Der Erntestart der Spreewaldgurke steht offenbar unter keinen guten Vorzeichen. Das Freihandelsabkommen mit Indien beschäftigt die Landwirte, ebenso der Mindestlohn. Außerdem ist die Anbaufläche geschrumpft.
Start der Gurkenernte Ein Spreewälder Original kämpft um seinen Platz
Von T. Wunderlich M. Schneider
Wer durch den Spreewald fährt, kann sie nun wieder entdecken: Die Gurkenflieger sind unterwegs - die Landwirtschaftsmaschinen, auf denen Erntehelfer im Liegen beherzt zugreifen und Gurken vom Feld holen. Denn am Dienstag war offizieller Erntestart, diesmal bei Golßen (Dahme-Spreewald).
In dieser Saison ist die Anbaufläche kleiner geworden: Acht Betriebe bauen die Gurke auf noch rund 450 Hektar zwischen Lübben, Golßen, Schlepzig (alle Dahme-Spreewald-Kreis) und Cottbus an. Im vergangenen Jahr waren es über 500 Hektar gewesen.
"Entscheidend wird am Ende der Ertrag sein, der von vielen verschiedenen vor allem äußeren Faktoren abhängt", betont der Spreewaldverein gegenüber dem rbb. Dazu gehöre unter anderem auch das Wetter in der Wachstumsphase. Kurzum: Viel Anbaufläche sei nicht gleichzusetzen mit einem hohen Ertrag.
"Bis jetzt kein Gurkenwetter"
Landwirt Heinz-Peter Frehn hat schon ein paar Tage vor dem offiziellen Start auf seinem Feld bei Golßen mit der Ernte begonnen. Er musste, wie er sagt. Das Wetter habe dafür gesorgt, dass die Gurken unregelmäßig gewachsen seien. Einige waren nun schon so groß, dass sie geerntet werden mussten - andere sind noch zu klein.
Insgesamt seien die Wetterbedingungen in diesem Jahr nicht optimal gewesen. "Kalter Mai, jetzt im Juni schon wieder kalt, gestern Morgen sieben Grad, gestern Mittag 14 Grad und extrem trocken dabei. Also es ist bis jetzt kein Gurkenwetter."
Frehn baut auf 80 Hektar Bio-Spreewaldgurken an. Das heißt: keine Pestizide, aber auch Probleme mit Mehltau und Schädlingen. "Wir haben jetzt schon vier Jahre im Bio-Betrieb rote Zahlen geschrieben und hoffen, dass wir dieses Jahr, wenn alles gut geht, mal endlich aus den roten Zahlen rauskommen." Ein weiterer Faktor sei die Bezahlung der Arbeiter. In diesem Bereich gingen 70 bis 80 Prozent des Umsatzes für die Lohnkosten drauf, so der Landwirt.
*Quelle: spreewald-info.de
Zudem bereitet Frehn das Freihandelsabkommen der EU mit Indien Sorgen, das im Januar unterschrieben wurde [tagesschau.de]. Es soll den Handel zwischen beiden Seiten erleichtern und den Austausch von Waren vereinfachen. Dabei geht es auch um den Import von Gurken nach Deutschland. "Die EU und Indien haben sich [...] zunächst auf den zollfreien Import von 60.000 Tonnen Gurken geeinigt", teilte das Brandenburger Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz (MLEUV) dem rbb mit.
"Wenn wir hier in ganz Deutschland vielleicht 100.000 Tonnen ernten, mit Bayern als Hauptanbaugebiet, dann spielen die 60.000 Tonnen schon eine riesige Rolle", so Heinz-Peter Frehn.
