Ausschank wegentwickelte. Wie muss der Laden aussehen, damit er läuft? Von der Standortanalyse bis zum Veranstaltungskonzept – ich machte alles. Und das ziemlich gut.

Heute sind Sie CEO einer der führenden Online-Druckereien in der Schweiz …

Tomasi: Richtig. Davor gab es noch ein paar Zwischenstationen als DJ, Musikproduzent und Leiter mehrerer Tonstudios. In der Kurzfassung: In der Musikbranche gab es einen hohen Bedarf an Drucksachen. Plattencover. Flyer. Da gingen wahnsinnige Kosten für drauf.

Immer wieder fragte ich mich: Konnte das wirklich sein, dass das so viel kostet? Schließlich traf ich mich mit dem Drucker auf ein Bier. Er zeigte mir sein Business. Konnte man das nicht irgendwie vereinfachen? Ja, konnte man. Massiv. Aus dieser Frage ist letztendlich entstanden, was ich bis heute mache.

Eine Erfolgsgeschichte, nicht wahr?

Tomasi: Ich denke schon. Ich habe die Firma vor 24 Jahren gegründet und sie ist seitdem brutal gewachsen. Die Flyerline Schweiz AG gehört zu den führenden Anbietern für Druck-, Verpackungs- und Individualisierungslösungen in der Schweiz.

Sie haben es geschafft. Aber kann das wirklich jeder? Macht Ihre Botschaft nicht möglicherweise auch Druck? Nach dem Motto: Stell dich nicht so an…?

Tomasi: So zu denken liegt mir fern. Ich werte nicht. Ich frage lieber erst mal nach. Alles hat einen Grund, davon bin ich überzeugt. Was ich auf jeden Fall pauschal sagen kann und möchte ist: Jammern allein verändert nichts. Entscheidend ist, dass man irgendwann beginnt, Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen.

Sie haben eben davon berichtet, dass man Sie im Kinderheim mit 18 Jahren sozusagen vor die Tür gesetzt hat. Keine weitere Unterstützung, keine Hilfen, nichts. Finden Sie nicht, dass man das kritisch sehen muss? Mit mehr sozialem Support hätten Sie heute vermutlich eine Ausbildung.

Tomasi: Ich sehe das anders. Ich hätte ja eine Möglichkeit gehabt. Ich hätte zu meiner Mutter gehen können. Ich wollte das aber nicht. Es war meine Entscheidung. Also, ich bleibe dabei: Den ein oder anderen Knoten muss man lösen. Ganz alleine, ohne Fallback durch irgendein Sozialsystem oder den Staat. Jeder hat sein Leben selbst in der Hand.

Aber sieht die Welt heute nicht anders aus als damals? Wir erleben wirtschaftlich angespannte Zeiten.

Tomasi: Einspruch. Ich glaube nicht, dass ich es damals leichter hatte als junge Menschen heute. Im Gegenteil. Gerade durch die KI, die Digitalisierung, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Da lässt sich oft mit wenig ganz viel bewegen.

Das Wichtigste ist, dass man offen ist. Und lernbereit. Und, wie gesagt, dass man will. Man muss ja nicht gleich einen Konzern gründen. Aber irgendwie anfangen, das muss man schon. Ich hatte nie staatliche Hilfen oder so was.

Es klingt fast, als würden Sie diese Hilfen eher kritisch sehen?

Tomasi: Das tue ich auch. Schauen Sie, ich lebe in der Schweiz. Ich lebe hier sehr gerne. Die Schweiz hat ein tolles System. Anders als in Deutschland wird hier viel mehr auf Eigenverantwortung gesetzt. Klar, staatliche Hilfen gibt es auch, aber nicht dieses „Durchfördern“.

Nochmal: Am Ende hat man es selbst in der Hand, was man aus seinem Leben macht. Hilfe kann unterstützen, aber sie ersetzt nicht den eigenen Willen.

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