Gletscher schmelzen, Bergbauern geben auf: Tirol ist im Wandel. Gleichzeitig bleibt es das Klischee von Bergromantik. Wie passt das zusammen? Vielleicht gar nicht - eine Ausstellung im Museum für Europäische Kultur in Berlin-Dahlem versammelt Blicke auf diese Gegend.
Ausstellung "Die Berge Tirols" Alpenidylle, Gletschermüll und Klimakrise
Von Corinne Orlowski
Was kommt einem in den Sinn, wenn man an das österreichische Bundesland Tirol denkt? Schneebedeckte Berge, satte Almwiesen, kristallklare Bergseen? - Ja, wenn man die Ausstellung "Die Berge Tirols“ betritt, ist man umgeben von Panoramaansichten. Allerdings bieten die nicht den klassischen Blick vom Tal auf schroffe Felsen und Gletscher, auf eine unberührte Natur. Hier gibt es die Vogelperspektive. Berge von oben also, und da wirken die Berge plötzlich plattgedrückt. Man sieht Straßen, Ortschaften, Staudämme und Wiesen - eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft.
Das Museum für Europäische Kulturen in Berlin-Dahlem (MEK) will aufräumen mit Vorurteilen und eben kein Klischee einer hinterwäldlerischen Berg-Idylle reproduzieren, sondern eine Region zeigen, die von Klimawandel und Massentourismus geprägt ist.
Seit der Antike ist Tirol ein Umschlagplatz mit Handels- und Reiserouten – man denke nur an die Gletschermumie Ötzi. Und doch werden hier die typischen Themen im Hochgebirge aufgegriffen: Almwirtschaft, Bergbau, Schneelawinen.
Ausstellung
"Die Berge Tirols" im Museum Europäischer KulturenOhne den Menschen würde die Region verwalden
Gezeigt wird alles, was der Mensch in seiner Beziehung zu den Bergen braucht. Die meisten Objekte dafür hat das MEK nicht extra aus Tirol holen müssen, denn es besitzt erstaunlich viele historische Objekte aus der Region in seiner Sammlung - 900 Stück, unter anderem gesammelt vom jüdischen Berliner Mäzen James Simon und von diesen Objekten sind etliche zu sehen: Kuhglocken, Bergausrüstung, Krampusmasken, ein Reisealtar für Gottesdienste in den Bergen.
Kurator Moritz Römer zeigt auf die Auftriebskrone aus dem Jahr 1931, die Kühe dort tragen, wenn sie auf die Alm gebracht werden. Die sieht nicht so traditionell aus wie man sie sich vorstellt. Sie ist verziert mit Glitzersteinchen, Plastikblümchen und bunt gefärbten Härchen.
Diese Krone steht in ihrer Form auch für den Wandel in der Landwirtschaft. Denn traditionelle Landwirtschaft kann in Tirol - und auch in anderen europäischen Regionen - immer weniger wettbewerbsfähig produzieren.
Almauftriebe werden also eher nur noch für Touristen inszeniert. Dabei ist die Landwirtschaft für die Biodiversität wichtig. Ohne den Menschen würde die Region wieder verwalden und damit der Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen wegfallen.
Ausstellungsansicht "Die Berge Tirols" im Museum Europäischer Kulturen (MEK) . ( Quelle: Staatliche Museen zu Berlin/Miriam Lotz)
Bifi, Bier, Besteck - vor vielen Jahrzehnten im Eis entsorgt
Bei Tirol denkt man aber wegen seiner majestätischen Dreitausender, seiner tiefen Täler und weltberühmten Skigebiete auch an Outdoor-Sport. Anhand der Frage: Was nehmen die Menschen mit auf den Berg, schließlich zählt jedes Gramm?
Hier nun werden kleine Geschichten anhand von zum Teil skurrilen Objekten erzählt: ein Lawinenairbag, ein Kinderschlafsack, eine Menstruationstasse oder ein Duschkopf. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt insgesamt auf der Alltagskultur, zum Beispiel in Form von Müll, gesammelt von der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins. In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts durfte man den Müll noch legal in die Gletscherspalte entsorgen.
Durch das Abschmelzen der Gletscher kommt dieser Müll nun zum Vorschein: Holzschuhe mit Lederriemen, altes Besteck, Bifi-Verpackungen, Fanta- und Bierdosen. Römers Lieblingsobjekt ist eine alte Plastikflasche von 1969. Beim Einsammeln komplett durchgefroren steht sie jetzt gefüllt mit Schmelzwasser in der Ausstellung.
Wie eine archäologische Ausgrabungsstätte gibt der Müll Einblick in die unterschiedliche Nutzung der Gletscher, die übrigens, wenn der Klimawandel weiter voranschreitet, bereits im Jahr 2100 alle geschmolzen sein werden.
Postkartenansichten in der Ausstellung "Die Berge Tirols" im Museum Europäischer Kulturen (MEK) . ( Quelle: Staatliche Museen zu Berlin/Christian Krug)
Alpenbälle mit 3.000 Personen - in Berlin
In der Ausstellung über Tirol findet sich auch eine ziemlich ämusante Verbindung zu Berlin: Um 1900 gab es in der deutschen Hauptstadt eine große Faszination für die Alpen und darum die so genannten Alpenbälle. Da wurde etwa im Restaurant des Zoologischen Gartens und im Sportpalast gefeiert, was das Zeug hält. "Megaparties" seien das gewesen, sagt Kuratorin Franka Schneider: "Da tanzten über 3.000 Personen an einem Abend, man konnte sich vergnügen auf einer Rutschbahn, es gab Fotostationen, die Berge wurden nachgebaut und es traten Schuhplattlergruppen auf."
Die Schuhplattlergruppe der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins war sehr bekannt und die Bälle für sie sehr wichtig, denn sie stellte eine Geldeinnahmequelle dar für den Bau von Hütten und Wegen. Das berühmteste Beispiel ist die "Berliner Hütte" im Zillertal, die auch als Reproduktion gleich am Eingang´der Ausstellung zu sehen ist.
Begleitet wird die Ausstellung mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm, etwa einer Filmreihe im Museumsgarten, einem Klettertag oder einem Jodelworkshop. Dabei ist ein vielfältiges Programm gelungen, vieles ist auch heiter und geeignet, ein bisschen Urlaubsstimmung zu verbreiten.
Man kann in der Ausstellung verschiedene Perspektiven auf Tirol entdecken - eine Region, die sich verändert, und die auch durch die abschmelzenden Gletscher im Klimawandel gefährdet ist.
Sendung: rbb24 Inforadio, 23.07.2026, 16:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 23.07.2026. Sabine Dahl im Gespräch mit Corinne Orlowski