Der Künstler Marco Barotti spielt Klänge gesunder Korallenriffe in gefährdeten Habitaten ab. Sein Projekt Coral Sonic Resilience verbindet Kunst und wissenschaftliche Forschung. Es zeigt, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit Meeresökosysteme schützen kann.
Marco Barotti ist fasziniert von akustischer Ökologie. Wie ein Künstler Teil eines Forschungsprojekts zum Schutz eines Korallenriffs wurde und dabei eine Natur und Mensch verbindende Vision für die Zukunft entwickelt hat.

Aufgrund der Erwärmung der Meere sind die Korallenriffe in akuter Gefahr. Diese Nachricht elektrisiert inzwischen nicht mehr nur einzelne NGOs oder Meeresforscher:innen. Grob geschätzt muss es weltweit mindestens eine halbe Million von Initiativen geben, die sich mit der Aufforstung schwächelnder Korallenriffe befassen. Allein in Indonesienweit sollen es laut einer britischen Studie zwischen 1990 und 2020 schon mehr als 120.000 gewesen sein - ein Großteil jedoch ohne wissenschaftliche Begleitung. Jetzt bietet sogar die „TUI Care Foundation“, eine Stiftung des weltweit größten Reisekonzerns, in der Dominikanischen Republik „Workshops zur Sensibilisierung der Besucher“ an, auf Bali können Tourist:innen auch gleich selbst mit anpacken.
Müssen dann auch noch Künstler:innen sich den Schutz der Meere auf die Fahne schreiben? Und Gelder bei Stiftungen akquirieren, um sich selbst einen Beweis ihrer eigenen Wirksamkeit zu verschaffen? Der studierte Jazz-Perkussionist Marco Barotti ist ein Künstler, den eine Mission antreibt. „Seit zwölf Jahren schaffe ich Kunstwerke, die von der Natur inspiriert sind. Es geht meist um Missstände, für die wir Menschen verantwortlich sind: die Erhitzung der Meere, Luftverschmutzung und Überfischung – Themen, die ich versuche in einer poetischen, leichteren Weise an das Publikum vermitteln“, sagt er in einem TikTok-Beitrag des ZKM.
Künstler trägt zur Erhebung von wissenschaftlichen Daten beiAber dabei bleibt es nicht. Vielmehr arbeitet sich Barotti tief in die Themen ein. Sein aktuelles Projekt Coral Sonic Resilience versteht der 56-Jährige als interdisziplinäres Kunst- und Wissenschaftsprojekt. Der Künstler nahm 2024 die Klänge gesunder Korallenriffe auf, um sie im Jahr darauf in gefährdeten Korallenriffen abzuspielen. Auf seiner Homepage verweist er auf einen Bericht einer britisch-australischen Forschergruppe aus dem Jahr 2017, der zeigt, dass Fische, aber auch Korallenlarven, auf akustische Reize reagieren und sich in weniger optimalen Habitaten ansiedeln, wenn der Soundtrack stimmt.
Die Universität von Padua, eine der ältesten und renommiertesten Universitäten Italiens, begleitet seine Arbeit sowie das Feridhoo Coral Restoration Project auf den Malediven. Auch Timothy Lamont, Korallenexperte der Universität Lancaster, berät den Künstler und Musiker. Die wissenschaftliche Grundlage seiner aktuellen Arbeit sei essenziell, schreibt Barotti auf Anfrage von RiffReporter per Mail. „Die Skulpturen wären niemals ohne eine begleitende wissenschaftliche Studie installiert worden, in der die Wirksamkeit der künstlichen Beschallung untersucht wird. Jede Installation, die wir durchführen – sei es auf den Malediven oder in Jamaika – folgt strengen wissenschaftlichen Protokollen zur Datenerhebung und -analyse“, so Barotti. Er gehört zu den wenigen Künstlern, die aktiv zur Erhebung wissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse beitragen.
Was ist akustische Ökologie?Sein Projekt versteht Barotti als Beitrag zur akustischen Ökologie, ein interdisziplinärer Forschungszweig, der in den 1960er Jahren in den USA aufkam. Danach ist der Klang ein Träger von Information und zugleich Mediator zwischen Individuum und Umwelt. Der US-Musiker und Bioakustiker Bernie Krause bewies mit seiner langjährigen Arbeit vielfach, dass die Soundscape, also die Klanglandschaft eines Habitats, wie sie sich im Spektrogramm darstellt, exakte Rückschlüsse auf die Diversität der Tier- und Pflanzenwelt zulassen.

