Die kommenden neun Monate werden für Nele Rutenberg (19) spannend: Die junge Freisingerin ist seit dem 10. August in Bolivien und absolviert dort einen neunmonatigen Freiwilligendienst.
Stand: 14.08.2026, 18:00 Uhr
Von: Andrea Beschorner

Die kommenden neun Monate werden für Nele Rutenberg (19) spannend: Die junge Freisingerin ist seit dem 10. August in Bolivien und absolviert dort einen neunmonatigen Freiwilligendienst.
Freising – Nele Rutenberg (19) hat seit wenigen Wochen ihr Abitur in der Tasche. Für die junge Freisingerin hat damit ein neuer Lebensabschnitt begonnen. „Es ist die Zeit des Abschieds und des Neubeginns“, sagt sie. Abschied von einigen Freunden hat sie schon genommen. Denn es dauert nicht mehr lange, bis sie in ein Flugzeug steigt und für neun Monate Freising hinter sich lässt. Ihr Ziel: Bolivien. Dort wird sie im Rahmen eines Freiwilligendienstes neun Monate Menschen begleiten, die in Bolivien ihren Lebensunterhalt mit Schuhputzen auf der Straße verdienen. Wieso sie sich auf dieses Abenteuer einlässt, hat sie im FT-Gespräch verraten.
Du gehst für neun Monate zum Freiwilligendienst nach Bolivien. Wieso ist dir das wichtig?
Ich habe das vorgelebt bekommen. Etwa durch meine Schwester, die war zum Freiwilligendienst in Ghana. Es ist ein krasses Privileg, dass ich für eine gewisse Zeit so weit weg von daheim mit Menschen zusammenarbeiten darf, mit denen ich sonst nie in Kontakt gekommen wäre. Ich darf meinen Horizont erweitern und von anderen etwas lernen. Darauf habe ich Lust.
Viele möchten nach dem Abi erst einmal eine Pause vom Lernen. Wieso ist das bei dir anders?
Auf Reisen lernt man so viel über die Welt, weil man Menschen trifft, die eine ganz andere Geschichte mitbringen. Bis jetzt habe ich hauptsächlich in der Schule gelernt, jetzt will ich praktisch lernen.
Und wieso Lateinamerika?
Ich war da noch nie. Ich möchte etwas Neues erleben. Außerdem gefällt mir die Organisation Vamos Juntos.
Weißt du schon, was dich erwartet?
Die gemeinnützige Organisation arbeitet mit Schuhputzenden in La Paz zusammen. Diese werden aufgrund ihres niedrigen sozioökonomischen Status und ihrer Arbeit in der Gesellschaft diskriminiert. Zu meinen Aufgaben gehört etwa die Unterstützung im Alltag. Etwa bei Krankenhausbesuchen oder bei der Erstellung von Sparplänen zur Altersvorsorge. Ich werde bei Workshops mitwirken. An oberster Stelle steht jedoch der persönliche Austausch mit den Schuhputzer:innen. Die Menschen bei Vamos Juntos brennen für das, was sie tun. Ich fühle mich da gut an die Hand genommen. Hier sind alle auf Augenhöhe, das war mir wichtig.
War es ein langer Abwägungsprozess, sich nach dem Abitur erst einmal in den Dienst der guten Sache zu stellen oder direkt mit dem Studium zu beginnen?
Eigentlich nicht. Da gab es dieses Vakuum, die Frage, wie es nach dem Abi weitergeht. Ich habe mich früh für diesen Weg entschieden und mich bereits im Herbst dafür beworben. Außerdem machen mir grundsätzlich die Dinge den größten Spaß, in denen ich auch einen Sinn sehe. Nach dem Abitur ist die perfekte Zeit dafür, alles auszuprobieren und sich noch nicht festzulegen. Jetzt ist noch alles offen. Und diese Zeit möchte ich nutzen, um das zu tun, worauf ich Lust habe.
Wie geht es dir, wenn du daran denkst, bald neun Monate weg von deiner Familie, deinen Freunden, weg von Zuhause zu sein?