Erntehelfer liegen auf dem Gurkenflieger und holen die Gurken vom Feld (Foto: rbb/Opitz)
Dem MLEUV liegen nach eigenen Angaben aktuell keine konkreten Daten oder eindeutige Hinweise vor, "die belegen würden, dass indische Gurkenimporte den deutschen Markt bereits in erheblichem Umfang verdrängen oder kurzfristig verdrängen werden." Durch den besonderen Schutz der Bezeichnung "Spreewälder Gurken" könnten darüber hinaus indische Gurken nicht einfach "die regionale Rohware ersetzen", heißt es.
Der Name "Spreewälder Gurken" darf in der Europäischen Union nicht nach Belieben genutzt werden. Er wurde 1999 von der EU-Kommission als geografisch geschützte Angabe (g.g.A.) anerkannt [eur-lex.europa.eu]. Dadurch entstehen konkrete Vorgaben.
"Die Handelsware muss demnach hauptsächlich aus Gurken [...] bestehen, die im Wirtschaftsraum Spreewald nach kontrollierten integrierten Produktionsmethoden angebaut worden sind", heißt es auf der Internetseite des MLEUV. Konkret bedeutet das: Ein verarbeitetes Produkt darf nur so genannt werden, wenn mindestens 70 Prozent der Gurken im Glas auch aus dem Wirtschaftsraum Spreewald stammen [ec.europa.eu].
Darüber hinaus gibt es laut Melanie Kossatz vom Spreewaldverein weitere Rezeptinhalte, die wichtig sind: "Frische Zwiebeln, frischer Dill."
Insgesamt fünf Brandenburger Produkte haben wie die Spreewaldgurke so ein Siegel zur Herkunftsgarantie bereits erhalten, zum Beispiel der Beelitzer Spargel und der Peitzer Karpfen.
Am Ende müsse die Kundschaft am Regal bewusst entscheiden, ob sie das regionale Produkt kauft, so Melanie Kossatz - auch, wenn es auch etwas teurer sei. Landwirt Heinz-Peter Frehn befürchtet, dass der Druck durch Produkte aus Indien zu hoch sein könnte. "Das wird den Markt schon schädigen." Die Frage sei, inwieweit Anbauer im Spreewald Verluste bei den Gurken mit anderen Kulturen, zum Beispiel Erdbeeren, ausgleichen können. Doch den Gurkenbereich sehe er "schon sehr skeptisch".
Nach Angaben des Brandenburger Ministeriums für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz sei es denkbar, dass günstige Importware aus Indien "den Markt für 'normale' Gewürz- oder Einlegegurken unter Druck setzen und dadurch indirekt auch die Spreewälder Erzeuger treffen" könne. Diese Importware "könnte insbesondere im niedrigen Preissegment Wettbewerbsdruck erzeugen", heißt es weiter. Ob dieser Effekt tatsächlich eintrete, sei im Moment nicht absehbar.
Archivbild aus den 1920ern: Die Spreewaldbewohner bringen in grossen Kähnen ihre Gurken zum Verkauf. (Quelle: imago images/TT)
Der Spreewald und die Gurke sind bereits seit Jahrhunderten ein unzertrennliches Paar. "Bereits im 7./8. Jahrhundert bauten Slawen erste Gurken an", heißt es auf der Internetseite spreewald-info.de. Im 16. Jahrhundert hätten niederländische Einwanderer den Anbau intensiviert. Zu DDR-Zeiten kamen die Produkte vom VEB Spreewaldkonserve Golßen.
Archivbild 1980: Frauen verpacken gefüllte Gläser mit Spreewaldgurken im VEB Spreewaldkonserve Lübbenau. (Quelle: dpa/Glienke)
Melanie Kossatz vom Spreewaldverein ist sich sicher: Die Gurke aus dem Spreewald werde es immer geben. "Sie gehört einfach zur Region dazu, sie gehört zum Tourismus dazu. Spreewald steht für Spreewälder Gurke."
Doch möglicherweise steht sie in Zukunft nur noch als Luxusartikel im Delikatessenregal.
Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 16.06.2026, 19:30Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 16.06.2026, A. Opitz/A. Anders-Lepsch
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