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Pianist vertont Fußball: Live-Soundtrack für das Rasen-Ballett

Дата публикации: 12-06-2026 06:10:12

In der Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin-Schöneberg macht Stephan Graf von Bothmer das WM-Eröffnungsspiel zum Erlebnis. Selbst Pass-Geplänkel wertet er mit seiner Musik auf.


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Konzert Pianist vertont Fußball Live-Soundtrack für das Rasen-Ballett

Stephan Graf von Bothmer spielt Live-Musik zum Eröffnungsspiel der FIFA Fußball-WM (Quelle: rbb)
Stephan Graf von Bothmer spielt Live-Musik zum Eröffnungsspiel der FIFA Fußball-WM (Quelle: rbb)

Von Kai Salander

Vor dem Altar der Zwölf-Apostel Kirche in Berlin-Schöneberg steht an diesem Abend eine Leinwand. Darauf verfolgen etwa 40 Gäste das Eröffnungsspiel der FIFA Fußball-WM der Männer zwischen Mexiko und Südafrika. Auf den Kirchenbänken sitzen einige Fans mit Bier und Wurst. Die Bar steht direkt neben dem Eingang, im Garten vor der Kirche brutzelt das Fleisch auf dem Grill.

"Public Viewing mit dramatischer Live-Musik" steht auf den Flyern, die in der Kirche verteilt liegen. Tiefe Töne, als der WM-Pokal auf der Leinwand erscheint - und Stephan Graf von Bothmer versteht es, von spannungsgeladenen Flächen mit nur wenigen Tönen über eine euphorische Passage zur südafrikanischen und gleich darauf zur mexikanischen Nationalhymne zu wechseln. Lückenlos - ein einziger Musikfluss, ein Wechselbad der Gefühle, dabei rollt der Ball noch nicht mal.

"Fußball ist unser Leben" ertönt

Nationalhymnen, gespielt am Klavier - das mag ungewöhnlich sein. Aber richtig skurril wird es, wenn der Pianist mit seinem Klavierspiel Szenen auf dem Platz untermalt, beschreibt, kommentiert. Die Melodie von "Fußball ist unser Leben", dem Song der deutschen Männernationalmannschaft von 1974 ertönt, als die Schiedsrichter den Rasen betreten. Griegs berühmter Morgen-Klassiker aus "Peer Gynt" erklingt, als die mexikanische Startelf auf dem Bildschirm erscheint - ob die wohl vor dem Spiel so ausgeschlafen sind, wie die bekannte Klassik klingt?

Deutlich disharmonisch spielt von Bothmer, als die Fifa-Funktionäre in schwarzen Anzügen in der Stadionloge zu sehen sind. Als das Spiel beginnt, greift er härter in die Tasten. So klingt die Partie bereits ab Anstoß deutlich spannender, als sie wirklich ist. Die Titelmelodie von "Mission: Impossible" läuft. Bei einem Angriff der Mexikaner spielt von Bothmer erst hektische Noten auf dem Synthesizer, schneller und schneller, und verlangsamt sein Spiel erst, als der Ball über die Seitenlinie ins Aus rollt.

Torjubel als modernes Ballett

Als die Mexikaner in der achten Minute das erste Tor schießen, unterstreicht das E-Piano die Szene und verleiht dem Torjubel die Aura eines modernen Balletts. Fast wirkt es so, als würden die Stürmer jubelnd im Takt springen. Selbst das Pass-Geplänkel der unterlegenen Südafrikaner wertet von Bothmer auf - mit einer Maultrommel. Dazu dunkle E-Piano-Bässe als der Schiedsrichter nach einem Foul der Südafrikaner die Gelbe Karte zieht.

Alles klingt in der Zwölf-Apostel-Kirche noch eine Ecke dramatischer. Ein Foulspiel wirkt durch die Musik wie eine blutrünstige Attacke in einem Krimi. Weite Flanken haben einen Hauch von Unendlichkeit - durch Synthesizer-Flächen und den natürlichen Hall im Kirchenschiff. Dabei fliegt der Ball nur ein paar Meter über das Spielfeld.

