Fans zahlen auf Zweitplattformen oft ein Vielfaches des ursprünglichen Ticketpreises. Künstler, Veranstalter und Verbraucherschützer fordern deshalb strengere Regeln. Doch wie funktioniert das Geschäft mit ausverkauften Konzerten - und was plant die Politik?
Zweitvermarktung Aus 70 werden 6.000 Euro für ein Konzertticket
Von Franziska Walser Wiebke Keuneke
Als Daniel Treseler seinen Computerbildschirm teilt, dauert es nur wenige Sekunden bis zu der Zahl, die ihn fassungslos den Kopf schütteln lässt. Der Booker der Konzertagentur Landstreicher Concerts öffnet den offiziellen Ticketshop von AnnenMayKantereit. Für ein ausverkauftes Konzert wird dort eine zurückgegebene Karte weiterverkauft mit einem Aufpreis von zehn Euro Gebühr.
Dann klickt er auf eine Zweitverkaufsplattform: 230 Euro, 370 Euro, und schließlich ein Angebot für 6.000 Euro. "Das ist reine Spekulation. Das ist Abzocke", sagt Treseler.
Der Ticketzweitmarkt beschäftigt die Musikbranche seit Jahren. Doch inzwischen diskutieren nicht mehr nur Künstler und Veranstalter darüber, auch Verbraucherschützer und Politiker fordern strengere Regeln.
"Wurde ich hier gerade von der Band abgezogen?"
Könnte es den Bands nicht egal sein, was nach dem Ticketverkauf passiert? Schließlich haben sie ihr Geld bereits erhalten. Doch für Christopher Annen geht es um etwas anderes. Der Gitarrist von AnnenMayKantereit ist zugleich Co-Vorsitzender des Musikerverbands Pro Musik, der die Interessen von Musikerinnen und Musikern vertritt.
Beim "Parliament of Pop", einem Dialogformat zwischen Musikbranche und Politik im Bundestag, sagte er Ende Mai: "Ich kenne keinen Artist, der oder die sagt: Ticketzweitmarkt ist mir egal. Ganz oft kann nicht differenziert werden: Wurde ich hier gerade von der Band abgezogen? Am Ende bleibt bei den Fans das Gefühl: Die Band lässt mich nicht mit dem Ticket ins Konzert, auf das ich mich monatelang gefreut habe."
Christopher Annen von AnnenMayKantereit beim Pressestatement im Bundeskanzleramt. (Quelle: dpa)
Der Ärger der Fans lande deshalb häufig bei den Künstlern selbst, auch wenn sie mit den überhöhten Preisen auf dem Ticketzweitmarkt gar nichts zu tun haben.
Geld fehlt dann an anderer Stelle
Wichtig ist auch der wirtschaftliche Effekt: Wenn Fans statt 60 Euro plötzlich 250 oder 300 Euro für ein Ticket bezahlen, fehlt dieses Geld an anderer Stelle im Musikbetrieb. "Das Geld fehlt an der Theke, im Club, beim Merchandise oder vielleicht bei einem anderen Konzert, das sie sich dann nicht mehr leisten können", sagt Konzertagent Daniel Treseler.
Die Branche argumentiert deshalb, dass nicht nur einzelne Käufer geschädigt werden, sondern das gesamte Konzertsystem.
Bots kaufen Tickets schneller als Menschen
Eine entscheidende Rolle spielen sogenannte Bots, automatisierte Software-Programme, die Konzertkarten innerhalb von Sekunden kaufen können. "Studien sagen, dass 40 bis 60 Prozent aller Tickets tatsächlich von Bots gekauft werden", sagt Sebastian Späth, Professor für Digitale Märkte an der Universität Hamburg.
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Diese Bots klicken [...] einfach sehr viel schneller als jeder Mensch klicken könnte.
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Sebastian Späth, Professor für Digitale Märkte an der Universität Hamburg
Die Technik dahinter sei vergleichsweise simpel: "So ein Bot kann innerhalb von ein paar Minuten bis zu 10.000 Accounts anlegen, die entweder mit eingekauften Identitäten echter Menschen oder wirklich mit Fake-E-Mail-Konten kreiert werden", erklärt Späth. "Diese Bots klicken sich sozusagen durch den Einkaufsprozess durch und können das einfach sehr viel schneller als jeder Mensch klicken könnte." Während Fans noch Namen, Adresse oder Kreditkartennummer eingeben, kaufen Bots automatisiert ein.
Die Folge: Viele Fans gehen beim regulären Vorverkauf leer aus und finden die gleichen Tickets kurze Zeit später auf Zweitplattformen wieder, allerdings deutlich teurer.
Nicht nur überteuert, manchmal auch ungültig
Hohe Preise sind aber nicht das einzige Risiko auf dem Ticketzweitmarkt. Neben den legalen Zweitverkaufsplattformen haben auch Kriminelle den Ticketmarkt für sich entdeckt. Veranstalter berichten immer wieder von gefälschten Tickets oder Eintrittskarten, die mehrfach verkauft wurden. Für Käufer wird das oft erst am Einlass sichtbar, wenn das Ticket vom System nicht akzeptiert wird.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Manche Tickets wurden ursprünglich mit gestohlenen oder missbräuchlich verwendeten Kreditkartendaten gekauft. Wird die Zahlung später rückgängig gemacht oder als Betrugsfall erkannt, kann das Ticket nachträglich ungültig werden, obwohl der Käufer auf dem Zweitmarkt dafür bezahlt hat.
Für Fans ist das Risiko oft schwer einzuschätzen, weil Herkunft und Verkaufsweg eines Tickets nicht immer transparent sind.
