Statt komplett in Rente zu gehen, reduzierte ein Tierarzt seine Verantwortung. Heute bestimmt er seinen Arbeitsalltag selbst – und verdient deutlich mehr.
Courtesy of Ron Titterington
Tierarzt Ron Titterington reduzierte bewusst seine Verantwortung statt vollständig in Rente zu gehen.
Heute arbeitet der 59-Jährige flexibel als Vertretungstierarzt und bestimmt seinen Dienstplan selbst.
Trotz weniger Stress verdient er nach eigenen Angaben fast doppelt so viel wie früher.
Dieser Artikel basiert auf einem Gespräch mit Ron Titterington (59), der als Vertretungstierarzt in Eugene im US-Bundesstaat Oregon arbeitet. Das Interview wurde aus Gründen der Länge und Verständlichkeit bearbeitet.
Ich wusste schon nach einem Schlüsselerlebnis in der vierten Klasse, dass ich Tierarzt werden wollte.
Mitten in der Nacht wurde vor unserem Haus der Hund eines Fremden von einem Auto angefahren. Ich saß auf der Rückbank und versuchte, das Tier zu beruhigen, während mein Vater zur Tierklinik fuhr.
Der Hund überlebte leider nicht. Trotzdem wurde mir in diesem Moment klar, dass ich später einmal mit Tieren arbeiten wollte.
Schon früh stand mein Berufswunsch festBereits ab der achten Klasse arbeitete ich neben der Schule in Hundepensionen und Tierarztpraxen. 1992 schloss ich schließlich mein Studium der Veterinärmedizin und Chirurgie ab.
Später kaufte ich eine kleine Tierarztpraxis mit rund 140 Quadratmetern Fläche. Bis 2008 war daraus ein Betrieb mit etwa 930 Quadratmetern und mehr als einem Dutzend Mitarbeitern geworden.
Ich mochte den Kontakt mit den Tierhaltern und freute mich, wenn ich ihren Haustieren helfen konnte. Besonders erfüllend waren Eingriffe bei großen Hündinnen, die acht oder mehr Welpen erwarteten.
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In solchen Fällen war häufig ein Kaiserschnitt nötig. Dann arbeitete das gesamte Praxisteam zusammen. Jeder Mitarbeiter kümmerte sich nach der Geburt um einen Welpen und half dabei, ihn zu stabilisieren.
Natürlich gab es auch die weniger angenehmen Seiten des Berufs. Steuern, Versicherungen, Marketing und die ständige Kontrolle der Kosten sorgten dauerhaft für Stress.
Ich konnte der Vorstellung, die Praxis immer weiter auszubauen, irgendwann nichts mehr abgewinnen. Hinzu kamen organisatorische Probleme wie langwierige Genehmigungsverfahren mit den Behörden.
Obwohl ich bis zu 150.000 Dollar im Jahr verdiente (etwa 129.000 Euro), stand ich unter enormem finanziellem Druck. Gleichzeitig blieb immer weniger Zeit für das, worum es mir eigentlich ging: mich um Tiere zu kümmern.
Der Erfolg hatte seinen PreisIrgendwann wurde meine Praxis von einem Unternehmen übernommen. Ich begann darüber nachzudenken, wie es für mich weitergehen sollte. Ich war völlig ausgebrannt und hatte keine Kraft mehr.
Ich sagte zu meiner Frau Kathleen, die ebenfalls Tierärztin ist: „Ich glaube, ich bin mit der Veterinärmedizin fertig. Ich empfinde einfach keine Freude mehr daran.“ Es dauerte mehr als ein Jahr, bis ich diesen Einschnitt verarbeitet hatte. Zwischenzeitlich dachte ich sogar darüber nach, mich zum Lehrer umschulen zu lassen und Mathematik oder Naturwissenschaften an einer Highschool zu unterrichten.