Musik als Katalysator für die großen Emotionen

"Popcorn" gibt es auch - zumindest aus den Boxen: der Welthit von Gershon Kingsley. Zwei mexikanische Fans wippen im Takt auf der Kirchenbank. Die Staccato-Töne untermalen mühelos die Hektik auf dem Spielfeld kurz nach der Trinkpause. Eine ähnliche Funktion erfüllt auch der Donauwalzer: Das Hin- und Herwiegen gleicht dem Auf- und Abtraben auf dem Spielfeld, als der Ball während besonders langweiliger Spielpassagen mal in die eine dann in die anderen Spielfeldhälfte rollt.

Die Titelmelodie aus "In der Halle des Bergkönigs" summen sogar einige Fans leise mit. Das Publikum ist bunt gemischt: Senioren, Paare im mittleren Alter und auch einige junge Leute sind gekommen, darunter eine Gruppe Mexikaner, die besonders mitfiebert. Stephan Graf von Bothmer spielt sich durch Klassik, Filmmusik, Pop-Hits und psychedelischen Achtziger-Jahre Synthesizerbrettern. Die Musik wirkt dabei wie ein Katalysator für die großen Emotionen - und so fühlt sich das Eröffnungsspiel fast schon wie das WM-Finale an. Spannend bis zum Abpfiff.

Ein Foul oder doch ein schwerer Unfall?

In der Halbzeitpause versammelt sich eine kleine Gruppe vor den Instrumenten. Der Multiinstrumentalist grinst und erklärt seinen Synthesizer-Fuhrpark: Eine der Kisten koste etwa 10.000 Euro, könne aber dafür erstaunlich wenig. Anerkennend nickt ein Fan: "Psychedelic-Musik vom Feinsten - wo hört man denn sowas heute noch?" Pünktlich zum Anpfiff der zweiten Halbzeit lässt von Bothmer wieder den Oldschool-Synthesizer brummen: mächtig dröhnende Basslinien. Dazu spielt er gleichzeitig Melodica, Retro-Vibes für die nächsten 45 Minuten.

Der Schiedsrichter zieht erneut Rot, schickt den Südafrikaner Yaya Sithole vom Spielfeld. Während der Zeitlupe laufen maximal verstimmte Synthesizer-Töne - so hat die Grätsche, das Foul, mehr was von einem schweren Unfall. Ein Gänsehaut-Moment, Begeisterungsrufe aus dem Publikum. Vor der Kirche bleiben wieder und wieder Passanten stehen, lugen durch die geöffneten Türen und setzen sich ganz verdutzt auf die Bänke.

Nächster Auftritt am Sonntag

Mit einer filigranen Piano-Einlage unterstreicht von Bothmer die Leichtigkeit des 2:0 der Mexikaner, verleiht so der Zeitlupe eine gewisse Romantik. Bei der zweiten Roten Karte für Südafrika läuft ein schnelles Arpeggio, als der Schiedsrichter auf den Spieler zuläuft - mit jedem Schritt verzerrt sich der donnernde Keyboard-Rhythmus ein wenig mehr. Wie entscheidet sich der Referee? Eine Szene, wie in einem Actionfilm. Und als der Unparteiische die Rote Karte zieht, erreicht das Crescendo seinen Höhepunkt - zu einem Soundtrack, der an die Filmmusik von "Blade Runner" erinnert, dem 80er-Kultstreifen.

Das Musikalischste am Fußball war lange allein die Nationalhymne - mit viel Wohlwollen vielleicht noch die Fangesänge. Stephan Graf von Bothmer beweist bei seinem Fußballkonzert in der Zwölf-Apostel-Kirche, dass mehr geht. Am Sonntag wird es das dort wieder tun, wenn Deutschland gegen Curaçao spielt.

Sendung: rbb|24, 12.06.2026, 07:30 Uhr

Audio: rbb|24, 12.06.2025, Kai Salander

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