Ich kann mir das Vermissen noch gar nicht vorstellen. So lange war ich noch nie weg von zu Hause. Das längste bisher war mit den Pfadfindern in Südkorea, das waren vier Wochen. Es wird bestimmt eine sehr intensive Zeit. Denn in neun Monaten baut man sich ja an dem neuen Ort wieder etwas auf. Alle, die ich bisher kennengelernt habe von der Organisation, sagen, dass es am Ende schwer werden wird, wieder wegzugehen. Ich werde zwar neun Monate nicht nach Hause kommen, aber Familie, mein Freund und Freund:innen werden mich besuchen kommen.
Hast du Angst davor?
Ich weiß es nicht. Ich kann es im Moment noch nicht einschätzen, wie es sich anfühlen wird. Ein bisschen Angst habe ich davor, wie es sein wird, mit den Menschen auf der Straße in Kontakt zu treten. Davor bin ich aufgeregt. Angst macht mir auch der Gedanke, wie es sein wird, mit den Menschen hier, die mir wichtig sind, Kontakt zu halten. Über eine so lange Zeit die Nähe über eine so große Distanz aufrechtzuerhalten, das wird eine Herausforderung.
Wo wirst du wohnen in den neun Monaten?
In einer Wohngemeinschaft mit anderen Deutschen aus dem Freiwilligendienst. Das finde ich gut. So kann man sich immer austauschen. Wir werden alle ins kalte Wasser geworfen.
Gibt es etwas, worauf du dich ganz besonders freust?
Die Menschen in Bolivien sollen unglaublich herzlich sein. Darauf freue ich mich sehr, das zu sehen und zu erleben. Und die wunderschöne Natur Boliviens mit eigenen Augen zu sehen, die Salzwüste etwa, darauf freue ich mich auch sehr.
Was möchtest du aus dieser Zeit mitnehmen?
Ich glaube, mein Blick auf die Welt wird sich ändern. Ich lebe hier sehr behütet in meiner Bubble. Hier kann man sich vor manchen Dingen, die man nicht hören will, verstecken. Ich hoffe, mit ganz viel Weitsicht zurückzukehren. Diese Zeit eröffnet mir neue Perspektiven, ich werde dazulernen. Ich wünsche mir sehr, dass mir die Arbeit Spaß macht. Ich freue mich sehr darauf, die Freiheit auszukosten. Die Zeit wird mich verändern. Darauf werde ich mich einlassen.
Deine Liebsten müssen lange auf dich verzichten. Wie haben sie alle auf deine Pläne reagiert?
Ich werde richtig supportet von den Menschen um mich herum. Das finde ich toll. Ich habe mich schon von einigen verabschiedet. Das ist traurig. Aber auch schön zu sehen, dass man vermisst werden wird und es nicht egal ist, ob man da ist oder nicht. Es ist die Zeit des Abschieds und des Neubeginns. Meine Eltern haben es nicht mehr ganz so schwer, weil sie es ja von meiner Schwester schon kennen. Meine Mama wird aber trotzdem manchmal nostalgisch. Bei uns war immer viel los zu Hause. Ich weiß, dass ich immer anrufen kann. Von meiner Schwester bekomme ich gerade ganz viele Tipps. Zu meinem Freund möchte ich viel Kontakt halten, viel telefonieren und nicht nur schreiben. Damit wir das Miteinandersprechen nicht verlernen.
Hast du schon Pläne für die Zeit danach?
Erstmal Südamerika entdecken. Auch mit meiner Schwester. Wohin ist noch offen. Aber auch durch Deutschland, um zu sehen, wo meine Freund:innen alle gelandet sind. Ich habe noch nicht entschieden, in welcher Stadt ich studieren möchte. Das kommt als Nächstes. Psychologie oder Soziale Arbeit. Das steht noch nicht fest.
Du bist auch noch auf der Suche nach Unterstützung. Wie kann man dir helfen?
Mein Freiwilligendienst wird mit bis zu 75 Prozent vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über das weltwärts-Programm unterstützt. Die restlichen 25 Prozent sollen durch Spenden aufgebracht werden. Wer möchte, kann auf der Homepage von Vamos Juntos spenden, mit meinem Namen als „Verwendungszweck“.
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