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Trotzdem führte mich mein Weg 2016 im Alter von 49 Jahren zurück in meinen ursprünglichen Beruf. Ich wurde zunächst leitender Tierarzt bei einer Krankenversicherung für Haustiere und arbeitete mich bis zum Chief of Medicine hoch. Dort verdiente ich ungefähr so viel wie zuvor als Inhaber meiner eigenen Praxis.
Courtesy of Ron Titterington
Zwar war ich inzwischen überwiegend in einer Führungsposition tätig, führte aber weiterhin orthopädische Operationen durch und beriet Kollegen – insbesondere während des Personalmangels in der Corona-Pandemie.
Meine Arbeitstage dauerten zehn Stunden, oft musste ich auch an Wochenenden arbeiten. Zeit für mich selbst blieb praktisch nie. Ich schätzte meine Kollegen sehr, aber von einer ausgewogenen Work-Life-Balance konnte keine Rede sein.
Dann erkrankte mein Vater an Krebs. In diesem Moment wurde mir klar, dass sich etwas ändern musste. Ich wollte für ihn da sein. Ich dachte: „Dieser Job gibt mir nichts mehr. Er überfordert mich und lässt mir nicht einmal die Möglichkeit, einfach Sohn zu sein.“
Heute bestimme ich meinen Arbeitsalltag selbstKathleen und ich sprachen lange darüber. Im August 2023 kündigte ich schließlich. Einen konkreten Plan hatte ich damals nicht. Am Ende landete ich in dem, was ich gern als „Soft Retirement“ bezeichne.
Heute arbeite ich als Vertretungstierarzt und bin damit gewissermaßen halb im Ruhestand und halb noch im Berufsleben. Meine Einsätze werden über die App Roo vermittelt, die Tierärzte mit Kliniken und Praxen zusammenbringt, die vorübergehend Unterstützung benötigen.
Ich entscheide selbst, wann ich arbeite. Ich kann jeden Einsatz annehmen oder ablehnen – ganz gleich, wo er stattfindet. Es fühlt sich großartig an, nicht mehr an der Spitze der Hierarchie zu stehen und die gesamte Verantwortung tragen zu müssen.
Altersdiskriminierung habe ich bislang nicht erlebt. Die jungen Tierärzte direkt nach dem Studium sind in den allermeisten Fällen großartige Kollegen. Sie respektieren meine Erfahrung und fragen mich oft nach meiner Einschätzung.
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Ich dränge niemandem meine Meinung auf. Ich bin eher der ruhige Mensch im Hintergrund, der sagt: „Gut, dann machen wir das so und sehen weiter.“
Courtesy of Ron Titterington
Gleichzeitig lerne ich jeden Tag von den Berufsanfängern. Wenn sie etwas besonders schnell beherrschen, sage ich ihnen oft scherzhaft: „Dafür würde ich wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit brauchen.“
Es geht mir heute nicht mehr um berufliche Zufriedenheit, sondern darum, Freude an der Arbeit zu haben. Und ich freue mich natürlich auch darüber, dass ich inzwischen fast doppelt so viel verdiene wie in meinen früheren, deutlich stressigeren Positionen.
Mehr Zeit für Familie – und mehr EinkommenDer Bedarf an Vertretungskräften ist derzeit enorm, weil in den USA zu wenige neue Tierärzte nachrücken.
Vor allem meine chirurgische Erfahrung ist gefragt. Viele Kliniken kontaktieren mich direkt. Wenn ich wollte, könnte ich fünf Tage pro Woche arbeiten. Tatsächlich muss ich Interessenten sogar regelmäßig sagen, dass ich keinen sechsten Arbeitstag mehr übernehmen möchte.
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Auch privat hat sich vieles verbessert. Mein Vater ist inzwischen wieder sehr selbstständig, und Kathleen und ich verbringen deutlich mehr gemeinsame Zeit in der Natur.
Für die Zukunft kann ich mir nicht vorstellen, die Veterinärmedizin komplett hinter mir zu lassen. Für meine Familie und mich hat sich der „Soft Retirement“-Ansatz als genau der richtige Weg erwiesen.
Lest den Originalartikel auf Business Insider US.
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