Während Krause die Technik des Fieldrecording, die Aufzeichnung natürlicher Schallereignisse, perfektionierte und ein Archiv natürlicher Klanglandschaften anlegte, geht es Barotti um Kommunikation. Seine Musik, in die Naturklänge integriert sind, soll eine Brücke schaffen zwischen dem Mensch und der Natur, die seit langem abgebrochen ist.
Unterwasser-Klanglandschaft im ZKMDer künstlerische Teil des Projekts Coral Sonic Resilience (Koralline Klangresilienz) hat aktuell in der Ausstellung Silver Egg im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Premiere. Es handelt sich um eine mehrteilige, immersive Rauminstallation aus Skulpturen, Videoprojektionen und Sound.
In einem abgedunkelten Raum ragen drei Stelen empor, wie der Künstler sie zuvor auch an verschiedenen Orten auf dem Meeresgrund platziert hat. Sie bestehen aus Keramikelementen, deren Oberfläche versteinerten Hornkorallen nachempfunden ist und mit Hilfe eines 3D-Druckers hergestellt wurden. Die Stelen stabilisieren nicht nur die Stangen, auf denen die Unterwasserlautsprecher montiert sind, sondern dienen auch als Nischen für Meeresbewohner und als Landeplatz für Korallenlarven. Aus den Lautsprechern tönen vielstimmig Knack- und Schnalzlaute, eine räumlich schwer zu verortende Fülle knisternder Aktivität.
Die wandfüllende Videoprojektion hingegen zeigt Unterwasserbilder, Fische, Schwärme von Korallenlarven, sich kräuselnde Wasseroberflächen. Barottis Videobilder und komponierte Sounds gleiten ineinander und vermischen sich mit dem Knistern der tierischen Bewohner eines gesunden Riffs, die aus den Lautsprechern der Skulpturen tönen. Barotti sagt: „Die elektronischen und atmosphärischen Klänge im Film sind eine Komposition, die speziell für ein menschliches Publikum geschaffen wurde. Sie sollen einen emotionalen und kontemplativen Raum schaffen, der es den Besuchern ermöglicht, sich auf die Unterwasser-Klanglandschaft einzulassen.“
Vision „übermenschlicher Gesellschaften“Künstler:innen verfügen bekanntlich über besonders feine Antennen für sinnliche Reize. Diese stoßen bei dem früheren Elektromusik-Performer Barotti auf ein Faible für komplexe Technik. So konstruierte er die Soundtechnik und die an der Wasseroberfläche schwimmende Solartechnik in seinem Berliner Atelier selbst. Die Liebe zum Detail trifft auf die Fähigkeit, ganzheitlich auf natürliche Phänomene zu blicken.

Auf die Frage, ob er die unter Wasser installierten Stelen und Lautsprecher, die Teil des wissenschaftlichen Experiments sind, auch als Kunstwerke begreift, antwortet er mit einer Vision für die Zukunft: „Ich stelle mir das Korallenriff als einen öffentlichen Platz vor und die Skulpturen als öffentliche Skulpturen, die für übermenschliche Gemeinschaften geschaffen wurden. Diese Ökosysteme verwandeln die Stelen in unzähligen biologischen Prozessen in ein Riff. In dieser Arbeit fungiert der Klang als Vermittler, der Leben in die Skulpturen bringt, bis diese keine separaten Objekte mehr sind, sondern Teil des Riffs selbst.“
Ein Monitor in Augenhöhe am Ausgang ermahnt an die akute Gefährdung der Korallenriffe weltweit. Zu sehen ist ein Ausschnitt der aktuellen Anzeigen eines Online-Portals, das Daten von Korallenriffen liefert, etwa den Grad der Abweichung von der Normaltemperatur. Fünf Kategorien zeigen aufsteigend die Gefährdung an. Die 4 leuchtet auf für La Reunion und die Gloriosa Islands, nördlich und westlich von Madagaskar im Pazifischen Ozean liegen.
Was bedeutet es also, wenn Wissenschaftler:innen und Künstler:innen Hand in Hand arbeiten? Gegenseitige Inspiration dürfte an erster Stelle stehen. Diese aber ist nicht messbar. Marco Barotti hat ein Environment geschaffen, das sowohl der Forschung als auch der Imagination dient. Wer sich auf seine maritime Klanglandschaft einlässt, kommt dem unbekannten Leben unter Wasser ein Stück näher.
Die Ausstellung Coral Sonic Resilience von Marco Barotti ist zu sehen im ZKM Karlsruhe, in der Science Gallery Melbourne und im Art Laboratory Berlin.
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