Die Band AnnenMayKantereit auf der Bühne
Nicht jeder Weiterverkauf ist problematisch
Genau deshalb geht die Debatte inzwischen weit über die Frage hinaus, ob Tickets zu teuer weiterverkauft werden. Es geht auch um Transparenz, Verbraucherschutz und die Frage, wie ein fairer Weiterverkauf aussehen kann. Wer krank wird oder kurzfristig verhindert ist, soll seine Karte weitergeben können. Genau dafür gibt es inzwischen auch offizielle Wiederverkaufsplattformen der Veranstalter.
Nach Angaben des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) werden jedoch nur rund 25 Prozent der Tickets auf dem Zweitmarkt wegen Krankheit, Verhinderung oder ähnlicher Gründe verkauft. Bei Dreiviertel des Handels geht es dagegen um den Gewinn. Genau dort sehen viele Veranstalter das eigentliche Problem.
Verbraucherschutz ist alarmiert
Kritik kommt nicht nur von Künstlern und Veranstaltern. Die Verbraucherzentrale Bayern beschäftigt sich seit Jahren mit dem Ticketzweitmarkt und hat mehrfach gegen Plattformen wie Viagogo geklagt. Dabei ging es unter anderem um Transparenzfragen: Können Käufer erkennen, dass sie sich auf einem Zweitmarkt befinden? Sind gewerbliche Verkäufer ausreichend gekennzeichnet? Werden Preise nachvollziehbar dargestellt inklusive des Originalpreises?
Mehrere Gerichte gaben den Verbraucherschützern in wesentlichen Punkten Recht. So musste unter anderem die Identität gewerblicher Händler offengelegt werden. Aktuell wird weiter über Informationspflichten und Preisangaben gestritten.
Die Betreiber der Zweitmarktplattformen weisen die Kritik zurück. Auf rbb-Anfrage erklärt Viagogo, Käufer würden den ursprünglichen Ticketpreis, den Verkaufspreis und Informationen über die Verkäufer sehen. Außerdem werde das Geld erst ausgezahlt, wenn Käufer erfolgreich Zutritt zur Veranstaltung erhalten hätten. Eine Preisobergrenze gebe es allerdings nicht. Wie hoch ein Ticket angeboten wird, entscheiden die Verkäufer selbst.
Andere Länder sind deutlich strenger
Deutschland gehört bei der Regulieruung des Ticketzweitmarkts bislang eher zu den zurückhaltenden Ländern. In Belgien ist der gewerbsmäßige Weiterverkauf von Tickets grundsätzlich verboten. In Frankreich können Veranstalter deutlich stärker kontrollieren, auf welchen Plattformen ihre Tickets weiterverkauft werden dürfen. Großbritannien diskutiert derzeit über Preisobergrenzen für den Weiterverkauf von Eintrittskarten.
Viele Vertreter der deutschen Musikbranche argumentieren daher, dass strengere Regeln durchaus möglich seien.
Doch der politische Druck wächst. Ende Mai forderte ein breites Bündnis aus Künstlern, Veranstaltern und Musikverbänden die Bundesregierung in einem offenen Brief zum Handeln auf. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderen Die Toten Hosen, Kraftklub, Tocotronic, AnnenMayKantereit, der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft sowie der Verband Pro Musik.
Die zentrale Forderung: Veranstalter sollen künftig selbst entscheiden können, auf welchen Plattformen ihre Tickets weiterverkauft werden dürfen.
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Die Bundesregierung hat sich geeinigt, sie wollen regulieren, dann sollen sie es jetzt auch bitte machen. Und zwar möglichst schnell.
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Felix Methmann, Teamleiter Recht und Handel bei der Verbraucherzentrale Bundesverband
Forderung: "Bundesregierung soll regulieren"
Für die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) geht die Debatte allerdings über die Interessen der Musikbranche hinaus. Felix Methmann, Leiter des Teams Recht und Handel beim vzbv, sind vor allem zwei Punkte wichtig: Der private Weiterverkauf von Tickets müsse weiterhin möglich bleiben. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass gewerbliche Händler Tickets in großem Stil aufkaufen und zu deutlich höheren Preisen weiterverkaufen.
Gemeinsam mit Verbraucherzentralen, Fußball- und Veranstalterverbänden hat der Verbraucherzentrale-Bundesverband deshalb die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. "Die Bundesregierung hat sich geeinigt, sie wollen regulieren, dann sollen sie es jetzt auch bitte machen. Und zwar möglichst schnell", sagt Methmann.
Der Verbraucherschützer spielt auf den Koalitionsvertrag an, darin haben Union und SPD angekündigt, den Ticketzweitmarkt stärker regulieren zu wollen. Auf rbb-Anfrage teilte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) mit, dass ihr Haus derzeit prüfe, welche gesetzlichen Maßnahmen geeignet seien, um Verbraucher besser vor Missbrauch auf dem Ticketzweitmarkt zu schützen.
Bis mögliche neue Regeln kommen, bleibt für Konzertfans vor allem eines wichtig: Genau hinzuschauen, wo sie ihre Tickets kaufen. Daniel Treseler und andere Vertreter der Musikbranche raten dazu, wenn möglich, die offiziellen Ticketshops der Künstler zu nutzen. Das sei die sicherste Variante. Dort sind die Tickets in der Regel auf Echtheit geprüft, Preisaufschläge begrenzt und das Risiko damit deutlich geringer, am Ende mit einem ungültigen Ticket vor der Konzerthalle zu stehen.
Sendung: rbb24 Abendschau, 05.06.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb|24, 06.06.2026, Material: rbb24 Abendschau